Hatte ihre Vergangenheit sie eingeholt? Oh nein, das hat die Vergangenheit gar nicht nötig, sie ist ja immer ganz bei uns; sie taucht ab und manchmal taucht sie auf, blitzschnell, wie ein Krokodil. Taumelnd wie eine Antilope, die sich dem Zugriff des Krokodils gerade noch einmal entziehen konnte, lief Pina weiter über den Parkplatz am Johannismarkt. Auch der grinsende Polizist fuhr nicht mehr länger neben ihr her, er bog rechts ab. Nur Harro zog und zwang ihr schon wieder ein zu hohes Tempo auf. Irgendeiner zieht immer am eigenen Leben. Ganz mit ihrem emotionalen Straucheln beschäftigt, griff ihr Körper auf versteckte Reserven zurück, Pina ließ ihre Füße kraftsparend abrollen und traf eine Schrittfrequenz, die mit dem Atem einigermaßen synchron lief. So konnte sie es, auch wenn ihr durch Überanstrengung ein wenig übel wurde, laufend schaffen bis zum Elternhaus in der Straße mit dem frühlingshaften Namen Vogelsang . Harro sprang freudig neben ihr her.
Als Pina das Gartentor zum Grundstück ihrer Eltern öffnete, hatte sie so ziemlich alle Reserven verbraucht, ihr war mittlerweile speiübel und es war, als hätte sie Glassplitter im Rachen. Sie atmete ganz langsam ein und noch langsamer wieder aus, um die Glassplitter nicht zu bewegen - und um sich nicht zu übergeben. Mit beiden Händen zog sie das Tor zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Harro jagte schon wie ein Wilder über den Rasen, die Leine hinter sich her schleifend. In Pinas Kopf tobte ein Presslufthammer. Langsam glitt ihr Rücken am Gartentor abwärts, bis sie in der Einfahrt kauerte wie das berühmte Häufchen Elend. Nie wieder mit diesem Köter, dachte sie, obwohl sie wusste, dass es am Hund alleine nicht lag. Harro pinkelte auf die Maiglöckchen, die ihre Mutter zwischen zwei Rhododendronbüschen gepflanzt hatte. Jetzt wurde ihr klar, dass ihre Übelkeit nicht ihrer mangelnden Fitness geschuldet war: der markante Geruch der Convallaria majalis war es, der heute wie eine Käseglocke über der Stadt lag. Wie konnten so hübsche Blümchen einen so widerlichen Geruch verströmen. Alles an dieser Pflanze war giftig. Und wozu um alles in der Welt konnte man diesen Geruch gebrauchen? Und dann in solchen Mengen, dass die ganze Stadt beinah daran erstickte?
Eberhard Seiler lachte:
- Armes Kind, hat er dich so fertig gemacht? Harro ist noch ein junges Tier, dem musst du zeigen, wer der Chef ist!
Pinas Eltern hatten sie gebeten, den Hund mitzunehmen. Sie selbst waren dem Kraftprotz kaum noch gewachsen. Als Beschützer des Grundstücks hielten sie ihn jedoch für unverzichtbar. Pinas Bruder Bernd, der sonst dem Köter seinen Auslauf verschaffte, war gerade für Dreharbeiten auf der Insel Poel. Sein erstes Engagement seit einem halben Jahr.
Pina pfiff immer noch aus dem letzten Loch.
- Morgen laufe ich wieder alleine, hauchte sie matt.
- Wo er doch so an dir hängt, sagte ihr Vater.
Pina tat, als schmeichele ihr das, in Wahrheit berührte sie die Zuneigung des Tieres kaum. Die unterwürfige Bindung, zu der Hunde fähig sind, war ihr eher unheimlich.
- Unsere Paulina ist eben auch nicht mehr die Jüngste, sagte Liselotte Seiler mit spitzem Mund.
Pina überhörte die schlecht versteckte Botschaft geflissentlich. Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit aus, die Tochter darauf hinzuweisen, dass ihre fruchtbare Phase nicht ewig dauern würde. Ähnlich wie Trudel Klages platzte auch Liselotte Seiler vor Fürsorgedrang! Aber im Gegensatz zu Trudels einfachem Mutterinstinkt, der sich wie Mehltau über alles und jeden legte, hatte Lilos Eifer ein klares Ziel vor Augen: Enkelkinder! Ihr Eberhard beanspruchte viel zu wenig von ihren Qualitäten. Das Haus? Der Garten? Der Heimat- und Geschichtsverein? Ach Gottchen, wer einmal Verantwortung für ein Geschäft gehabt hatte, ist mit sowas nicht ausgefüllt! Allein Enkelkinder würden ihre überschüssige Kraft angemessen beanspruchen, davon war sie überzeugt. Dass man ihr das biologische Recht auf die Großmutterschaft verweigerte, machte sie traurig, aber dass man ihr nicht sagte, warum, verbitterte sie geradezu. War sie nicht die Mutter ihrer Kinder? Konnten die nicht immer über alles mit ihr reden? Na also. Aber in diesem Punkt schwiegen sie sich aus, alle beide! Bernd hatte sie längst durchschaut, der hatte fast nur Männerbekanntschaften. Der Sohn war, nun ja, sagen wir es ruhig - vermutlich homosexuell! Ist ja kein Beinbruch mehr, heute. Warum er nicht darüber sprach? Nun, der öffentlichen Toleranz misstraute er aus beruflichen Gründen und seinen Eltern gegenüber schämte er sich offenbar. Als Schauspieler konnte er sich ein Outing nicht leisten. Jeder Hetero kann einen Schwulen spielen und bekommt dafür Applaus, einem Schwulen jedoch nimmt man keine Hetero-Rolle mehr ab, das ist leider so. Außerdem machte er sich die Karriere mit seinem Anspruchsdenken schon schwer genug, er spielte nur, was ihn überzeugte. Bernd hatte also Gründe genug, zu schweigen. Aber Paulina? Ihre sonst so vernünftige Paulina? Die schob immer nur ihren Beruf vor, ihre Verantwortung. Doch dafür hat sie ihre Eltern, oder nicht? Dafür genau hat sie ihre Mutter, damit die sich um die Kinder kümmert, während sie in aller Ruhe ihrem Job nachgehen kann!
Warum, Kind, warum verweigerst du mir dieses kleine große Glück?
Diese als Frage getarnte Klage schimmerte aus jedem Blick, der auf ihre Tochter gerichtet war. Pina wich diesen Blicken aus, wo sie nur konnte.
- Weil heute Feiertag ist!
Mit diesen Worten stellte Liselotte Seiler das Fürstenberger Edel-Porzellan auf den Frühstückstisch.
- Wenn unser Paulinchen mit uns frühstückt, ist immer Feiertag, meinte Vater Eberhard.
- Danke Papa!
Liselotte hatte schon auf den Lippen, womit Pina ihr den größten aller Feiertage bereiten würde, fürchtete aber, mit einer weiteren Anspielung die Laune ihrer Tochter noch mehr zu gefährden.
*
- Ich möchte Sie bitten, in meiner Praxis einzusteigen, erst als Partnerin, um sie später ganz zu übernehmen. Mit meinen sechzig Jahren muss ich langsam meine Nachfolge regeln. Einfach zumachen kann ich nicht, Holzminden braucht einen Augenarzt. Und wer wäre besser geeignet als Sie, Paulina! Sie genießen in der Klinik einen hervorragenden Ruf und sind im idealen Alter, selbst Verantwortung zu übernehmen: für sich, für die Patienten, für unsere Stadt. Hier, sehen Sie...
Dr. Roggenkamp hob einen Stapel mit Zeitungsausschnitten hoch:
- Hier, sehen Sie mal: Landflucht; Demografischer Faktor; drohende Gebietsreform; Zusammenlegung der Landkreise; ausblutende Innenstädte usw. Gegen diesen Trend können Sie ganz konkret etwas tun, indem Sie dafür sorgen, dass unsere kleine Stadt langfristig augenärztlich versorgt ist...
Dieses Gespräch hatte vor drei Jahren stattgefunden. Drei Wochen hatte Pina hin- und herüberlegt: Ich fühle mich wohl in Hannover, hab einen tollen Job, eine schöne Wohnung, einen netten Freundeskreis und vor allem - Freiheit!
Sie meinte die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, ohne sie vor der Familie oder sonst jemand rechtfertigen, oder zumindest begründen zu müssen. Sie war glücklich, ihr Leben nach eigenen Wünschen gestalten zu können. Wofür sollte sie das alles wieder aufgeben?
Dr. Roggenkamp hatte sie mit seiner Milde und Würde eingenommen, hatte ihr zu verstehen gegeben, dass gerade die Elite der Gesellschaft für mehr als nur für sich selbst verantwortlich ist:
- Wofür sind wir schließlich Ärzte geworden?
Und auch den wunden Punkt wusste Dr. Roggenkamp zu mildern:
- Wer spricht denn von ‚Aufgeben‘? Was geben Sie denn auf? Ihre Freunde sind bloß eine Autostunde entfernt. Und wer hindert sie daran, in Holzminden ihre Freiheit zu pflegen, wer nimmt ihnen hier ihre Souveränität? So wie Sie ihre fachliche Kompetenz und Erfahrung mitbringen, bringen Sie doch auch ihre persönliche Entwicklung mit nach Hause.
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