„Tatsache? Wie haben Sie das denn geschafft?“
„Persönliche Kontakte.“
„Wir fördern keine Vetternwirtschaft.“
So oder ähnlich verliefen meine Gespräche in den Verlagsbüros.
Mag sich die Gilde der Lektoren und Kritiker auch in Kleinmütigkeit verzehren, weil sie samt und sonders verhinderte Autoren sind: Von den Verlegern selbst erwartete ich doch etwas mehr Verständnis.
Ein Mensch kann sich schließlich ändern.
In meinem Alter – meiner Prostata und der Tatsache eingedenk, dass ich im Exil ziemlich zugenommen hatte und einen Teil meiner dunkelgrauen Anzüge weiter machen lassen musste (ich trage nur noch meine grauen Anzüge, weil ihre Westen wegen des Ausschnitts über dem Bauch nicht so spannen) – sollte man eigentlich keine exzessiven sexuellen Betätigungen mehr erwarten, und in diesem Sinne, so hoffte ich, würde auch meine Glaubwürdigkeit in der internationalen Verlegerwelt zurückkehren.
Aber entweder waren meine neuen Arbeiten wirklich so schlecht, wie meine Reinemachefrau behauptete – oder sie wurden nicht gelesen, weil sich ihr Realismus wenig als Einschlaflektüre eignete. Mit anderen Worten: Weil ich kein Blatt vor den Mund nahm und die Dinge so darstellte, wie sie sich in der Welt zutragen.
Das Verbrechen, sehr verehrte Frau Doktor, wenn Sie mir diesen kleinen Exkurs gestatten, ist die Säule der Kriminalliteratur.
In „Gelber Flachs“ (Sie erinnern sich vermutlich dieses berühmten Werkes, ohne nachzuschlagen) war es bekanntlich ein Lektor, der den Mord beging. Er erstickte seinen Autor, indem er ihm, während er auf seiner Wohnzimmercouch übernachtete, ein Tuch aus grobem Flachs in den geöffneten Mund steckte, um selbst den Ruhm der Autorenschaft zu ernten.
Und ich habe mir diese geniale Geschichte keineswegs aus den Fingern gesogen. Sie ist von der ersten bis zur letzten Zeile wahr!
Zwei oder drei Wochenzeitungen veröffentlichten damals sogar Fotos des nachgestellten Anschlags (statt des Flachstuchs allerdings nur ein chinesischer Seidenschal). Die Polizei war wie üblich ratlos.
Mein Freund, der jüdische Amateurdetektiv Balthasar Prom, suchte mich eines Tages auf und schilderte mir den Stand seiner Ermittlungen in allen Einzelheiten. Er sagte:
„Samuel, der Bursche ist nicht zu fassen. Er wird Justitia entkommen, wenn wir nicht ganz ungewöhnliche Mittel anwenden, um ihn zu entlarven.“
„Und was habe ich damit zu schaffen?“
„Streng deinen Grips an. Du bist schließlich Autor …“
„Meinen Grips?“
„Deine Phantasie. Lass dir etwas einfallen.“
Ich stellte also damals das Verbrechen genau jenes Lektors dar, dem ich das Manuskript anbot. Er musste nicht schlecht gestaunt haben, als er seinen eigenen Fall plötzlich als Roman vor sich sah. Zu einem Zeitpunkt, als er sich längst außer Gefahr glaubte.
Und was tat dieser Schwerenöter?
Er beseitigte flugs alle Hinweise, die ihn persönlich hätten belasten und identifizieren können, aus meinem Manuskript (natürlich hatte ich damit gerechnet). Dieser plumpe Schachzug konnte ihn endlich entlarven und als wirklichen Täter identifizieren. Im Anhang sind sie in alphabetischer Folge – wie auch der Hergang seiner schließlichen Festnahme – vollständig abgedruckt, und Sie können dort die Details nachlesen, wenn Sie der Fall näher interessiert.
Ein unvergleichliches Werk realistischer Kriminalliteratur.
In ähnlichem, wenn auch etwas abgewandeltem Sinne fuhr ich damals am Ottawa River mit meiner Arbeit fort. Ich schrieb mich morgens auf der noch kühlen Veranda warm, arbeitete bis zum Frühstück – lauschte dem Klappern von Slauters‘ Schreibmaschine ein Haus weiter – und war guter Dinge, dass ich mich auf dem richtigen Wege befand.
Nach dem Mittagessen, das ich meist in Konder‘s Motelrestaurant einnahm, sah ich das Geschriebene durch, überarbeitete es mit ein paar Strichen und nahm mir dann die Fortsetzung bis zum frühen Nachmittag vor.
Dem gewöhnlichen Leser fällt es wahrscheinlich schwer, den Zusammenhang von Fiktion und Realität zu begreifen. Er glaubt, dass eine Geschichte entweder erfunden oder wahr ist. Zwischentöne existieren für ihn nicht (denken Sie an die Amöbe in der Wasserpfütze).
Dass es nun darin gewisse Gleichartigkeiten, typische Abläufe und Reaktionen geben könnte, die zur Realität in Beziehung stehen, sie sozusagen nachbilden, und dass sich gerade die Fiktion, weil sie überhöhen und komprimieren kann, besonders dazu eignet, diese Realität deutlich und nacherlebbar zu machen – das ist eine Wahrheit, die dem gewöhnlichen Häkelkrimileser so fern liegt wie der Eiffelturm dem Tadsch Mahal …
Ich kämpfte also nicht gerade auf verlorenem Posten, aber meine späteren Arbeiten waren, anders als „Gelber Flachs“, nach dem eben beschriebenen Muster gestrickt. Wann läuft einem schon einmal ein jüdischer Amateurdetektiv namens Balthasar Prom über den Weg und bietet einem die komplette Genesis eines Verbrechens an?
Anscheinend überforderte diese – zugegeben subtile – Technik den gewöhnlichen Leser. Und offenbar auch manchen Lektor und Verleger.
Anders kann ich es mir nicht erklären, dass meine Manuskripte mit der schönen Regelmäßigkeit eines Tennisballs, der eben auf die gegnerische Seite geschlagen wurde, in meine eigene Hälfte zurückgeflogen kamen …
Denn natürlich war ich inzwischen gewitzt genug und bot das Manuskript auch unter Pseudonym an. Allein an meiner angeblichen Vergangenheit als Triebverbrecher oder Sexualpsychopath konnte es also nicht liegen.
Ihrer freundlichen Anregung, hochverehrte Frau Doktor, während meiner Untersuchungshaft einmal alles niederzuschreiben, was mir auf der Seele liegt, komme ich, wie Sie sehen, mit großer Bereitwilligkeit nach. Ich, ein Mann der Feder, tue mich natürlich viel weniger schwer, wenn ich mein Anliegen zu Papier bringen kann.
Im Vertrauen gesagt: Ihre Besuche in meiner Zelle bringen mich immer etwas aus dem Gleichgewicht.
Woran das liegt? Nun, nicht nur an dem, was – bitte verzeihen Sie – meine Wächter manchmal hinter vorgehaltener Hand und zweifellos ein wenig gewagt als Ihre „wohlgefüllte Bluse“ bezeichnen …
Obwohl ich mich diesem Eindruck, zugegeben, nur schwer entziehen kann. Aber eine ledige Mittvierzigerin, die so attraktiv ist wie Sie, so sehr ausgestattet mit allen weiblichen Attributen, wie sie sich ein Kerl nur wünschen kann (ich denke da an Erfahrung, Wärme und Toleranz), und die es trotzdem in unserer Männergesellschaft so weit gebracht hat, muss zwangsläufig das Herz eines Mannes, der sich dem Geiste verschrieben hat, höher schlagen lassen … und es schlägt, hochverehrte Frau Doktor … es schlägt Tag und Nacht.
Wenn ich sage, meine subtile Romankunst bereitete den Verlegern einige Schwierigkeiten, so bedeutet das keineswegs, sie hätten auch nur die Spitze des Eisbergs davon wahrgenommen.
Es bereitete vor allen Dingen ihren Vorzimmersekretärinnen Schwierigkeiten.
Ein Wort dazu, denn ich kann nicht davon ausgehen, dass Sie sich in den Gepflogenheiten dieser Kreise auskennen:
Dringt ein Manuskript, auf welchem Wege auch immer, einmal bis zum Verlegerbüro vor, bleibt es unweigerlich in den Fängen eines Papierfressers hängen, der Chefsekretärin heißt. Kompetent oder nicht:
Sie liest die erste Seite und wirft das Ding seufzend weg.
Das ist der ungefähre Ablauf. Deshalb sann ich schon damals darauf, womit diese gefährlichen Vorzimmerschleusen zu umgehen waren. Keine Aussicht, dass irgendein Verleger wie Moses auf dem Berge Sinai beim Einbrennen der Zehn Gebote doch noch irgendwo zwischen Taxi und Hauseingang von meinem Manuskript in Bann geschlagen werden würde.
Also verfiel ich auf den Gedanken, sie da aufzusuchen, wo ihre Sekretärinnen mit „anderen Aufgaben“ betraut sind. Und das ist das alljährliche Buchspektakel in Frankfurt, wenn sich Verleger aus aller Welt zur Messe einfinden.
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