Er hielt inne, ehe er entschied, weiter zu sprechen: "Auch ich habe die Frau verloren, die meinem Leben Sinn und Orientierung gab. Oh, ich wünschte, ich hätte sie bloß aus einem Verließ zu befreien gehabt. Sie starb in einem Kampf, den ich nicht verstand. Ich war nicht da, als sie mich brauchte." Er konnte nicht verhindern, dass Bitterkeit in seinen Worten mitschwang: "Wie könnte ich Euch schützen? Gegenüber der, die meinem Herzen am nächsten stand, habe ich versagt."
Die Hexenkönigin ließ ihre Hände sinken. Sie wandte sich kurz ab und gewann ihre Fassung wieder: "Verzeih, dass ich Dich mit meinen Sorgen quäle. Ich spüre die Last, die Du selbst zu tragen hast." Mit traurigem Lächeln fügte sie hinzu: "Sei nachsichtig mit einer alten Hexe, die über den Ruinen ihres Lebens wacht wie ein Vogel über seinem zerstörten Nest!"
In Yian Mah wählten die Hexen die Väter ihrer Kinder nach eigenem Gutdünken. Mauro konnte davon ausgehen, dass er diese Nacht nicht allein verbringen würde. Ein wandernder Zauberer war eine begehrte Jagdtrophäe. Einige hübsche Mädchen hatten bereits Interesse signalisiert. Die Wahl verpflichtete niemanden. Yian Mah kannte kein eheähnliches Treueversprechen. Dennoch ermutigte Mauro keines der kichernden jungen Dinger, die ihn verheißungsvoll anhimmelten. Er wartete auf eine, die ihm ebenbürtig war.
Sie kam in Gestalt von Yerion, der jüngsten Tochter der Hexenkönigin. Sobald sie den Saal betrat, richteten sich alle Blicke auf sie. Yerion gab den rangniedrigeren Frauen ein Signal, sich zurückzuziehen. Dann warf sie den Kopf in den Nacken und sah Mauro prüfend an. Der Tanz konnte beginnen.
Mauro kannte Yerion aus einer Zeit, als sie gerade an der Schwelle zur Frau stand. Niemals hätte der Jüngling sich einer Tochter der Hexenkönigin zu nähern gewagt. Dass sie ihn jetzt erwählte, schmeichelte seiner Eitelkeit. Dennoch war er nicht naiv genug, diese Ehre seinem Charme zuzuschreiben. Yerion wusste, was sie wollte und wie sie es bekommen konnte. Wenn sie ihm ihre Gunst erwies, hatte das seinen Preis. >Vorsicht< mahnte Mauros Verstand. Doch die Augen folgten jeder ihrer Bewegungen.
Yerion war gewiss keine Schönheit. Ihr Mund war ein wenig zu breit, doch ihre Lippen wirkten sinnlich. Ihr Hang zur Trägheit hatte etwas Laszives. Sie war etwas zu klein für ihr Gewicht. Wenn sie aber wie jetzt die Hüften schwang, schienen ihre Rundungen zum Hineinsinken aufzufordern.
Yerion kannte ihre Wirkung. Sie wusste genau, was es brauchte, um einen Mann gefügig zu machen. Jedes Lächeln und jede Geste war kalkuliert. Sie vermied unnötige Anstrengungen. Deshalb ging sie ohne Umschweife auf ihr Ziel los: „Ihr sagt, Ihr wollt nicht für Yian Mah in den Kampf ziehen. Selbst Gold und Edelsteine können Euch nicht locken. Ist das wahr?“
„Es ist wahr. Eure Mühen sind vergebens.“ Mauros Verstand rang um Kontrolle: > Lass Dich nicht einwickeln. Sie spielt mit Dir wie die Katze mit der Maus. Such das Weite, ehe es zu spät ist! < Doch das Raubtier in ihm hatte längst ihre Witterung aufgenommen.
Inzwischen gehörte ihnen die Halle allein. Alle anderen hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen. Yerion wählte eine Säule in Mauros Nähe und schmiegte sich mit dem Rücken dagegen. Jede ihrer Bewegungen war pure Provokation. Dass Mauro ihr nicht sofort zu Füßen lag, machte das Spiel umso reizvoller: „Vielleicht war der Preis, den meine Mutter bot, zu gering?" Die Art, wie Yerions Hände die Säule umspielten, ließ ahnen, welchen Preis sie im Sinn hatte.
"Ich bin nicht käuflich, hohe Dame.“ Doch statt ihr die kalte Schulter zu zeigen, kam Mauro auf sie zu.
Yerion bemerkte es und lachte: "Ich glaube Euch nicht." Sie fuhr fort, sich provokativ an der Säule zu räkeln. "Jeder hat seinen Preis. Nennt den Euren!"
Mauro rief sich zur Ordnung. Ein Handel mit Yerion war nicht zu seinem Vorteil – vor allem, wenn sie die Bedingungen diktierte. "Vergesst es", sagte er harsch und wandte sich ab.
Yerion bewegte sich wie eine Katze, die schnurrend um seine Beine strich: „Wie könnte ich vergessen, welch machtvoller Krieger Ihr seid?"
„Ein jähzorniger Krieger und düsterer Zauberer.“ Mauro lachte bitter. „Zu lange habe ich gekämpft, zu viele unsinnige Schlachten geschlagen. Für mich ist es Zeit, das Schwert niederzulegen. Mein Sinn steht nach Versöhnung."
„Ihr werdet keine Versöhnung finden, ehe Ihr Euch mit Euch selbst versöhnt", schnurrte die Katze Yerion. „Das kann dauern. Bis dahin könnt Ihr ebenso gut für mich kämpfen." Mittlerweile hatte sie ihn schon weit in ihre Welt hineingezogen. Die Konturen der Halle waren verschwunden. Nun gab es nur noch sie beide.
Mauro merkte, wie sie seine Sinne verwirrte. Sein Bestreben, die Kontrolle zu behalten, kämpfte gegen das Verlangen und den Reiz der Gefahr. Er wusste, es ging um Macht. Er konnte sie nur gewinnen, wenn er sich nicht unterwarf. War er stark genug, um in diesem Spiel zu bestehen?
Yerion verstand es meisterlich, seine Begierde anzufachen. Immer, wenn seine Lippen die ihren beinahe berührten, entzog sie sich: "Ihr kennt den Preis. Unterwerft Euch. Zieht für Yian Mah in den Kampf."
"Das wird nicht geschehen."
"Warum sträubt Ihr Euch? Als Jüngling habt Ihr eine Schlacht für uns entschieden. Wie viel stärker seid Ihr heute, als Zauberer und als Mann!" Während sie ihn umschmeichelte, gelang es ihr, mit einem Bannzauber seine Hände an einer Säule zu fixieren. Ungehindert berührte sie seinen Körper, bis er vor Verlangen aufstöhnte. "Seht her, Ihr bekommt Euren Preis als Vorschuss. Holt ihn Euch." Ihr Gesicht war dem seinen ganz nah.
Yerion manipulierte Mauros Wahrnehmung und verwandelte sich in einen Panther. Sie fauchte und fuhr ihm mit ihren Krallen über die Brust: "Es ist wenig genug, was ich für meine Dienste verlange. Schwört mir Gefolgschaft!"
Mauro setzte ihr seinen unbändigen Willen zur Unabhängigkeit entgegen und brach ihren Bannzauber. Dadurch konnte er seine Hände aus der Umklammerung lösen. "Ihr seht das zu einseitig. Auch ich besitze etwas, das Ihr haben wollt. Unterwerft Euch mir, so will auch ich mich Euch unterwerfen!" Mit diesen Worten wurde er ebenfalls zum Panther. Eine Weile umschlichen sie einander. Dann setzte Mauro zum Sprung an. Er packte und duckte sie, wie ein Kater es mit der Katze tun würde.
Die unterlegene Position gefiel Yerion nicht. Sofort nahm sie wieder ihre menschliche Gestalt an: "Nackte Gewalt. Ist das alles, was Ihr mir entgegenzusetzen habt?"
Auch Mauro richtete sich wieder zur menschlichen Gestalt auf: "Der Kater antwortet der Katze, der Mann der Frau, der Zauberer der Hexe. Auf welcher Ebene wollt Ihr mit mir sprechen?"
Yerion begriff ihren Irrtum. Gelänge es ihr, ihn zu besiegen, wäre er wertlos für ihr Ziel. Es gab nur einen Weg, ihn zu gewinnen: "Ich spreche als Herrscherin meiner Welt zum Herrscher Eurer Welt. Auf gleicher Augenhöhe."
"Da könnten wir uns treffen."
Als er jetzt seinen Arm nach ihr ausstreckte, entzog sie sich ihm nicht. Mauro näherte sich vorsichtig. Sie kam ihm entgegen und forderte mehr. Während sie einander küssten, fasste Yerion Mauro am Gürtel und dirigierte ihn zu ihrem bevorzugten Divan. Sie ließ sich in die weichen Polster fallen und zog ihn zu sich. Sobald Mauro sicher war, dass sie keine Tricks mehr versuchen würde, ließ er seiner Leidenschaft freien Lauf.
Als Yerion sich bei Tagesanbruch anschickte, ihr gemeinsames Lager zu verlassen, fiel ihr Blick auf Mauros entblößten Oberarm. Da war der Wolfskopf, das eintätowierte Zunftzeichen der Zaubergilde von Orod Ithryn. Es saß nicht an seiner üblichen Stelle am Trizeps, sondern weiter unten. Man hatte es dort angebracht, um das Zunftzeichen der weißen Gilde des Eispalastes zu überdecken. Das war nicht gelungen. Die Zunftzeichen besaßen ein Eigenleben, sie konnten sich verändern und offenbar auch schützen. Die beiden feindlichen Zeichen waren untrennbar ineinander verwoben. Oben drüber, an der Stelle wo sonst der Wolfskopf saß, prangte ein schwarzer Drache.
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