Georg Milden atmete durch und beschloss genauso offen zu sein wie die Frau. 'Ich bin nicht degradiert worden. Aber ich habe es schon lange nicht mehr geschafft, irgendwie vorwärts zu kommen. Man klopft einem auf die Schultern, sagt, wie toll die Arbeit ist. Aber die Beförderungen oder auch nur zusätzliche personelle oder finanzielle Ausstattung für den Arbeitsbereich, das kriegen die anderen. Ehe kaputt, das kenne ich auch. Ich weiß, Millionen, wahrscheinlich Milliarden von Menschen geht es schlechter, die leben in Armut und Elend. Das heißt dann, dass Du nicht mal das Recht hast, Dich beschissen zu fühlen.'
'Siehst Du, Georg. Es ist, als ob Du immer mehr an den Rand gedrückt wirst. Irgendwann fällst Du runter. Und dann bist Du in Sequitanien.'
'Aber es müsste doch irgendjemandem auffallen, wenn wir so einfach nicht mehr da sind.' 'Weißt Du, wie viele Leute einfach so verschwinden? Du hast doch bestimmt schon mal gehört, dass jemand weggeht, um Zigaretten zu holen, und nie mehr zurückkehrt.' 'Leute werden Opfer von Verbrechen, gehen zur Fremdenlegion, fliegen in die Karibik und rauchen dort Haschisch und versacken dann, was weiß ich.' 'Einige sicher, einige tun das. Andere aber landen hier.'
'Du erwähntest die Pforte, Du weißt schon, die Alte. Was hat es damit auf sich, Ingrid?' 'Eine Prüfung, das ist eine Prüfung. Jeder muss da durch. Du kommst in eine Situation, in der Du ausgenutzt wirst. Da musst Du zeigen, ob Du Dich wehren kannst oder nicht. Niemand ist hier in Sequitanien, der diese Prüfung nicht bestanden hat. Ich glaube, dass Sequitanien zwar ein Ort ist, an dem die vom Leben Gefrusteten Zuflucht finden, aber nur eine Zuflucht für diejenigen, denen irgendwie Unrecht geschehen ist, nicht für Weicheier.'
'Und was passiert mit denen, die die Prüfung nicht bestehen?' 'Woher soll ich das wissen? Hier ist jedenfalls keiner von denen angekommen, soweit ich weiß. Wahrscheinlich wachen sie mit einem schweren Kopf auf und haben einen Albtraum gehabt.'
'Und es gibt keinen Weg zurück?' Ingrid Hansson zögerte etwas. 'Ich habe von dein paar Leuten gehört, die sich nach ein paar Jahren hier entschieden haben zurückzugehen. Einigen soll dies tatsächlich gelungen sein. Aber Genaues weiß ich nicht. Es interessiert mich auch nicht wirklich, denn ich jedenfalls will nicht zurück.'
Mittlerweile hatte Georg Milden seinen Hunger gestillt. Die Anstrengung und die Aufregung des Tages waren dann doch zu viel gewesen. Zwar wusste er, dass er noch viele Fragen hatte, aber keine wollte ihm in diesem Moment wirklich einfallen. 'Ich bin total fertig. Ich sollte jetzt ins Bett gehen.' Ingrid lächelte ihn an. 'Du hast noch was vergessen. Jetzt wo Du Geld hast, solltest Du auch bezahlen.' Georg Milden wurde rot, und die Frau amüsierte sich köstlich über seine Verlegenheit. Sie beugte sich über den Tisch und tätschelte seine Hand. 'Fünf Schilling für den Schneider und einen Schilling für einen Tag bei Kost und Logis in meinem Haus. Da Du etwas länger bleiben dürftest, bezahlst Du mich am besten für eine Woche im voraus.'
Er holte den Lederbeutel hervor und kramte zwölf Silbermünzen hinaus, die er auf den Tisch legte. Die Frau ging um den Tisch herum und gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange. 'Gute Nacht, Georg. Du bist jetzt in Sequitanien. Das mag Dir alles seltsam vorkommen, aber ab morgen beginnt für Dich ein neues Leben. Ein Leben, in dem es nur noch an Dir liegt, was Du aus Dir machst. Und jetzt schlaf gut.'
Georg Milden schlief lange, tief und gut. Die Sonne schien schon in sein Zimmer, als er wach wurde. Es dauerte einen Moment, ehe er sich darüber klar wurde, wo er sich befand. In Sequitanien. Er war in Sequitanien. Daran zweifelte er jetzt nicht mehr. Was das konkret für ihn bedeutete, war ihm allerdings noch nicht wirklich klar.
Aber was ihm klar war, das war die Tatsache, dass heute der erste Tag in seinem neuen Leben war. Den gestrigen Tag hatte er zwar bereits in Sequitanien verbracht, da war er jedoch noch wie in Trance durch die fremdartige Realität getrieben. Heute würde er damit anfangen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Er wusch sich mit kaltem Wasser aus einem Eimer und rasierte sich mit einem altertümlichen Rasiermesser (und schnitt sich natürlich, keine sanfte Rasur mit Drei- oder Vierfachklinge). Dann zog er sich seine neue sequitanische Kleidung an. Kritisch begutachtete er seine Schuhe, geeignet für das Büro in Köln, aber wohl kaum für die rauen Wege in Sequitanien. Gut, darum würde er sich später kümmern. Neben dem Bett lag seine schmutzige und stinkende Kleidung. Einen Moment lang überlegte er, diese einfach wegzuwerfen.
Aber dann überlegte er es sich anders. Vielleicht gab es ja doch einen Weg zurück. Auch wenn Georg Milden sich damit abgefunden hatte, vorerst in Sequitanien bleiben zu müssen, so hatte er sich keineswegs bereits mit dem Gedanken abgefunden, für immer hier zu leben. Sein Portemonnaie, die Autoschlüssel, sowie die Brieftasche mit seinem Ausweis, Führerschein, Kreditkarte und ein paar anderen persönlichen Dokumenten und einigen Euro-Scheinen nahm er an sich. Die Wäsche würde er waschen lassen.
Dann ging Georg Milden in die Gaststube, er brauchte jetzt ein gutes Frühstück. Und das bekam er auch in Form von Brot, Eiern, gebratenem Speck und einem herzhaften Käse. Einen Moment lang überlegte er, von welcher Art von Tieren die diversen Speisen wohl stammen könnten. Dann beschloss er, darüber nicht mehr nachzudenken. Schließlich hatte es ihm gestern geschmeckt, und zu Hause dachte er ja schließlich auch nicht an Schweine, wenn er Fleischprodukte vertilgte. Und Schweine waren genau genommen auch nicht ästhetischer als Sassols.
Von Inge Hansson war nichts zu sehen. Die junge Frau, die ihm gestern das Badewasser gebracht hatte, servierte ihm jetzt das Frühstück. Als er damit fertig war, bedankte er sich und ging hinaus auf die Dorfstraße.
Die Sonne schien, aber es war frisch. Welche Jahreszeit mochte es wohl sein? Gab es hier überhaupt Jahreszeiten. Er sah einen Karren mit zwei Sassols, der vor einer Seitengasse hielt. Aber darauf saß kein livrierter Lakai. Ein kräftiger Man lud Säcke ab, daneben stand Ingrid Hansson. Als sie ihren Gast sah winkte sie ihm freundlich zu und beschäftigte sich dann wieder damit, die Anlieferung ihrer Ware zu beaufsichtigen.
Einen Moment lang blieb Georg Milden unschlüssig stehen, dann ging er weiter. Das Dorf sah irgendwie so aus, wie ein Dorf vor ein paar Hundert Jahren in Europa wohl ausgesehen haben mochte. Die Dorfstraße verlief nicht ganz gerade, sie mündete in einen kleinen Marktplatz ein. Dort sah er einen Brunnen, ein paar Bäumen (mit Sicherheit keine Linden) und ein paar Frauen, die Obst und Gemüse anboten. Die Häuser entlang der Dorfstraße bestanden zum grüßten Teil aus Fachwerk, die meisten davon waren einstöckig, nur zwei Gebäude waren etwas größer. Ein paar Frauen standen auf der Straße und plauderten, andere kauften ein. Auf der Straße sah Georg Milden ein paar von den Pseudogänsen herumwatscheln, sie waren dicker und größer als Gänse, der Hals etwas kürzer, seltsam war ein dritter Fuß am Hinterteil. Er ging zu einem dieser Tiere hin. Was ausgesehen hatte wie ein dritter Fuß, war vielmehr eine Art Sporn, den das Tier hinter sich her zog, um so sein Gewicht besser abstützen zu können. Seltsam jedenfalls.
Er richtete sich auf und wollte sich umdrehen. Dabei wäre er fast in zwei ältere Frauen hineingerannt, die mit schweren Körben die Straße entlangschritten. Eine schimpfte ärgerlich, aber die andere zog sie zur Seite. Georg Milden hörte ihre spöttische Stimme. 'Lass ihn! Du siehst doch, dass das der Mann frisch aus Anderland kommt. Wer sonst würde eine Kukidor derart bestaunen.' Mit rotem Kopf ging er weiter. Jedenfalls wusste er jetzt, wie diese Tiere hießen.
Mehrere Geschäfte und Werkstätten säumten die Straße, unter anderem eine Bäckerei, ein Krämerladen sowie eine Schneiderwerkstatt, in welcher ein Schneider in einem großen Fenster saß und einen Mantel nähte. Freundlich grüßte er den Anderländer, und Georg Milden fragte sich, ob das derselbe Schneider war, der seine neuen Kleidungsstücke genäht hatte. Er grüßte freundlich zurück und ging weiter, über den Markt hinweg.
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