Yin stand für das Dunkle, das Kalte, das Weibliche, das Introvertierte, das Passive, dargestellt durch den schwarzen Teil. Yang stand für das Helle, das Warme, das Männliche, das Extrovertierte, das Aktive, dargestellt durch den weißen Teil.
Ähnlich wie bei den beiden Halbschalen, waren die beiden Lilien stellvertretend für eine helle und reine Welt, und eine kalte und dunkle. Wenn es stimmte, dass eine der Frauen am Tod von Markus Backhaus maßgeblich verantwortlich war, dann war es die dunkle Seite der beiden gewesen, die Frau mit der schwarzen Blume, die Yin.
Kreithmeier schaute nachdenklich den beiden Frauen nach, wie sie an der Bar im Pool Platz nahmen und sich etwas zu trinken bestellten. Sie mussten ihn bemerkt haben. Er war der einzige Gast im Raum der Erde gewesen. Auch wenn die beiden noch so in Ekstase gewesen waren, die Frau mit der schwarzen Lilie musste ihn bemerkt haben. Die andere war zu sehr von den Zärtlichkeiten abgelenkt, die sie genossen hatte, so weit er sehen konnte. Die beiden Frauen waren sich sehr ähnlich. Jetzt wo sie auf einem Barhocker an der Poolbar saßen, konnte er zum ersten Mal ihre Gesichter erkennen. Der Polizeizeichner hatte ganze Arbeit geleistet und Martin Wildgruber die Frau sehr gut beschrieben. Sie waren beide sehr hübsch, besaßen dunkle geheimnisvolle Augen, schwarze volle und sinnliche Lippen und ein schmales Gesicht mit einer kleinen Nase. Sie saßen sehr dicht beieinander und hielten sich unter Wasser an ihren Händen.
Kreithmeier legte sich auf eine der sprudelnden Massage-Liegen. Von dort konnte er unauffällig die beiden Frauen an der Bar betrachten. Er musste ihnen irgendwelche Namen geben, dachte er, solange er ihren richtigen noch nicht wusste. Black Lily und White Lily, entschied er sich schließlich. Er schaute auf die große Uhr an der Wand über dem Schwimmbereich. Es war schon kurz nach 21 Uhr.
Ach du meine Güte, dachte er, den Rainer habe ich ganz vergessen, ich muss ganz schön lang geschlafen haben. Aber ich kann die beiden jetzt nicht allein lassen, wo ich sie gerade entdeckt habe. Waren die beiden lesbisch, fragte er sich. Und in welchem Zusammenhang standen sie zu Markus Backhaus? Wenn sie ein amouröses Abenteuer mit ihm hatten, dann waren sie bisexuell. Und der gewaltsame Tod des Schriftstellers, ein Akt der Eifersucht, oder die Befreiung sexueller Erniedrigung oder Abhängigkeit? Das passte alles nicht zusammen: ihre Anmut, ihre Schönheit und ihre sinnliche Ausstrahlung, vereint mit einem kaltblütig geplanten Mord. Und dass der Mord geplant worden war, das stand für ihn definitiv fest. Der Mörder musste wissen, dass der Backhaus in der Therme war und er muss darauf vorbereitet gewesen sein, denn Salz mit einer Prise Curare-Gift trug man nicht so ohne Weiteres mit sich herum. Das musste vorher präpariert werden. Und das war nicht ganz so einfach. Und der Mörder musste auch wissen, dass der Backhaus immer wieder mal in die Therme geht. Vielleicht hatte er ihn observiert und war ihm gefolgt, dann müsste er das Gift bei sich gehabt haben, um es sofort einsetzen zu können. Wo war denn nur der Zeidler?
Sein Blick schweifte durch die Halle. An ihrem gemeinsamen Platz unter Palmen war er nicht, das konnte er von seinem jetzigen Standpunkt aus erkennen. Er suchte den Paradise-Point nach ihm ab. Dort oben in der Gondel entdeckte er ihn. Er stand neben Martin Wildgruber. Und die beiden hielten von oben nach ihm Ausschau.
Kreithmeier hob vorsichtig die Hand und winkte ihnen. Zeidler erkannte ihn und winkte zurück. Auch Martin Wildgruber hatte ihn jetzt gesehen und gab sich zu erkennen. Kreithmeier deutete mit dem Arm Richtung Bar auf die beiden Frauen. Wildgruber und Zeidler folgten mit ihrem Blick seinem Arm.
Als Wildgruber die beiden Frauen aneinander gekuschelt an der Bar sitzen sah, fing er an wie wild mit seinen Armen zu wedeln und redete auf Zeidler ein. Der Geräuschpegel in der Halle war viel zu laut, als dass es jemand an der Bar hätte hören können. Trotzdem war die Aufmerksamkeit der Black Lily plötzlich nicht mehr bei ihrer Freundin. Als ob sie etwas gehört oder eine Bedrohung gespürt hatte, wich sie von ihrer Liebsten ab und drehte sich um die eigene Achse, um das Terrain um sie herum zu untersuchen. Sie starrte hoch zu Martin Wildgruber. Ihre Blicke trafen sich.
Wildgruber sprang einen Schritt zurück, doch es war zu spät. Sein Arm hatte immer noch auf die Bar gedeutet und der Mann mit den langen Haaren neben ihm starrte konzentriert auf den Pool, aber an ihnen vorbei. Sie folgte dem Blick des Mannes und entdeckte Alois Kreithmeier, der sofort untertauchte, als sie ihn erspähte. Unter Wasser musste er an den letzten Blick denken, den die Frau auf ihn geworfen hatte, die Black Lily. Der hatte nichts von Wärme und Güte und erotischer Sinnlichkeit, der Blick war kalt und berechnend. Sie hatte sofort bemerkt, dass sie beschattet wurden. Als ihm schließlich unter Wasser die Atemluft langsam ausging, tauchte er wieder auf und schnappte hektisch nach Luft. Dann erst registrierte er, dass der Platz an der Bar leer war, die beiden Frauen waren verschwunden. Sofort kämpfte er sich aus dem Wasser und legte sich sein Handtuch um die Hüfte. Sie konnten nicht weit sein, er war nicht einmal eine Minute unter Wasser gewesen.
Als er Richtung Ausgang rennen wollte, packte ihn jemand von hinten an der Schulter.
»Halt!«, rief Rainer Zeidler, »Wo willst du denn hin?«
»Die beiden Frauen, ich habe sie entdeckt, sie müssen Richtung Ausgang abgehauen sein.«
»Nein das sind sie nicht. Ich habe dich von dort oben erspäht und dann erst die beiden an der Bar gesehen. Und wie sie weggerannt sind. Sie sind hier rein, sie sind zu den Calla-Kaskaden gelaufen. Wir finden sie schon. Da können sie nicht raus. Du gehst von Rechts herum, ich komme von Links. Dann erwischen wir sie. Komm! Auf geht’s! Sie haben nur ein paar Sekunden Vorsprung.«
Kreithmeier blieb keine Zeit zum Nachdenken. Zeidler hatte sie von oben entkommen gesehen, er würde Recht haben. Sie teilten sich auf und rannten von beiden Seiten in den Saunabereich um sich an den Wasserfällen wieder zu treffen. Kreithmeier schaute in jede einzelne Saunakabine, sogar in die Wolpertinger Stube, doch die beiden Frauen waren verschwunden, als hätten sie sich in Luft aufgelöst.
Im Duschtempel mit den übergroßen Blütenkelchen traf er auf seinen Kollegen.
»Und?«, fragte er sauer.
»Nichts! Sind weg. Ich habe überall nachgeschaut, sie hatten keine Minute Vorsprung. Wo sollen sie denn von hier aus hin?«
»Scheiße, verdammte Scheiße. Hätte dieser Vollidiot Wildgruber sich nicht so wichtig genommen, hätten die beiden nichts bemerkt. Und nun haben wir sie verloren. Welche Peinlichkeit. Wie Anfänger haben wir uns benommen. Ich brauche jetzt ein bisschen frische Luft. Mir ist heiß. Und so ein Mist. Die können sich ja nicht in Luft aufgelöst haben. Scheiße!«
»Jetzt beruhige dich. Hier ist ein Balkon. Lass uns rausgehen.«
»Ich will mich aber nicht beruhigen«, schimpfte Kreithmeier.
Rainer Zeidler schritt voran und er folgte ihm. Die kühle Luft tat gut. Es waren nur wenige Gäste hier und sie blickten alle irgendwie entgeistert über das Balkongeländer auf die darunter vorbei laufende Straße. Kreithmeier beugte sich auch über die hölzerne Brüstung und musterte einen der Gäste.
Als fühlte der sich angesprochen sagte er zum Kommissar:
»Das hätten Sie gerade sehen sollen.«
»Was hätte ich sehen sollen?«
»Diese zwei jungen Frauen?«
»Ich verstehe nicht ganz.«
»Also wir stehen hier draußen und genießen die frische Luft nach einem heißen Saunagang, da geht die Tür auf und zwei junge Frauen spurten nur mit einem Handtuch um die Hüfte hier über die Holzterrasse und schwingen sich über die Balustrade. Elegant landen sie auf ihren Füssen, als ob sie das jeden Tag machen und rennen in die Nacht.«
Читать дальше