Er zog es aus der Scheide und staunte: die Klinge war gerade, zweischneidig und breiter als bei den Schwertern der Steppenreiter. Auch war sie in besserem Zustand, als es das verwitterte äußere Erscheinungsbild erwarten ließ. Zwar war die Schneide vom Gebrauch schartig und die Klinge gelblich angelaufen, doch die Elastizität schien nicht gelitten zu haben. Als Sohn eines Schmiedes wusste Mauro, wie erlesen dieser Stahl sein musste, wenn er die lange Lagerung so gut überstand. Leicht, fast zärtlich strich er mit den Fingerspitzen darüber. Auf der Klinge erschienen magische Symbole, deren Bedeutung er nicht kannte. Er hielt das Schwert zwischen beiden Händen und erfüllte es mit seiner Energie. Sofort verwandelte es sich in scharfen, bläulichschwarzen Stahl, der so blank war, dass Mauro sein Spiegelbild darin erkennen konnte. In der Nähe des Schaftes wurden weitere Zauberzeichen sichtbar. Der Knauf entpuppte sich als tiefvioletter, rhombisch geschliffener Edelstein, in dessen Zentrum ein rotes Feuer zu brennen schien. Er brachte ihn zum Leuchten und der düstere Raum erstrahlte in hellem Licht.
Mauro wusste sofort, dass dies ein äußerst mächtiges Zauberschwert war. Es verstand sich zu tarnen. Auf einen flüchtigen Betrachter wirkte es unscheinbar und gewöhnlich. Erst in der Hand seines Meisters wurde es zur magischen Waffe. Genau das richtige Gerät für einen wandernden Zauberer, der kein Aufsehen erregen wollte. Doch der machtvolle Zauber machte ihn misstrauisch. Auch wenn das Schwert Symbole der Hexenkönigin zu tragen schien, war es doch viel älter. Woher kam es, wer hatte es benutzt? Woran band es seinen Träger, welche Mission war damit verbunden?
>Finger weg<, sagte er sich und legte es wieder in die Nische. Er prüfte weitere Schwerter, doch das Fledermausschwert hielt ihn bereits in seinem Bann. Es schien ihn zu rufen.
Mauro starrte es an und murmelte: „Ich bin nicht der, den Du suchst. Ich bin der Kämpfe müde und möchte in Frieden leben!“
>Dann bring den Frieden!< schien das Schwert mit hellem metallischem Klang zu fordern.
>Wie soll das gehen? Du verlockst mich mit der Macht. Du betrügst mich!< Mauro wandte sich zornig ab.
Bald kehrte er wieder zurück. Er ritzte seine Hand mit dem Dolch und ließ ein paar Blutstropfen auf die Klinge fallen. Bilder voller Grausamkeit und Härte erschienen neben Bilder voller Großmut und Barmherzigkeit. Das Thema seines Lebens, die Gratwanderung zwischen Licht und Schatten, spiegelte sich in der Klinge: Nicht nur eitel Freude, sondern auch Hässlichkeit und Schmerz.
>Du kennst mich wohl, mächtiges Zauberschwert<, stellte Mauro staunend fest. Zögernd ergriff er es und führte ein paar Hiebe durch die Luft. Er fühlte, wie der kalte Stahl mit seinem Körper verschmolz. Seine Energie floss hindurch, als wäre es eine Verlängerung seines Armes.
Kurz erwog er, dass es ihn einige Übung kosten würde. Für seinen gewohnten Fechtstil war das Schwert zu lang und zu schwer. Doch das erschien ihm nicht wichtig. Er hob es erst gegen Himmel und erflehte den Rat der Unsterblichen. Dann berührte er mit der Klinge seine Stirn, sein Herz und die rechte Bauchseite und prüfte die Resonanz: möge die Wahl mit der Klugheit des Kopfes und der Weisheit des Herzens getroffen sein und möge sie dem Träger nicht schaden. Kein Zweifel, das war sein Schwert.
Entschlossen ergriff er es und reichte es mit einer tiefen Verbeugung an Yerion. Sie nahm es an sich: "Ihr hattet die Wahl. Möge dieses Schwert Euch gute Dienste leisten. Die Königin wird es Euch zum Abschied überreichen."
Alle waren gekommen, um Mauro zu verabschieden. Sie gaben ihm gute Wünsche und Ratschläge mit auf den Weg: "Um diese Jahreszeit zieht Ihr am besten entlang des großen Flusses bis nach Westgilgart. Dort erreicht Ihr die Straße, die durch die Ebene über Tolox nach Brig führt. So umgeht Ihr den Winter in den Bergen. Nehmt Euch in Acht auf der anderen Seite des großen Stromes. Schwarze Zauberer sind dort nicht gerne gesehen!"
"Nimm Dich auch in Acht auf der herüberen Seite. Du könntest auf König Curons Truppen stoßen!" Hamon ließ den Freund ungern ziehen.
Mauro umarmte Hamon. "Lebe wohl und mach Dir keine Sorgen. Wir haben uns nicht nach so langer Zeit wieder gefunden, um uns sogleich aus den Augen zu verlieren."
"Auch ich glaube nicht an Zufall", sagte Königin Merowe. "Nicht umsonst seid Ihr in der Stunde unserer größten Not nach Yian Mah gekommen. Ich nehme es als Zeichen und beschenke Euch mit diesem alten Zauberschwert." Sie trug das Fledermausschwert in beiden Händen und bot es Mauro feierlich dar. "Ihr selbst habt es gewählt. Sein Name ist Demuth, das Schwert des Wächters. Der, der es führt, ist Diener jener, die zu schützen er gelobt. Es bindet Euer Schicksal an das der alten Völker, an die Menschen von Yian Mah, deren Hoffnung Ihr tragt.“
Mauro fühlte die Schwere des Augenblickes. Er war sich der Zweischneidigkeit dieses Geschenkes bewusst. Wollte er sich durch einen so mächtigen Zauber an Yian Mah binden? Zugleich wusste er, dass das Schicksal seiner Freunde hier ihm niemals gleichgültig sein konnte. So suchte er nach einer Antwort in den Augen der Menschen. Die meisten der Umstehenden sahen nur ein klobiges Schwert ohne besonderen Wert. Sie wunderten sich, dass er so achtlos gewählt hatte. Einige neideten ihm das Wohlwollen der Königin. Andere hingegen, allen voran Gianmey, schienen ihn mit Blicken zu beschwören, es anzunehmen.
Schließlich neigte er sich in Ehrfurcht, kniete nieder und nahm das Schwert aus den Händen der Königin entgegen.
Der Waffenschmied von Yian Mah hatte es aufpoliert und eine neue Scheide angefertigt. Bei näherer Betrachtung war die Scheide fast komplett mit magischen Zeichen bedeckt und trug das Siegel der Hexenkönigin. Bei der Überprüfung der Klinge stellte der Schmied erstaunt fest, dass sie nichts von ihrer Elastizität eingebüßt hatte. Das Schwert war aus einem Stahl geschmiedet, den er in gleicher Qualität nicht herzustellen wusste. "Wir haben nichts daran verändert. Sollen wir es schärfer schleifen?"
"Vielen Dank, guter Mann, es ist scharf genug", entgegnete Mauro. Zur Königin gewandt sagte er: "Ich weiß nicht, was es mit diesem Schwert auf sich hat, doch ich fühle, dass es mir bestimmt ist. Lange hat es dort unten auf mich gewartet. Ich werde es in Verwahrung nehmen. Noch ist der Zeitpunkt nicht gekommen, es zu tragen."
Die Königin verstand. Es waren ihre Worte der vergangenen Nacht, als sie von ihm den Ring entgegengenommen hatte. Als sie ihm zum Abschied huldvoll zunickte, war viel Wärme in ihrem Blick. Beide spürten die unverwechselbare Vertrautheit von Menschen, die sich in einem früheren Leben nahe gestanden waren.
Mauro gürtete das Schwert nicht um, sondern verstaute es sorgsam in seinem Packen. Dann gab er Äsekiel die Sporen und zog weiter, nach Norden.
Als die Hexen wieder alleine waren, maulte Prinzessin Emyon: "Warum habt Ihr diesem unsteten Wanderer eines unserer Zauberschwerter überlassen? Noch dazu ein so altes, dessen Bedeutung keiner der Lebenden mehr kennt? Wisst Ihr wenigstens, was Ihr aus der Hand gegeben habt? Seid Ihr sicher, dass er es zu unserem Wohle einsetzen wird?" Merowes älteste Tochter gehörte zu den ranghöchsten Hexen im Kronrat. Sie war ungehalten über die Vorzugsbehandlung, die Mauro während seines Aufenthaltes genossen hatte. Entscheidungen ihrer jüngeren Schwester und Rivalin Yerion pflegte sie grundsätzlich in Frage zu stellen.
Prinz Shigat teilte die Meinung seiner Schwester: "Es ist unklug, ein so altes Zauberschwert aus der Hand zu geben. Selbst wenn es derzeit keiner von uns braucht, den nachkommenden Generationen könnte es gute Dienste leisten."
Königin Merowe entgegnete scharf: "Noch bin ich die Königin und niemandem Rechenschaft schuldig. Wenn ich Hoffnungen auf Mauro setze, habt ihr es ohne Widerrede hinzunehmen!"
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