„Und die Häuser dort drüben? Sind das die Bauern?“
Anne lachte.
Nein, diese Häuser gehörten zum Schloss. Das wären Wirtschaftsgebäude und vor allem wohnte dort das Personal. In der Scheune dort rechts würde gerade ein Schwimmbad gebaut. Im Sommer sollte es fertig werden. Das würde sicher den Bewohnern sehr gefallen. Dann könnte ihnen auch Wassergymnastik angeboten werden.
Plötzlich fröstelte es Fromm.
Die Sonne hatte sich hinter diffusen Wolken verborgen, und erst jetzt bemerkte er die feuchte Kühle aus dem Park aufsteigen.
Mit beiden Händen umfasste er seine Oberarme, um sie zu wärmen, und die beiden wandten sich eilig dem Haus zu, nahmen gleich den Haupteingang, der sie in die Halle führte.
„Das muss ich Ihnen noch zeigen. Haben Sie noch einen Augenblick Zeit?“
Als er nickte, führte Anne ihn den Gang entlang am Lesezimmer vorbei. An der dritten Tür stoppte sie, zauberte einen Schlüssel aus ihrem Kittel hervor und schloss auf.
„Unser Kiosk“, sagte sie und breitete ihre Arme aus, als wollte sie den ganzen Raum umfassen.
„Viel hat er nicht zu bieten, aber mehr bekommen Sie auch unten im Ort nicht.
Wenn Sie etwas Spezielles haben möchten, müssen Sie es nur sagen, Janoš, unser Hausmeister, versucht es zu besorgen.“
Das Angebot war wirklich überschaubar, doch man gab sich nicht die verzweifelte Mühe, altersgerechte Diät oder Abstinenz durchzusetzen: Kartoffelchips und süßes Gebäck, zwei Sorten Schokolade, preiswerte Pralinen, saure Gurken, Wasser, Bier und Wein, rot und weiß, süß und trocken.
Es waren keine Spitzenweine, aber immerhin trinkbare.
„Die bekommen Sie auch im Speisesaal, aber die werden extra abgerechnet. Und wenn Sie nicht eine ganze Flasche trinken möchten, wird der Rest für Sie aufbewahrt und am nächsten Tag serviert. Sie können ihn aber auch mit auf ihr Zimmer nehmen oder im Lesezimmer trinken.“
Der Speisesaal füllte sich gerade, als sie an der Tür vorbeikamen.
Was suchten all die Alten hier? Sie hatten doch erst vor zwei Stunden ihr Mittagessen zu sich genommen.
Die ersten Kaffeekannen wurden aus der Küche getragen und auf den Tischen verteilt, gefolgt von Kuchenplatten.
Fromm wollte nicht, jetzt war er wirklich müde und wollte ein kleines Nickerchen halten, doch Schwester Anne munterte ihn auf: „Gehen Sie doch! Eine Tasse Kaffee und ein Stückchen Kuchen werden Ihnen gut tun, glauben Sie mir.“
Der Speisesaal war wirklich schon gut besucht, mehr als Fromm von außen gesehen hatte.
Es gab etwas umsonst, und das musste man mitnehmen!
Gustav Preuss saß schon auf seinem Platz, dick, behäbig, zufrieden. Seine Tasse war bereits gefüllt, nur sein Teller war noch leer. Gerade starrte er auf die Kuchenplatte, suchte im Geiste das größte Stück, verglich das eben ins Auge gefasste mit den anderen, konnte sich nicht entscheiden, bis sein Gegenüber ihm die Platte streitig machte.
Preuss hielt sie fest, zog energisch an ihr und griff ein anderes Stück.
Triumphierend sah er Fromm an. Er hatte einen Sieg errungen, und den kostete er jetzt aus.
Fromm setzte sich auf seinen Platz neben ihm. Der Kuchen reizte ihn nicht.
Preuss warf einen sehnsüchtigen Blick darauf, und als Fromm nickte, griff er blitzschnell zu.
Fromm hatte einen Fresser zum Nachbarn!
Schon am Abend, als sie noch im Lesezimmer beisammen saßen, vertraute Preuss ihm an, das machte er immer so, das wäre so eine Art tägliches Training, bei dem er seine Reaktionsgeschwindigkeit übte. Es wäre äußerst wichtig für ihn, um im Kopf fit zu bleiben. Seine größte Sorge wäre, irgendwann abzustumpfen und nur vor sich hin zu dämmern, eine leblose Puppe.
Nur beim Nachmittagskaffee hätte er die Möglichkeit zum Training.
Beim Frühstück und Abendessen bediente man sich am Buffet und mittags würde ein Tellergericht serviert. Hier wäre jede Konkurrenz ausgeschaltet. Wenn man mehr haben wollte, bediente man sich selbst oder bäte um einen Nachschlag.
Nur beim Kuchen gäbe es einen Wettkampf.
Die Kuchenstücke unterschieden sich nur geringfügig voneinander, wären mal so, mal so geschnitten, und deshalb gehörte sehr genaue Beobachtungsgabe dazu, das größte Stück unter den nahezu gleichen herauszufinden. Auch müsste man blitzschnell überschlagen können, ob das etwas dickere, aber schmalere Stück wirklich mehr wäre als das großflächige dünne.
Fromm muss wohl recht abwesend ausgesehen haben, denn plötzlich fragte Preuss: „Interessiert Sie überhaupt, was ich Ihnen erzähle?“
Mit einem Ruck fuhr er zusammen, so als würde er aus einem Sekundenschlaf geweckt.
„Doch, doch!“, beeilte er sich zu versichern.
Er ahnte ja nicht, wie sehr Fromm ihn beneidete. Er hatte einen Sinn in seinem Leben gefunden.
Er wusste, es würde wiederkommen, dieses Gefühl des Abgeschobenseins, des Überflüssigen, des Wertlosen. Fast wie Müll kam er sich auf einmal vor, als er in seinem Zimmer war und sich bettfertig machte.
Zwar schaffte er das alles allein, brauchte keine Hilfe, weder beim Ausziehen noch bei den anderen Verrichtungen, aber plötzlich stand das alles wie ein Berg vor ihm.
Hier brauchte er sich keine Sorgen zu machen, ein kurzes Ziehen an einer der vielen Strippen reichte, und eine Schwester oder ein Pfleger würde sofort kommen und ihm helfen. Aber er wollte keine Hilfe!
Sein Sohn hätte darauf sehr großen Wert gelegt, antwortete das graue Kostüm, als Fromm nachfragte, warum sein Sohn dieses Haus gewählt hätte.
„Hat er es Ihnen nicht gesagt?“, fragte sie erstaunt, „fast alle Angehörigen wählen unser Haus wegen der vorbildlichen Betreuung. Wir sind mehrfach zertifiziert.“
Ob er – etwa – etwas auszusetzen hätte, fügte sie hinzu, und ihre Stimme klang leicht feindselig.
Wenn Fromm ehrlich war, er hätte in seiner Wohnung nicht mehr bleiben können. Zwar hätte er sich das Leben erleichtern können, hätte eine Schwester von einem sozialen Dienst kommen lassen können, die nach ihm sah, ihn mit dem Nötigsten versorgte, könnte sich das Essen kommen lassen, könnte einen Schüler damit beauftragen, für ihn einzukaufen, wenn er die wenigen Schritte nicht mehr selbst laufen konnte. Er könnte sich auch einen Pieper um den Hals hängen, mit dem er jederzeit den Notdienst erreichen würde.
Aber war er damit nicht noch abhängiger?
Er lag auf dem Bett, halb ausgezogen, zu mehr hatte die Kraft plötzlich nicht gereicht. Er hätte die Strippe ausprobieren können, die auch an der Wand seines Bettes herunterhing, doch er tat es nicht.
Warum sollte er läuten?
Um sich und dem Personal zu zeigen: Da ist wieder ein Gebrechlicher, der Hilfe braucht?
Das wenigstens wollte er sich noch möglichst lange bewahren, das Gefühl, sich noch selbst steuern zu können.
Zwar konnte er sich nicht an seinen Aufenthalt im Krankenhaus erinnern, doch dass er total auf fremde Hilfe angewiesen war, das war ihm schon klar. Und dieses Bewusstsein war fürchterlich.
Gustav Preuss hatte es geschafft.
Zwar konnte auch er nicht mehr alles leisten, was er wollte, war auch er auf Hilfe angewiesen, vielleicht nicht so sehr wie Fromm oder andere es waren, aber er hatte eine Möglichkeit gefunden, sich über die anderen zu erheben, ihnen zu zeigen, ich bin nicht auf euch angewiesen, ich packe euch!
Dieser simple Kuchentrick, an jedem Nachmittag exakt um 15.33 Uhr vorgeführt, hatte ihn aus seiner Abhängigkeit befreit. Nicht nur, dass er das größte Kuchenstück ergatterte!
Das war nicht der Hauptgrund, auch dass er sein Reaktionsvermögen schulte, sicher nicht, selbst wenn er es behauptete.
Nein, er triumphierte über all die anderen, wenn seine Hand vorschoss und ein bestimmtes Stück Kuchen griff und auf seinen Teller legte.
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