Man hatte uns doppelseitig verarscht. Wir beschlossen, dass wir diesen 99-Pfennig-Laden, wenn wir mit unserer steil nach oben gehenden Rockstarkarriere ganz dick im Geschäft wären, auf das Heftigste, in den einschlägigen Musiksendungen und Samstagabendshows, beleidigen würden. In diesem Proberaum entstand auch unser erstes Demo-Tape. Ein Demo, vor allem das erste Demo-Tape, ist so was wie der Heilige Gral eines Musikers und dient mehreren Zwecken. Es ist so: Grundsätzlich finden Eltern es gut, wenn ihre pubertären Jungs beschließen, ihre Freizeit damit zu verbringen, anstatt in verrauchten Kneipen herum zu hängen, Bier zu trinken, Kippen zu rauchen und Mädchen auf die Ärsche zu schauen, lieber in einem Proberaum zu stehen und sich ihren musikalischen Ideen hinzugeben. Ob dann am Ende eine Punkband oder eine volkstümliche Blasmusikkapelle heraus kommt, ist dabei völlig egal. Zumindest sind die Jungs von der Straße weg und machen keinen Unsinn. Wenn dann aber die Jungs über Monate in einem dunklen Proberaum verschwinden ohne ein brauchbares Ergebnis vorweisen zu können, könnten Eltern irgendwann dann doch misstrauisch werden. Das erste Demo ist daher quasi der erste echte hörbare Beweis, etwas künstlerisch Kreatives geleistet zu haben. Das wir in den dunklen Proberäumen Bier getrunken haben, Kippen geraucht und der Sängerin auf den Arsch geschaut haben, ahnen die lieben Eltern dabei eher selten. Das erste Demo ist aber auch die erste Möglichkeit, sich selber, die eigene Band, die eigene Musik auf einer Aufnahme zu hören. Es ist so etwas wie ein Kinderbild von früher, die erste Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen oder der erste Applaus in der Theatergruppe. Eine bleibende Erinnerung an einen besonderen Moment. Im Wert steht das Demo-Tape sogar noch über der ersten richtig produzierten CD, finde ich. Bis es nämlich soweit ist, hat man schon unzählige Demos aufgenommen. Mit den Worten: „Hört euch mal den geilen Scheiß hier an“, wird diese Kassette bei jeder Gelegenheit, bei jeder Party, im Auto oder bei Freunden ins Tapedeck geschoben, um ihnen zu zeigen, was man sich da im Proberaum ausgedacht hat. Es gibt ein Original von diesem Demo-Tape und es werden ständig „Sicherheitskopien“ angefertigt. Es wäre ein nicht zu ersetzender Verlust, wenn das Demo verschwinden würde oder kaputt gehen würde. Darum bleibt das Original auch eigentlich immer an einem sicheren Ort und das ist meistens der Proberaum. Für unseren Proberaum waren wir sehr dankbar. Schon damals war es sehr schwer, in Aschaffenburg eine geeignete Räumlichkeit zu finden. Proberäume haben alle eins gemeinsam. Meistens sind es runter gekommene, seit langem leer stehende, dunkle, muffige, eher zu kalte, als zu warme Kellerräume, ohne Toilette und fließend Wasser, ohne Sitzgelegenheiten und auch ohne den gesamte Rest, der einen Raum behaglich wirken lässt, für den man den Besitzer allerdings mit einem gar fürstlichem Salär entlohnen muss. Wir aber hatten ein ehemaliges Büro im Erdgeschoss, mit Fenstern, genug Abstellflächen und Einbauschränken und es war weder zu warm, noch zu kalt. Darum beschlossen wir, uns bei unserem Proberaumspender zu bedanken. Unter dem Vorwand etwas Wichtiges klären zu müssen, lockten wir ihn zu uns in den Proberaum. Der später zu uns stoßende Saxophonist Andreas, ein fertig studierter Architekt, machte Franks Vater klar, dass in der einen Ecke des Proberaums „irgendwas mit der Statik nicht stimme“. Als er dann zu uns in den Raum kam, standen wir mit umgeschnallten Instrumenten da und sangen ihm „Jailhouse Rock“ von Elvis Presley, umgetextet in „Proberaum“ vor, um unsere Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. So stellte sich die Sachlage wenigstens für uns dar. Ausgehend von dem, was dann geschah, war das wohl eine völlige Fehleinschätzung der Situation. Tatsache war nämlich, dass ihm sein schütteres Haupthaar, wie von einer professionellen Windmaschine angestrahlt, wie ein Fähnchen im Wind nach hinten wehte. Seine, zu diesem Zeitpunkt noch durchaus freundlich gestimmte Mimik, entgleiste ihm durch den enormen Schalldruck gänzlich und schien wie im Gesicht festgefroren. Wir föhnten diesen armen Mann, aufgrund unserer brachialen Lautstärke, einmal quer durch den Proberaum an die Wand und man hatte das Gefühl, als wäre er auf halber Höhe an selbiger fest getackert. Sein Gesicht schlabberte und wabberte wie Wackelpudding im Luftstrom, als würde er beim Tiefflug eines Tornado-Kampfjets aus dem Cockpit schauen. Oder vielleicht beim Start des Space Shuttles direkt hinter den Feststoff-Boostern stehen. Vielleicht noch treffender wäre, als würde er beim Indie 500 Rennen als Kühlerfigur auf einem dieser Rennboliden sitzen oder nee, noch besser, als würde er beim Einschlag einer Cruise Missile direkt auf dem Sprengkopf sitzen. Am Ende des Liedes, als er wie ein an die Wand geklatschtes Ei langsam nach unten rutschte, drückte er uns völlig konsterniert den Schlüssel in die Hand, schaute seinem Sohn kurz und tief in die Augen und gab ihm damit zu verstehen: „Komm Du mir nur nach Hause, Bürschlein.“ Ich glaube er hatte Angst, uns jemals wieder sehen und zuhören zu müssen. Noch zitternd von den enormen Schallwellen, denen sein Körper ausgesetzt war und leicht orientierungslos von den wummernden Bässen, quälte er sich zitternd und unsicher zum Ausgang. Wenn ich darüber so nachdenke, haben wir ihn danach nie mehr wieder gesehen.
÷
"Blue eyes are shining and I feel my mind collapsing.
I love the way you walking and love the way that you talking.
I´m in love lay my hart to you feet.
I´m in love, I´m in love, I´m in love
(électrique: „I´m in Love“, unveröffentlicht.
Erste und einzige Aufnahme mit Dieter am Schlagzeug, bei der er sich gleich vertrommelt hat.)
Bald wurde uns klar, dass wir für zukünftige Verleumdungsklagen, Gerichtstermine, Plagiatsvorwürfe und mögliche Vaterschaftsklagen, dringend einen Bandnamen benötigen würden.
Erster durchaus kreativer und lustiger Vorschlag von Frank, wie wir fanden, war „Pink Rose.“ Wobei „Rose“ als Abkürzung für „Rosette“ stehen sollte. Hätte dann letztlich „Rosa Rosette“ bedeutet. Traf direkt unser Komikzentrum und sorgte für erhebliche Erheiterung im Proberaum. Wurde aber dann doch einstimmig abgelehnt. Wir befürchteten nämlich, aufgrund des Namens und des Eintrags ins Musiker-Branchenbuches nur noch für Schwulen-Clubs gebucht zu werden.
Keiner von uns hatte Lust, immer mit dem Arsch an der Wand durch die jeweiligen Clubs schleichen zu müssen. Allerdings wurden noch die Vorschläge „The Fistfuckers“ und „Faustgarage“ nachgereicht und wir kamen doch noch mal echt ins Grübeln. Aber mit Rücksicht auf das sicherlich noch immer angekratzte Verhältnis von Franks Vater zu unserer Band, wurden sie wieder verworfen.
Geschafft hatte es dann der Name „électrique“, angelehnt an das Lied „Our Friends Are Electric“ von Gary Newman, da dies das erste Lied war, das wir in der Besetzung gespielt haben. Kein Brüller, klar, aber schöner wie „Rosa Rosette“. Und uns standen nach wie vor alle homo- und heterosexuellen Bühnen und Clubs offen. Im Laufe der nächsten Probewochen fiel auf, dass Thorsten am Klavier immer öfters fehlte, was er mit der bevor stehenden Meisterprüfung entschuldigte. Ich persönlich glaube ja, ihm wurden unsere Ambitionen für die steil nach oben gehende Rockstarkarriere langsam unheimlich. Kurz darauf kam der schon erwähnte Saxophonist Andreas „ich hab noch ein Solo in F“, im Folgenden nur „Das Solo“ genannt, zu uns. „Ich hab noch ein Solo in F“, weil Andreas nicht Solis zum fertigen Lied komponierte, sondern sich ein sehr schön klingendes Solo, hier eben in F-Dur, erdachte und sich dazu ein Lied in der passenden Tonart suchte. Na ja, zu unserer und seiner Verteidigung möchte ich sagen, dass wir alle blutige Anfänger waren. Und Andreas´ Solo in F-Dur, war ein wirklich sehr schönes Solo. Als „Das Solo“ das erste Mal zu einer unserer Probe kam, rutschte unser Musikstil von da an runde 30 Jahre nach unten.
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