Und das Gewand, würde man ihn fragen, das sei sein Nachthemd, würde er antworten. Bequem und rein. Reine weiße Baumwolle. Das Zeichen? Was für ein Zeichen, würde er fragen. Das Zeichen auf seiner Brust. Das sehe er heute zum ersten Mal. Es könnte eine Blume sein, würde er sagen, eine stilisierte Blume, es sehe einer Lilie ähnlich. Einer schwarzen Lilie, der Blume der Huren und Verräter. Verräter? Nein, ein Verräter sei er nicht. Wie er hier auf den Friedhof gekommen sei, würde ihn dann jemand fragen. Das wüsste er nicht. Er möchte jetzt nur noch nach Hause. Doch das ging nicht mehr. Der Junge war tot. Ob er das denn nicht wüsste?
»Alois!«, unterbrach jemand an seiner Seite die Gedanken des Kommissars. Kreithmeier schüttelte sich, wandte den Blick von dem Toten ab und starrte mit leerem Blick auf das Friedhofsgelände. Er wartete darauf, dass er erwachte und der Albtraum aufhörte.
»Träumst du?«, fragte Melanie Schütz neben ihm.
»Ich?« Kreithmeier zitterte. »Nein. Natürlich nicht.«
»Du warst mit deinen Gedanken ganz woanders. Wo warst du? Du kennst doch den Mann hier?«
»Natürlich. Rainer und ich haben ihn am Donnerstag noch ganz lebendig im Sauna-Paradies gesehen. Und jetzt liegt er hier. Unfassbar. Ich kann es nicht glauben. Warum, Melanie, warum? Er war noch so jung. Und er hatte das Leben noch vor sich. Wer hat das getan und vor allem warum?«
»Ich weiß es nicht.« Und zu Zeidler gewandt fragte sie: »Was ist hier geschehen, Rainer? Warum hat er sterben müssen? Und woran? Und wer hat ihn so aufgebahrt. Das ist fast wie ein Ritual. Eine Art Fememord. Was wisst ihr denn schon?«
Rainer Zeidler schüttelte ohne zu antworten den Kopf.
»Woran ist er gestorben?« Kreithmeier stupste den Arzt an, der neben dem Grabstein kniete und vorsichtig den Leichnam untersuchte.
»Etwas Genaueres kann ich leider noch nicht sagen. Er hat zwei rote Male am Hals wie zwei Einstiche. Er muss sehr viel Blut verloren haben. Ich weiß nicht post mortem oder ante mortem.«
»Wie bitte?«
Dr. Wahlmeier hob den Kopf und sah dem Kommissar direkt in die Augen: »Ich weiß nicht ob er das viele Blut nach seinem oder vor seinem Tod verloren hat. Wenn er nicht an etwas anderem gestorben ist, dann ist er verblutet.«
»Aber hier sind nirgends Spuren von frischem Blut zu sehen.«
»Das ist richtig«, bestätigte der Arzt. »Was ich jetzt schon mit angrenzender Sicherheit sagen kann, dass der Fundort nicht der Tatort ist.«
»Und wann ist er gestorben?«
»Heute Nacht. Zwischen Mitternacht und drei Uhr früh. Das kann ich an Hand der Leichenstarre sagen.«
»Heißt das«, fragte Kreithmeier hektisch, »dass der junge Mann hat mitbekommen müssen, wie er langsam verblutet und sein Leben verschwindet?«
»Kann sein, muss aber nicht. Ich werde Ihnen alles nach der Obduktion sagen können. Nur eines ist klar, der junge Mann ist ohne Schmerzen gestorben. Viele Selbstmörder legen sich bei ihrem Suizid in eine warme Badewanne, öffnen sich dann die Pulsadern und verbluten in der Wanne. Sie schlafen langsam ein bis der letzte Funken Leben aus ihrem blutleeren Körper entwichen ist.«
»Aber Selbstmord schließen Sie aus. Herr Doktor.«
»Noch nicht.«
»Und wer hat ihn dann hier so aufgebahrt?«
»Ein Komplize, ein Helfer, vielleicht ein Freund.«
»Auf einem Friedhof?«
»Ein Friedhof hat etwas Endgültiges, etwas Reines, die Stille und die Ruhe der Verstorbenen. Und das weiße Gewand sieht aus wie ein Büßergewand in der Kirche. Dir werden deine Sünden vergeben. Du trittst rein und frei von irdischer Schuld vor deinen Schöpfer.«
Kreithmeier schüttelte seinen Kopf. »Sie glauben doch nicht, dass das hier alles ein religiöses Ritual sein soll, oder?«
»Warum nicht. Sie wissen ja sicher noch aus ihrem Kommunionsunterricht, dass Selbstmörder nicht auf geweihtem Boden begraben werden dürfen, also niemals auf einem kirchlichen Friedhof.«
»Das ist doch noch aus dem Mittelalter. Das wird heute nicht mehr praktiziert.«
»In kleinen Gemeinden sicherlich noch, da könnte ich wetten.«
»Aber Sie wissen ja nicht, ob es ein Selbstmord war oder nicht. Zeigen Sie mir bitte die beiden Male.«
Dr. Wahlmeier deutete auf zwei erbsengroße rote Male am rechten Hals direkt auf der Halsschlagader.
»Hier sehen Sie die beiden roten Male. Es kann durchaus sein, dass er hier darüber sein Blut verloren hat. Nur selbst kann er sich diese Wunden nicht zugefügt haben.«
»Also doch Mord«, fasste Kreithmeier zusammen.
»Warten Sie mit Ihren Spekulationen, bis Sie meinen Bericht gelesen haben. Kann ich den Leichnam jetzt abtransportieren lassen?«
»Setzen Sie sich bitte mit der Spurensicherung auseinander, mit Herrn Zeidler oder Herrn Schurig. Wenn die den Toten frei geben, dann ja.«
Kreithmeier schritt auf einen Polizeibeamten zu: »Rauchen Sie?«
»Ja!«, antwortete der Beamte überrascht. »Wollen Sie eine Zigarette, Herr Kommissar?«
»Bitte. Ich rauche zwar nicht mehr, aber dieser Anblick wirft mich wieder zurück.«
»Hier bitte, bedienen Sie sich. Ich finde den Anblick nicht so schlimm. Bei einem Verkehrsunfall sieht es oft viel grausamer aus. Hier sieht es fast so aus, als ob der Tote gar nicht wirklich tot ist. Es sieht aus, als ob er schläft.«
»Geben Sie mir eine Zigarette und halten Sie bitte den Mund«, sagte Kreithmeier knapp und hielt dem Beamten seine ausgestreckte Hand hin.
Der Polizist drückte ihm ein Päckchen Marlboro in die Hand und Kommissar Kreithmeier fingerte sich eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie in den Mund und ließ sich Feuer geben. Ohne ein Wort des Dankes wankte er zwischen Gräbern in den hinteren Teil der Friedhofsanlage Richtung Aussegnungshalle.
Der Tod des jungen Mannes hatte ihn schwer getroffen. Hatte er eine Mitschuld an seinem Tod, fragte er sich, während er wie zur Bestrafung seiner selbst, den Rauch der Zigarette brachial in seine Lungen saugte und ihn dort so lange wie möglich fest hielt. Erst als das Nikotin in seinem Rachen brannte und seine Lunge die verbrauchte Luft ausstoßen wollte, gab er nach, öffnete den Mund und blies sie mit einem kräftigen Stoß aus.
»Fängst du wieder an zu Rauchen?«, fragte eine Frauenstimme hinter ihm.
Er drehte sich nicht um, zog ein weiteres Mal an der Marlboro und sagte dann: »Ich brauchte es ganz einfach. Mich hat der Tod des jungen Wildgruber sehr mitgenommen.«
Melanie stand plötzlich neben ihm.
»Das kann ich ja verstehen«, sagte sie, »aber lass das Rauchen sein. Nikotin hilft dir dabei nicht.«
»Aber es beruhigt.«
»Nikotin ist eines der stärksten Pflanzen- beziehungsweise Nervengifte, die es gibt und die für den Menschen tödliche Dosis liegt bei nur 50 bis 60 mg. Nur 5 Zigaretten – in Wasser aufgelöst – ergeben diese Dosis. Rede lieber mit mir. Das ist gesünder.«
»Da gibt es nicht viel zu reden. Ich bin zum Teil Schuld an seinem Tod.«
»Quatsch!«
»Doch, Melanie. Wenn diese beiden Frauen ihn mit uns zusammen gesehen haben, dann haben sie sicher sofort kombiniert, dass er sie an die Polizei verraten hat. Und dann haben sie ihn bestraft.«
»Das heißt, du bist der Meinung, die beiden Frauen aus der Therme sind deine Hauptverdächtigen? Die potentiellen Mörderinnen?«
»Wer soll es denn sonst sein? Und wir kommen keinen Schritt weiter. Der Tod von Markus Backhaus hat ganz sicher etwas mit diesem hier zu tun.«
Melanie wehte mit der Hand den Rauch aus ihrem Gesicht: »Der Schriftsteller und sein Fan.«
»Ja. Und ich werde den oder die Mörder finden, das verspreche ich dir.«
»Und ich werde dir dabei helfen. Aber es hat keinen Sinn hier still vor sich hinzugrübeln und Gift deinem Körper zuzufügen. Komm wieder zu den Anderen.« Sie berührte ihn sanft am Arm. »Komm, es sieht komisch aus, wenn du hier so allein herumstiefelst. Unprofessionell. Und es könnte jemand auf die Idee kommen, dass du ein privates Interesse an der Aufklärung haben könntest, Befangenheit. Man könnte dir den Fall wegnehmen.«
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