Was hätte sie dagegen noch sagen sollen?
- Bitte geben Sie mir noch ein wenig Zeit, ja?
- Wenn es eine Frage des Angebots ist, Frau Kollegin, darüber können wir reden...
- O nein Doktor, bitte, um Geld geht es dabei nicht, ihr Angebot ist geradezu unwiderstehlich. Aber bitte geben Sie mir noch eine Weile.
Im Juli 2011 schraubte Pina vor Augen des Lokalreporters vom Holzmindener Anzeiger das neue Schild an die Tür:
Dr. Th. Roggenkamp, Dr. P. Sagebiel, Augenärzte.
Polizeihauptmeister Wolfgang Warnecke und Polizeimeister-Anwärter Denis Blaschke übernahmen den Dienst von den Kollegen nach einer vergleichsweise ruhigen Nacht. Eine kleine Prügelei beim Tanz in den Mai in Golmbach, ein umgesägter Maibaum in Silberborn, ein besoffener Mopedfahrer, der in Mühlenberg gegen einen Zaun bretterte, sieben Blutproben, zwei kassierte Führerscheine. Denis Blaschke sah gähnend auf den Bericht der Kollegen. Er war noch in der Ausbildung. Er kam aus Hannover und blickte, wie alle Hauptstädter dieser Welt, sehr von oben auf die Provinz herab. Bei einem Spaßvogel wie ihm äußerte sich das manchmal in platten Sprüchen:
- Holzminden ist halb so groß wie der New Yorker Friedhof, aber doppelt so tot.
- Warst du schon mal in New York, fragte Warnecke.
- Nö!
- Ich war dort, mehrmals. Gegen New York ist selbst Hannover noch ein Dorf, verstehst du?
Blaschke verstand sofort. Polizeihauptmeister Warnecke, der älter war als Blaschkes Vater, siezte ihn normalerweise; um dem Jungen zu zeigen, dass er ihn als Mensch und als Kollegen für voll nahm. Nur wenn Blaschke seine Scherze zu weit trieb oder sich sonst irgendwie unreif zeigte, gab Warnecke ihm einen kleinen Hinweis, wie viel er noch zu lernen hatte.
- Verstehst du?
Sie fuhren aus der Stadt auf die Bültekreuzung zu. Blaschke sah Burkhardt Mahlmann schon von weitem:
- Da ist wieder der Idiot von neulich, trägt der auch heute am Feiertag Zeitungen aus?
Warnecke:
- Mahlmann ist kein Idiot, er ist ein Original.
Blaschke:
- Original Holzminden, klar, hehehe, ne, sorry Chef, ich meine, was genau ist der Unterschied zwischen Idiot und Original?
Nun war Warnecke in Verlegenheit: Wie erklärt man etwas völlig Selbstverständliches? Normalerweise erklärte er logisch-semantisch. Er hatte Abitur und noch einige Lateinkenntnisse auf Lager. Mit der Erklärung, original heißt ursprünglich, hätte er Blaschkes Unsinn noch untermauert. Er druckste herum:
- Blaschke, so können auch nur Sie fragen. Ein Original ist jemand, der so handelt, wie er gerade denkt, egal, was andere davon halten. Gerade heraus, weil er nicht anders kann. Ursprünglich eben, nicht verdorben. Logisch, dass man unter schlichten Gemütern mehr Originale findet, weil sie nicht mit übermäßigen Zweifeln belastet sind. Aber im Unterschied zu Idioten haben Originale meist eine schlichte, aber glasklare Philosophie. Und im Unterschied zu Idioten sind Originale nicht aggressiv, verstehst du?
- Wieder was gelernt, Chef, grinste Blaschke und grüßte das Original, das sein Rad brav über die Kreuzung schob. So gesehen waren ihm die Idioten fast lieber. Von den Originalen hatte er nur langweilige Arbeitstage in einer langweiligen Gegend zu erwarten.
Normalerweise hätte Warnecke es dabei bewenden lassen, aber etwas in ihm erklärte weiter:
- Burkhardt Mahlmann redet gerne und viel, und gerne auch in Rätseln. Ja, er ist manchmal schwer zu verstehen. Nicht bloß seines Sprachfehlers wegen, sondern weil er verschweigt.
Blaschke warf Warnecke einen fragenden Blick zu.
- Nun, er kann sich nicht so gut in sein Gegenüber hineinversetzen. So setzt er schon mal voraus, dass man weiß, was er gerade gedacht hat. Aber dass er sich was gedacht hat, da kann man sicher sein. Mahlmann kennt alle und alle kennen ihn. Er ist immer bestens informiert, so eine Art Busch-trommel.
- Ein Klatschweib also...
- Oh nein, kein Klatschweib, bestimmt nicht! Er bauscht ja nicht auf und er verunglimpft nicht. Für mich jedenfalls sagt dieser schlichte Mensch mehr über die Stadt aus als die alberne Nase auf dem Haarmannplatz.
- Och, meinte Blaschke, - ich finde die Steinnase ganz witzig. Die Stadt der Düfte müsste die Nase ins Wappen zeichnen, das wär lustig. Ist ja schwer genug in dem Kaff, was Eigenes zu finden.
- Ja schon, sagte Warnecke, - die Gerüche gehören irgendwie zur Stadt, auch wenn ich gerade den Maiglöckchenblues kriege. Manche Düfte machen mich einfach fertig. Nö, ich finde bloß nicht gut, wenn man das Image einer Stadt mit einer Firma verknüpft. Wenn die irgendwann sagen, wir produzieren künftig in Hamburg, weil da die Wege kürzer sind, oder in Rumänien, weil es dort billiger ist, dann hängen wir hier mit unserem Image. Eine NASE! Nasenstadt Holzminden, ich bitte Sie! Außerdem stellen die Duft- und Geschmacksstoffe her, also wo ist die Zunge? Ein Fremder, der den Riechkolben in Stein sieht, braucht eine Erklärung. Wenn schon Symbole, dann solche, die sich selbst erklären. Ein Parfümflacon vielleicht und eine Vanilleblüte mit Schote. Damit hat schließlich alles angefangen, dass Haarmann Vanillegeschmack auf synthetische Weise herstellen konnte.
- Nicht schlecht, meinte Blaschke, - Sie sollten in den Stadtrat gehen, Chef! Und die Nase nehmen dann wir Bullen als Symbol für unseren guten Riecher, hehehe!
Fotini Kallikratis schälte gemeinsam mit ihrer Küchenhilfe Zwiebeln, während ihr Mann Lefteris seinen Großen Alexander polierte. Das war, man muss es sagen, seine Lieblingsarbeit. Lefteris Kallikratis war nämlich Sfakier und Hellene in einer Person, ja doch, das geht zusammen. Denn - waren es nicht die Sfakier, die einen beträchtlichen Anteil daran hatten, das Joch der Türken abzuwerfen? Na also! Ohne Sfakier kein unabhängiges Griechenland, ohne Sfakier kein modernes Hellas.
Ein Sfakier verlässt nur äußerst ungern den Schutz der Schluchten in den Lefka Ori, den weißen Bergen seiner Heimat Kreta. Selbst seine Hauptstadt Athen ist dem Sfakier aus der Ferne lieber. Wenn nun so ein Sfakier im noch viel ferneren Holzminden ein Restaurant betreibt, ist das mehr als außergewöhnlich - und zum Großteil seiner Frau Fotini zu verdanken.
Fotini war keine Sfakierin, sie war nur eine gewöhnliche Frau aus Kreta. Manchmal holen sich die Sfakier zur Blutauffrischung Mädels von außerhalb in ihre zerklüfteten Lefka Ori. Fotini hatte rasch gemerkt: sein Stolz ernährt mühelos die sfakische Männerseele, aber um eine Familie zu ernähren bedurfte es der praktischen Veranlagung einer Frau von der Küste. Fotini war aus Rethymnon gebürtig. Die Fischer von Rethymnon waren seit jeher tiefer in der Realität verankert als die stolzen Sfakier oben in der dünnen Luft der Weißen Berge.
Fotini wollte ein besseres Leben und stellte Lefteris vor die Wahl: alleine bleiben oder mitkommen - Liebeskummer oder Heimweh! Lefteris entschied sich für Heimweh - das passte besser zu seinem leidenden Patriotismus. Wie Liebeskummer sich auswirken könnte, das wollte er nicht ausprobieren. Und so folgte Lefteris seiner Frau nach Deutschland. Erst nach Hannover, wo sie in einer Reifenfabrik schufteten und für ihren gemeinsamen Traum sparten: eine eigene Taverne in Rethymnon oder in Agia Roumeli!
Nach einigen trostlosen Jahren in der Reifenfabrik erfuhren sie von einem Landsmann, dessen Bekannter suche einen Nachfolger für sein Restaurant in Holzminden.
- Holzminden?
Der Landsmann fuhr sie hin. Er wusste von Lefteris‘ Heimatverbundenheit und machte einen kleinen Umweg. Bei Brunkensen führte die Straße durch eine kleine Schlucht, die bei Lefteris großes Heimweh auslöste, das Wasser stand ihm in den Augen. Tränenwürgend fragte er:
- Ist das noch Deutschland?
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