»Das hoffe ich. Immerhin hat sich Ines alle Mühe gegeben, uns einen neuen Look zu verpassen«, meinte Eric und sah sich und Monja im Spiegel neben dem Kassenschalter an.
Die zwei Personen, die ihnen aus dem Spiegel entgegen blickten, hatten wirklich nicht mehr viel Ähnlichkeit mit ihnen.
Monja hatte ihre Haarpracht opfern müssen. Anstatt langer, brauner Locken hatte sie nun kurze, strohblonde Haare. Eine elegante Brille durfte sie nun auch tragen. Außerdem trug sie eine Hose von Ines, eine schwarze, enge Lederhose, in der sie sich überraschend wohlfühlte.
Eric hatte auch eine Haarfärbung über sich ergehen lassen, seine schwarzen Haare waren nun hellbraun. Sein Dreitagebart war weniger Verkleidung, er hatte einfach keine Lust gehabt, sich zu rasieren.
Das Museum für Völkerkunde war nicht sonderlich groß, der Übersichtsplan am Anfang zeigte ihnen, dass die ersten drei Räume für sie bedeutend waren. Hier drehte sich alles um den Penacho.
Im ersten Raum zeigten Schautafeln, wie der Federschmuck, der schon seit Jahrhunderten im Besitz Österreichs war, in mühevoller Kleinarbeit restauriert wurde. Es hatte mehrere Jahre gedauert, bis der Kopfschmuck wieder seinen Weg in dieses Museum fand. Über die Herkunft war noch wenig zu erfahren. Im nächsten Raum stand nur eine große Glasvitrine, die das Herzstück der Ausstellung beinhaltete, den Penacho.
»Der ist ja gewaltig groß«, staunte Eric.
Er schätze ihn auf über zwei Meter. Die grünen Federn schienen mit goldenen Nieten an weiteren roten und blauen Federn befestigt zu sein. Es musste eine besondere Kunst sein, die filigranen Federn einzeln zu befestigten, damit der Kopfschmuck nicht auseinanderfiel.
»Ja, so ausgebreitet sieht er sehr eindrucksvoll aus. Diese Federn sind vom Quetzalvogel, einer Vogelart, die fast schon ausgestorben ist. Auch wenn es heißt, dies sei der Kopfschmuck vom Herrscher Montezuma selbst, muss man eher davon ausgehen, dass dieser Schmuck nur einer von vielen war. Alle höheren Priester dürften so einen Penacho getragen haben.«
Eric musste grinsen. Monjas Wissen war beeindruckend und sie zeigte mit Stolz, was alles in ihrem Kopf schlummerte.
»Aber Montezuma war ein Azteke und kein Maya«, warf er ein.
»Das ist richtig. Auch die anderen Exponate hier stammen aus der Zeit der Azteken.«
An der Wand stand eine kleine Glasvitrine mit einem Federschild und einer Standarte an einer langen Stange. Auch hier wurden viele Federn zum Schmücken benutzt.
Das restlich Museum war für die beiden weniger interessant, da die ausgestellten Exponate aus anderen Teilen der Welt waren. Eric wirkte etwas enttäuscht. Er wusste noch nicht, wie viel er von der Geschichte rund um die Obsidiansteine glauben sollte, der Besuch im Museum hatte sie jedenfalls keinen Schritt weitergebracht.
Im angrenzenden Shop des Museums stöberten sie durch die Bücher, die neben Postkarten und anderen Souvenirs zum Verkauf angeboten wurden.
»Eine Zusammenfassung über die Maya, Azteken und Inka. Ansonsten sehe ich hier noch Bücher über den Fächer …«
»Penacho. Es ist kein Fächer, sondern ein Kopfschmuck«, korrigierte ihn Monja. Sie nahm ein dickes Buch in die Hand, auf dessen Titel der aztekische Kopfschmuck abgebildet war.
»Entschuldigung, Frau Oberlehrer. Auch wenn ich nicht ganz so belesen und klug bin wie Du, weiß ich immer noch, dass wir da drinnen gerade nur Ausstellungsstücke der Azteken gesehen haben. Nichts, was mit den Maya zu tun hat. Und wie Du selbst schon erwähnt hast, liegen dazwischen einige Hundert Jahre …«
Eric blickte Monja an, die konzentriert durch das Buch blätterte.
»Hörst Du mir eigentlich zu?«, fragte er sie.
»Ja, ja. Hundert Jahre, genau«, antwortete sie geistesabwesend.
»Wir werden hier nichts finden, Princesa.«
»Ja, nichts finden«, kam von ihr zurück. Sie starrte wie gebannt in das Buch, das sie langsam durchblätterte.
»Du kriegst nicht mit, was ich gerade mit Dir rede, oder?«
»Ja, reden ist gut.«
»Wenn wir hier fertig sind, dann können wir ja heim zu Ines und Sammy fahren. Die warten schon auf uns.«
»Werden wir, werden wir. Hinfahren, weil sie warten«, sagte Monja weiterhin geistesabwesend.
»Und Ines wird ihre neuen Handschellen und Peitsche an Dir ausprobieren.«
»Ja, ausprobieren …«
Plötzlich riss sie den Kopf hoch und blickte Eric erfreut an.
»Bingo! Wenigstens ein kleiner Hinweis, der uns weiterhelfen könnte«, jubelte sie leise.
»Okay, Du hast kein Wort verstanden, was ich gerade gesagt habe, stimmt´s?«
»Doch … Wir müssen dann heim zu Ines und Sammy, hast Du gesagt und … Moment, was hast Du damit gemeint, dass Ines an mir …«
Sein Grinsen verriet ihr, dass er sie auf den Arm genommen hatte. Sie stieß ihn mit dem Ellbogen an.
»Du verarscht mich wohl gerne, Freundchen?«
»Ganz ehrlich, ja. Also was hast Du beim Durchblättern gefunden?«
»Ich habe das Buch gelesen.«
Eric sah sie zunächst erstaunt an, dann setzte er wieder sein Grinsen auf.
»Natürlich. Einfach so im Durchblättern ein Buch gelesen. Und natürlich hast Du Dir auch alles gemerkt, was drinnen steht«, meinte er ironisch.
»Ja, habe ich, wichtig ist aber nur der Teil mit der Expedition nach Yucatán, an der Kaiser Maximilian teilgenommen hat«, meinte sie voller Ernst.
»Wie soll das bitte gehen, dass Du so schnell ein Buch liest?«
Im nächsten Moment bereute er seine Frage, denn er wusste, dass nun ein weiterer Vortrag von Monja kam.
»Das nennt man eidetisches Gedächtnis. Ich kann mir eine Seite, ein Bild oder eine Unterhaltung genauestens einprägen und bei Bedarf abrufen. Gemeinhin kennt man diese Fähigkeit als fotografisches Gedächtnis. Es gibt bestimmte Übungen, die ich seit meiner Kindheit schon anwende, um diese Fähigkeit zu trainieren. Noch dazu lese ich gerne und viel. Deshalb bin ich in Deinen Augen auch so klug und allwissend. Wobei, klug bin ich sowieso«, erklärte sie ihm mit einem breiten Lächeln im Gesicht.
»Gut, dann bist Du klug und hübsch und kannst Dir alles merken. Hilft uns das irgendwie weiter bei der Suche nach einem Obsidianstein?«
»Es kann recht hilfreich sein. Zum Beispiel, wenn ich Dir sage, dass ich gerade gelesen habe, dass Kaiser Maximilian bei seiner Expedition nach Yucatán mit einigen Souvenirs zurückgekehrt ist. Ein Satz ist mir dabei ins Auge gestochen: Einen gravierten Stein, den Maximilian von seinen Leuten überreicht bekam, sah er als seinen persönlichen Glücksbringer an und trug ihn fortan immer bei sich.«
Eric pfiff durch die Zähne.
»Das könnte passen. Damit haben wir eine neue Spur. Aber wo kann dieser Glücksbringer heute sein? Gibt es ein Museum, dass noch mehr Ausstellungsstücke von Maximilian hat?«
»Neben dem Denkmal, von dem wir die Postkarte kennen, gibt es noch im Heeresgeschichtlichen Museum einige Exponate. Außerdem wurde der Platz vor der Votivkirche früher »Maximilianplatz« genannt. Wenn wir uns nicht nur auf Wien beschränken, dann kann ich Dir noch Bad Ischl anbieten, dort steht der …«
»Okay, es genügt schon!«, unterbrach Eric sie, »Ich kann nicht glauben, dass Du das alles einfach so aus Deinem Kopf heraussaugst.«
»Ich habe das alles erst heute früh im Internet nachgelesen«, verteidigte sich Monja.
»Das heißt, unser nächstes Ziel ist diese Statue bei Schönbrunn. Vielleicht finden wir dort etwas, das uns die Zahlen auf der Karte erklärt«, beschloss Eric.
Auf dem Weg zum Schlosspark Schönbrunn, vor dem die Statue stand, wollte Monja noch mehr Privates von Eric erfahren.
»Was soll ich Dir groß erzählen? Bislang ist es bei mir eher langweilig verlaufen, wenn man die letzten Tage damit vergleicht. Nachdem ich den Job als Chauffeur verloren habe, bin ich nun am Überlegen, wie es weitergehen soll. Bislang hatte ich aber noch nicht den Kopf dafür, mir zu überlegen, was ich eigentlich machen möchte. Dieses Abenteuer mit Dir ist gerade zur richtigen Zeit gekommen. Aber wenn Du quer durch Europa fliegen willst …«
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