Ich mietete sechs Monate vorher ein Zimmer in jener Nobelherberge Hessischer Hof gegenüber den Messetoren, in der sie schon wegen der gehobenen Preisklasse unter sich bleiben – wohl wissend, dass es zu drei viertel vorausgebucht und bald restlos belegt sein würde.
Was blieb mir anderes übrig? Mit den vorgedruckten Absagekärtchen – „Visitenkarten der geistig Minderbemittelten“, wie Slauters sie immer respektlos nannte, denn er steckte in einer ähnlich aussichtslosen Lage wie ich – hätte ich leicht mein Badezimmer tapezieren können.
Es war nur ein geringer Trost, dass ich mich dabei in der Gesellschaft eines Gleichgesinnten befand.
Slauters beschäftigte sich vergeblich damit, jene erfolgreiche Tradition des Degenromans wiederauferstehen zu lassen, die in „Drei Musketiere fliehen nach Andalusien“ ihren so glorreichen Höhepunkt gefunden hatte.
Als ich ihn eines Morgens – die letzten blassen Sterne standen noch am Firmament – von der Veranda aus hinunter zum Wasser stiefeln sah, ahnte ich natürlich nicht, dass sein Besuch diesmal weniger den Stockenten und ihrem so menschenähnlichen Hader galt als dem Grund des Flusses.
Zwei Tage später fand man seine Leiche, grässlich aufgequollen und über und über graublau – sie hatte sich in den Zweigen einer Weide verfangen.
Dieses Bild meines verschrumpelten Kollegen und Freundes vor Augen, lag es natürlich nahe, alles nur Erdenkliche zu tun, um dem gleichen Schicksal zu entgehen.
Wenn Sie verstehen, was ich meine?
Voller Grauen erinnere ich mich jener Anfälle von Melancholie, mit denen ich auf das trübe Wasser des Ottawa River hinunterstarrte und dabei jene Anziehungskraft verspürte, die auch Slauters in seinen letzten Stunden empfunden haben mochte. Das Verlangen nach Ruhe, nach einem Platz unter den Kieseln des Flusses, über die in nie enden wollendem Zug das Wasser hinwegströmt …
Ein Zustand ohne das entwürdigende Schauspiel, irgendwelchen Dilettanten die Kulturwerte erklären zu müssen.
Aber reicht das – ich frage Sie mit aller Eindringlichkeit – reicht das wirklich, hochverehrte Frau Doktor, mich, wie es der Staatsanwalt will, des siebenfachen Verlegermordes zu bezichtigen?
Weil man meine Manuskripte nicht lesen wollte?
Reicht es als Motiv ?
Ihrem klugen Verstand dürfte nicht entgangen sein, dass ich noch alle Sinne beieinander habe. Ich bin weder ein Fall für die Heilanstalt noch fürs Gefängnis. Ich bin ein Mann der Freiheit und des Geistes.
Nach der Verhandlung sollten wir uns – das ist mein Vorschlag – unten an der Ecke in dem hübschen Café mit den Gobelins und Blumentapeten ein oder zwei Tassen Kaffee und einen kleinen Cognac genehmigen. Wir werden uns durch die verblichenen Wandspiegel anlächeln, und in unseren Blicken wird jenes geheime Einverständnis liegen, dessen Botschaft nur ein liebendes Paar versteht …
Noch lange hin? Ja, sicher. Ich lade Sie trotzdem dazu ein. Ich finde, das sind Sie mir und – mit Verlaub gesagt: meiner Unschuld – schuldig.
Übrigens sollten Sie in Ihrem Gutachten meine klaren Gedankengänge erwähnen, meine Ehrlichkeit. Obwohl ich doch hier allen Grund hätte, meine bedrängte Situation weniger dramatisch zu schildern – dem Staatsanwalt nicht noch zusätzliche Munition für seine Schießübungen zu liefern.
Ich denke, das spricht für mich. Finden Sie nicht?
Nun, die Frage nach meiner Kindheit beantwortet sich schnell.
Ich war das, was man ein helles Köpfchen nennt.
Man sagte mir eine große Zukunft voraus.
Ein Onkel, der Bruder meiner Mutter und mehr den kleinen Jungen zugetan als dem weiblichen Geschlecht, zog mich auf. Dieser menschenfreundlichen Ader verdanke ich meine sorglose Kindheit.
Er unterhielt eine Pension für Kriegsveteranen nicht weit von Nürnberg, neben einem grünen Rebenhügel, den niemand mehr bewirtschaftete. Diese unbelehrbaren alten Kriegstreiber genossen es, auf den Bänken unter den beiden großen Bäumen tagaus, tagein ihren Erinnerungen nachzugehen.
Sie trugen nachgeschneiderte, feldgraue Uniformjacken, manche aus dem Ersten Weltkrieg, und zeichneten gern mit ihren Spazierstöcken die Frontlagen diverser Schlachten oder Grenzen großzügiger Okkupationen in den Sand … so erfuhr ich aus ihren Reden schon sehr früh, dass Verbrechen und Gewalt die Welt regieren.
Jemand hob belehrend seinen Spazierstock und warf leichtfertig den Satz hin:
„Darüber sollte man schreiben – und nicht über die Geburtenfolge der Adelshäuser.“
– und diese Bemerkung könnte der Keim gewesen sein, der in meiner jungen Seele Wurzeln fasste und den Wunsch entstehen ließ, mich mit größter Hingabe jener Sparte der Literatur zu widmen, die das Verbrechen und nichts als das Verbrechen behandelt.
Mein Onkel stieg derweil den Knaben nach. Sobald eine Schulklasse im Dorfe eintraf, um aus irgendeinem botanischen Exkursionsdrang die umgebenden Wald- und Wiesenhügel zu erklimmen, geriet er außer Rand und Band. Ihre Ankunft versetzte ihn auf der Stelle in Schlaflosigkeit.
Aber ich habe nie unter seinen Gelüsten zu leiden gehabt, er hielt sich mit großem pädagogischen Durchhaltevermögen zurück. Eine wirkliche Bravurleistung! Vielleicht war ich auch einfach nicht sein Typ.
Meine Eltern hatten sich irgendwann in alle Winde zerstreut, ich glaube, weil etwas Zigeunerhaftes, ein periodisch wiederkehrendes Fernweh, sie antrieb, und da wäre ein Balg wie ich, der sich lieber mit zwei Handbüchern der Kriminalistik in die Stille der Rebhügel verdrückte, nur hinderlich gewesen.
Mein Vater, in jungen Jahren Versicherungskaufmann, litt schon sehr früh an Depressionen. Er behandelte sie, indem er stundenlang in eine helle Lampe starrte, die wie eine Höhensonne vor ihm stand – was seine Seele offenbar aufzuhellen und seinen Hormonstoffwechsel wieder in normale Bahnen zu lenken vermochte. Eine Vorwegnahme jener tropischen Sonne, die er später in fernen Gefilden fand. Sein Fernweh war also therapeutisch gesehen durchaus vertretbar.
Ich sah meine Eltern noch drei- oder viermal wieder in meinem Leben. Sie betrachteten meine Arbeit mit Wohlwollen. „Gelber Flachs“ muss ihnen gut gefallen haben, vor allen Dingen die Stelle, wo der Mörder Spekulationen darüber anstellt, in welchen Teilen der Welt er seine Autorentantiemen durchbringen könnte.
Aber von den perversen Neigungen meines Erziehers oder der fehlenden Fürsorglichkeit meiner Eltern Beziehungen herstellen zu wollen zu meinem eigenen sexuellen Steckenpferd erscheint mir doch etwas gewagt …
Zugegeben, Sie sind die Expertin, gnädige Frau …
Ich will Ihnen in diesem Zusammenhang etwas gestehen, über das ich nur höchst ungern rede. Zumal einer Frau gegenüber, denn es dient sicher nicht dazu, mich in der Rolle des Bewerbers besonders attraktiv erscheinen zu lassen.
Gewöhnlich schreibt man Beschäftigungen wie mein Steckenpferd ja ausnahmslos dem Streben nach Lust zu:
Triebhaft den sexuellen Gefühlen verfallen gleich einer Ratte im Labor, der man Elektroden ins Lustzentrum des Gehirns gepflanzt hat und die nun eine Million mal am Tage den Hebel zieht, um einen stimulierenden Stromstoß auszulösen.
Aber vergessen Sie nicht, was ich über die Größe meiner Prostata gesagt habe. In gesundem Zustand gleicht sie einer Kastanie. Dagegen nimmt sich ein Golfball (ihr gegenwärtiges Format) fast wie ein Kürbiskopf neben einer Erdbeere aus.
Ich übertreibe …? Ja, zugegeben – aber genauso fühlt sie sich an.
Sie drückt auf die Blase, und das führt dazu, dass man tröpfelt, wenn man dicht bleiben will, und keinen einzigen Tropfen Harn lassen kann, wenn man‘s darauf anlegt.
Ahnen Sie, verehrte gnädige Frau, welches Mittel sich als verblüffend wirksam entpuppte, um mich ein paar Stunden von diesem grässlichen Leiden zu befreien?
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