- Also Bucki, denk an meine Worte!
‚Nicht nur an deine Worte‘, dachte Buck und sagte
- Mach ich, Trudel, ‘n schönen Beiertach noch.
- Von wegen Feiertag, ich muss gleich noch schaffen gehen.
- Hilfst immer noch beim Griechen?
- Ja. ja, man gut, ich kann’s gebrauchen. Sind gute Leute, die Kallikratis‘, da lass ich nichts drauf kommen!
Buck schob das Rad über die Straße auf den Hof. Wie immer, wenn sich das Ziehen im Hüftgelenk verstärkte, kippte er seinen Oberköper mit jedem Schritt nach rechts, um Gewicht von der schmerzenden linken Hüfte zu nehmen. Das verlieh ihm einen marionettenhaften Gang. Es gab Holzmindener die behaupteten, an Mahlmanns Wackelgrad das Wetter ablesen zu können.
Pina lief. Harro zog. Pina quälte sich mit letzter Kraft die kleine Anhöhe zur Hafenbrücke hoch. Ihr Herz schlug ums Überleben, ihr Blut schoss in irrem Takt durch ihre Adern, ihr Kopf drohte zu explodieren. Oben angelangt, fehlte ihr die Luft für einen klaren Befehl an den Hund, sie riss heftig an der Leine. Harro winselte und blieb kurz stehen. Pina hielt sich am Geländer der schmalen Hafenbrücke fest und versuchte, ihren Atem unter Kontrolle zu bringen. Der Hund kapierte nicht, er stürmte gleich wieder los.
- Aus, stieß Pina kurz hervor und riss abermals an der Leine.
- Stopp jetzt, ich brauch ’ne Pause!
Endlich verstand der Hund. Mit raushängender Zunge umtänzelte er Pina. Sie äffte ihn nach, streckte ihre Zunge raus, wie um ihm zu zeigen, dass sie erschöpfter war als er. Sie klopfte dem gerade ausgewachsenen, stattlichen Rottweiler mit der flachen Hand ein paar Mal leicht auf den Kopf. Harro setzte sich und japste kurz. Er kannte ihre Zurückhaltung Tieren gegenüber und freute sich über jede Zuwendung von ihr. Pina hielt sich am Geländer fest, atmete tief ein und aus, und ließ ihren Blick schweifen. Auf dem Weser-Radweg war trotz Morgenfrühe schon einiges los. Das klare Licht, das Gezwitscher der Vögel, das geradezu explodierende Grün, der Feiertag - all das lockte einige der aktiveren Holzmindener schon zeitig ins Freie. Harro sprang auf, wollte weiter laufen.
- Sitz! Wirst du mich wohl verschnaufen lassen, du Hund.
Harro winselte und setzte sich. Das kräftige, junge Tier hatte Pina zu einem Tempo verführt, das deutlich über ihrer Fitness lag. Erst seit drei Wochen lief sie wieder regelmäßig. Den Winter über geht sie ins Fitness-Studio, aber das regelmäßige Laufen ersetzt ihr der Gerätesport nicht. Sie braucht jedes Jahr etwa vier Wochen, um ihre Ausdauer auf ihren Höchststand zu bringen.
- Sitz! Eine Minute noch du dummes Vieh!
Harro sah Pina mitleidig an und legte sich noch einmal quer über die schmale Hafenbrücke. Sein unterwürfiger Blick schien zu fragen: Na, bist du jetzt mit mir zufrieden?
Pina band die Leine um das Geländer und dehnte und streckte ihre geschundenen Muskeln. Sie atmete kontrolliert und senkte damit die Pulsfrequenz leicht. Vorwurfsvoll schimpfte sie mit Harro:
- Da siehst du, was du angerichtet hast mit deinem Mördertempo! Ich bin völlig aus dem Tritt.
Harro japste eine Entschuldigung.
- Is ja gut, nun komm schon, blöder Hund!
Sie waren kaum gestartet, da riss Pina abermals an der Leine:
- Stopp, Sekunde noch, Harro!
Sie sah einen Mann stadteinwärts über die alte Weserbrücke eilen, der etwas auf der Schulter trug, was auf den ersten Blick wie ein Nivelliergerät aussah, wie es Bauarbeiter verwendeten. Bei näherem Hinsehen erkannte Pina ein Stativ mit Fotokamera quer über der Schulter des Mannes. Pina zuckte zusammen. Es war der Gang dieses Menschen, der sie so elektrisierte. Ein Gang, den man wohlwollend als federnd bezeichnen konnte, besser aber traf es der Ausdruck knieweich . Dieser knieweiche Gang war eine Mischung aus purer Kraft und latenter Angst. So gehen Tiere, wenn sie Gefahr wittern: angespannt, jederzeit bereit zu fliehen - oder anzugreifen. So gehen Menschen, die jederzeit bereit sein wollen, die Richtung zu ändern.
War das möglich?
Gar nicht lange her, es muss Mitte Dezember gewesen sein, da war Theo bei ihr in der Praxis gewesen. Irgendwann über vierzig kommen sie alle. Auch Theo Blume brauchte eine Lesebrille. So nebenbei fragte sie, wo Odo schließlich gelandet sei.
- Zugvögel landen nie so richtig, hatte Theo geantwortet, - Zugvögel wie er sind immer nur auf der Durchreise. Er war wohl jahrelang in Köln und soviel ich weiß, lebt er jetzt in Berlin. In der rastlosen Großstadt sind ruhelose Typen wie mein Bruder am besten aufgehoben.
Kontakt?
- Ne, Kontakt haben wir leider keinen. Er war nicht mal bei Vaters Beerdigung. Der schreibt bestenfalls der Mutter, wenn er mal wieder den Wohnsitz wechselt, jedes Jahr eine Weihnachtskarte und wenn er gerade mal dran denkt, Glückwünsche zu ihrem Geburtstag, mehr kommt da leider nicht aus dieser Richtung, du kennst ihn ja!
Ja, sie kannte ihn. Und deshalb war sie fast sicher, dass es Odo Blume war, der da über die Brücke eilte; dessen Anblick an ihrem Selbstverständnis rüttelte und das unsichere Mädchen in ihr wieder wachrief.
- Langsam Harro, Augenblick, ich kann noch nicht...
Sie hielt das Tier am Halsband fest. Harro schüttelte erfreut den Kopf, er freute sich über jedes bisschen Nähe der scheuen Frau. Erst als Odo hinter dem Alten Fährhaus verschwand, lief Pina los. Harro sprang freudig auf, sein Bewegungsdrang war unstillbar.
Sie mussten an der Hafenbar vorbeilaufen, den Fußweg unter der alten Brücke durch und nach dem Altenheim die Weserstraße hoch, weil das Gelände um die ehemalige Jugendherberge, die gerade zum Hotel umgebaut wurde, vorübergehend gesperrt war. Das künftige Weserhotel Sanders umgab ein hoher Bauzaun. Laut Plan sollte es schon seit einem Monat Fahrradtouristen und Biker, aber auch Geschäftsleute beherbergen, aber heutzutage wird ja keine Baustelle mehr pünktlich fertig. In Berlin nicht und in Holzminden auch nicht. Der ursprünglich nicht vorgesehene Anbau verzögerte den vorgesehenen Eröffnungstermin. Doch es ginge zügig voran und schon bald wären der Weserradweg und die Stadt Holzminden um eine Attraktion reicher. So hatte es neulich im Holzmindener Anzeiger gestanden. Am Bauzaun stand immer noch das Wunschdatum: 30. März! Am selben Bauzaun hingen noch andere, schwer haltbare Versprechen. Politiker warben im Rahmen ihrer Physiognomien um das Vertrauen der Wähler:
Aus Deutschland für Europa
Gemeinsam gestalten, gemeinsam mehr erreichen
‚Irgendwie arme Schweine, die Politiker‘ dachte Pina, ‚von allen Märkten ist der Markt des Vertrauens der schwierigste geworden‘.
Obwohl sie kontrolliert atmete, stach jeder Schritt in der Lunge, da war kein Atemzug mehr übrig für einen Befehl an den Hund. Pina riss nur an der Leine, so merkte Harro, wenn er wieder zu schnell geworden war. Schon die geringe Steigung der Weserstraße brachte sie abermals an den Rand der Erschöpfung. Mit brennenden Oberschenkeln und Waden am Rande des Krampfes bog sie beim Weinladen um die Ecke und schleppte sich mehr gehend als laufend Richtung Johannismarkt. Als Pina auf Höhe von Mode Stratmann in die Obere Straße eintauchte, kam sie beinah zu Fall: nicht vor Erschöpfung, sondern vor Schreck! Schräg gegenüber, zwischen Optik Quest und Second-Hand-Laden hatte der Fotograf sein Stativ aufgepflanzt und die Kamera auf das Haus gerichtet, in dem sie ihre Praxis hatte. Odo - nun hatte sie keine Zweifel mehr, dass es sich um Odo Blume handelte - schaute durch den Sucher und justierte sein Arbeitsgerät. Er schien die strauchelnde Pina nicht wahrzunehmen. Sie konnte einen Sturz mit letzter Kraft vermeiden. Dann fuhr eine Polizeistreife im Schritttempo an ihr vorbei und der junge Beamte fragte sie durch das offene Fenster, ob sie Hilfe brauche. Pina winkte mit einen knappen Bewegung ab, presse ein kurzes „Danke, nein“ zwischen den Lippen hervor. Der Polizist grinste unverschämt. Hatte der gerade „schöne Frau“ gesagt? Der wollte sie doch nicht anflirten, dieses halbe Kind? Wie froh sie war, endlich um die Hausecke verschwunden zu sein, sie wusste nicht warum, aber ein Zusammentreffen mit Odo hätte ihr im Augenblick jedenfalls nicht gut getan.
Читать дальше