Katrin, Jens und der Wald
Nachdem Luisa am Nachmittag vier geschlagene Stunden mit Mathe verbracht hatte, war wenigstens ein Teil der Aufgaben gelöst. Sie konnte sich einfach keinen Reim auf die vielen Zahlen machen. Wie sollte das bloß gehen? Luisa war total erleichtert, als ihre Mutter nach Hause kam. „Mama, schau mal, ist das so richtig?“ „Lass mich doch erst mal reinkommen, Luisa. Ich werfe dann gleich einen Blick darauf.“ Fünf Minuten später brütete ihre Mutter über den Aufgaben. Luisa hatte den Eindruck, dass sie ungefähr genauso viel verstand, wie sie selbst. „Also ich weiß nicht so recht. Ich hätte das anders gerechnet.“ Die Unsicherheit in Monis Blick machte deutlich, dass sie auch nicht so recht wusste, wovon sie eigentlich sprach. Außerdem war sie sichtlich abgespannt von der Arbeit. „Mama, lass mal. Ich lasse mir das Morgen von einer Bekannten erklären. Ich gehe morgen Nachmittag nach Katrin. Ich helfe ihr bei Chemie und sie mir bei Mathe.“ „Oh, das hört sich aber gut an.“ Die Erleichterung ihrer Mutter war kaum zu überhören. „Dann können wir jetzt aufhören?“ „Naja, drei Aufgaben fehlen noch. Wir haben morgen schon wieder Mathe. Ich muss das heute machen. Aber ich kämpfe schon seit Stunden damit.“ „Dann lass uns doch erst mal Abendbrot essen und dann zusammen in Ruhe noch mal drüber schauen.“
Nach dem Abendbrot ging es ein bisschen besser. Die Pause hatte gut getan. „Moni, nicht die Aufgaben kontrollieren, die ich schon gerechnet habe. Lass uns lieber die drei Aufgaben rechnen, die noch fehlen.“ „Also gut.“ Als sie schließlich alles zu Ende gerechnet hatten, war es eigentlich schon Zeit ins Bett zu gehen. „Lass uns noch ein bisschen fernsehen und abschalten. Sonst können wir beide gleich nicht schlafen.“ „Gute Idee.“ Ausnahmsweise durfte Luisa ausgerechnet wegen Mathe länger aufbleiben. Wer hätte das gedacht. Unglaublich.
Die Mathestunde wurde am nächsten Tag wieder ein Fiasko. Natürlich musste sie ihre Aufgaben vorzeigen. Bis auf eine Ausnahme waren alle Aufgaben falsch. Die ganze Arbeit umsonst. Frau Sommer guckte schon wieder komisch. Aber sie sagte nichts. Ein Glück. Jens grinste wieder. Typisch. Dieser Mistkerl. Der genoss es sichtlich, wenn Luisa Probleme hatte. Da stand auch noch eine Rache von vorgestern aus. Aber Luisa war heute viel zu müde und wenig einfallsreich. Jens war auch nicht einfallsreich, aber gemein. Luisa sah im letzten Augenblick aus dem Augenwinkel ein Bein, das hervorschnellte, als sie vorbei wollte. Sie konnte gerade noch ein Stolpern verhindern. Sie war kurz davor, sich auf ihn zu stürzen und sich mit ihm zu schlagen. Aber Frau Sommer war noch in Reichweite. Sie musste bei Frau Sommer einen guten Eindruck machen. Daran war nichts zu ändern. Jens würde heute davon kommen. Aber nicht mehr lange. So tröstete sich Luisa. Katrin war sehr gesprächig heute. Genau genommen redete sie ohne Unterlass. Egal. Hauptsache, Luisa war nicht mehr alleine.
Nachmittags stand Luisa dann bei Katrin vor der Tür. Katrins Mutter öffnete die Haustür. Anscheinend musste sie nicht arbeiten. „Du bist bestimmt Luisa“, sagte sie noch bevor Luisa irgendwas sagen konnte. „Ja, wir wollen zusammen lernen.“ „Das hört sich gut an. Komm rein. Katrin ist oben in ihrem Zimmer. Die Treppe hoch, oben die erste Tür rechts.“ „Okay, danke.“ Schick war es bei Katrin zu Hause. Man könnte sagen: edel. Oben angekommen, stand sie am Anfang eines großen Flures. Katrin guckte schon aus der Zimmertür. Also hatte sie wohl schon gehört, dass jemand gekommen war. „Hallo.“ „Hallo, komm rein.“ Luisa war baff. Sie stand in einem riesigen Zimmer, das mit allem, was sich ein Mädchen wünschen konnte, ausstaffiert war. Ein Computer, Spielzeug, Playstation, Musikanlage... da fehlte wirklich nichts. Unglaublich. So etwas hatte Luisa noch nicht gesehen. Luisa war die Überraschung anzusehen und Katrin schien es peinlich zu sein Sie schlug gleich vor, an dem großen Schreibtisch Platz zu nehmen. Da könne man am besten arbeiten. „Sollen wir denn gleich anfangen?“ „Klar, dann können wir es uns später gemütlich machen.“ „Gut das machen wir.“ „Womit fangen wir an?“ „Ich glaube dein mathematisches Problem ist drängender als meins in Chemie.“ „Das ist leider wahr.“ Dann fing Katrin an zu erklären und das konnte sie wirklich gut. Nach gar nicht so langer Zeit hatte Luisa verstanden, wie die Aufgaben gelöst werden mussten. War gar nicht so schwer, wenn man einmal das System grundlegend verstanden hatte. Katrin konnte das wirklich so erklären, dass Luisa es verstand. So einen Menschen hatte sie noch nie getroffen. Bisher war noch niemandem wirklich gelungen, ihr Mathe näher zu bringen. Das war wirklich irre. Innerhalb kürzester Zeit war Luisa in das gegenwärtige Kapitel in Mathe eingeführt und die Grundlagen waren verstanden. Mit dem Wissen konnte sie jetzt schon einige der Aufgaben, an denen sie gestern so lange gerechnet hatte, in kürzester Zeit selbst lösen. „Ich denke, wenn wir jetzt noch weiter machen, wird alles zu viel auf einmal. Wenn du das bis hierher wirklich verstanden hast, sollten wir es erst mal dabei belassen. Wir können uns ja bald mal wieder treffen, wenn du magst.“ Luisa war froh über die Unterbrechung. Sie war nämlich gerade dabei gewesen, den Überblick zu verlieren. „Ich denke, dass du Recht hast. Ich bin nicht mehr aufnahmefähig.“ Ihr Blick schweifte durch das Luxuskinderzimmer, dem sie bisher vor lauter Rechnerei gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. „Ist das alles deins?“ „Ja“, antwortete Katrin und es hörte sich nicht so glücklich an. „Wahnsinn. Du hast einen Computer. Hast du auch Spiele?“ „Klar.“ „Für die Playstation auch?“ „Ja.“ „Deine Eltern müssen echt viel Geld haben.“ „Weiß nicht so genau.“ „Ist das euer Haus hier? Das ist total riesig.“ „Ja.“ „Ist ja toll.“ „Ich weiß nicht. Es ist alles viel zu groß. Und was soll ich mit dem ganzen Zeug? Ich kann doch kaum mit allem mal spielen. Es ist viel zu viel.“ „Mmh.“ Der Gedanke war Luisa neu. Zu viele Sachen konnte es in ihren Augen gar nicht geben. „Sollen wir jetzt Chemie machen?“ „Können wir. Aber so richtig viel Lust habe ich nicht mehr.“ „Machen wir nur noch etwas. Schließlich schreiben wir bald einen Test. Vielleicht schon morgen.“ Jetzt war es an Luisa zu erklären. Da sie eine gute Chemielehrerin gehabt hatte, wusste sie viel und konnte es auch gut erklären. Der Nachmittag verging wie im Flug. Die beiden waren ganz vertieft. Erst als Katrins Mutter fragte, ob sie zum Abendessen kommen würden, wurde Luisa klar, wie lange sie schon hier war. Ihre Mutter war bestimmt inzwischen auch zu Hause und würde warten, dass sie nach Hause kommen würde. „Wie spät ist es denn?“ „Sieben Uhr.“ „Oh, je, es tut mir leid, aber meine Mutter wartet auf mich. Ich muss nach Hause. Es tut mir leid. Ich kann nicht zum Abendessen bleiben.“ „Aber deine Mutter weiß doch, dass du hier bist, oder?“ „Ja, klar. Das ist nicht das Problem. Aber ich habe gesagt, dass ich nicht so spät komme.“ Katrin guckte enttäuscht. Wie gerne hätte sie noch ein bisschen gequatscht. Aber das wurde wohl nichts. „Es tut mir leid Katrin. Ich muss nach Hause. Wir sehen uns morgen. Und vielen Dank, du hast mir wirklich geholfen. Tschüss.“ „Tschüss“, riefen Katrin und ihre Mutter hinter Luisa her, denn Luisa war schon auf dem Weg nach Hause. Als sie draußen war, rannte sie los. Moni würde warten. Außerdem genoss sie es immer, mit ihr zusammen Abendbrot zu essen. Es war immer schön, den Abend zusammen ausklingen zu lassen. Völlig außer Atem stand sie auf dem Treppenabsatz und schloss die Wohnungstür auf. Während des Abendessens erzählte sie ihrer Mutter vom Nachmittag. Während sie so erzählte, wurde ihr klar, wie sehr Katrin ihr geholfen hatte. Da war es schon reichlich unhöflich gewesen, einfach so davon zu rennen. Luisa hatte ein schlechtes Gewissen. Sie würde das morgen in der Schule wieder gerade biegen. Das nahm sie sich fest vor.
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