Die Innenstadt von Hannover hatten sie hinter sich gelassen, Linden erkannte er von früher, den Ricklinger Kreisel.
Dann musste er wohl eingenickt sein.
Als er aufwachte, passierten sie gerade die letzten Häuser Hamelns.
Also hierher hatte es ihn verschlagen?
Eigentlich hätte er jetzt aufmerksam sein sollen, doch die Aufregungen gestern und heute Morgen waren wohl zu viel. Er nickte wieder ein und wachte erst auf, als der Wagen anhielt, die Straße kreuzte und in eine breite, von hohen Platanen gesäumte Auffahrt bog.
In sanften Bögen schlängelte sich die Straße den Berg hinan und endete auf einem weitläufigen Platz vor einem dreiflügligen schlossartigen Gebäude.
Der breite Mittelflügel wurde beherrscht von einem Säulenportal, zu dem eine weit ausladende Sandsteintreppe empor führte. Rechts und links der zweiflügligen Tür gestatteten hohe Fenster den Blick in eine weitläufige Halle, von der sich wohl der Zugang zu den Seitenflügeln öffnete.
In ihnen schienen mehrere Räume untergebracht zu sein, deren Funktion von außen nicht erkennbar war.
Die beiden Obergeschosse waren ähnlich aufgebaut, ihren Mittelpunkt bildete wie auch im Erdgeschoss eine Halle.
Donnerwetter, entfuhr es Alexander Fromm. Mit einem derartigen Luxus hatte er nicht gerechnet. Hatte sein Sohn sich also nicht lumpen lassen.
Zwei freundliche Frauen, die ältere in einem schlichten grauen Kostüm, die andere, jüngere, in einem weißen Kittel mit trotz der Kälte kurzen Ärmeln, und ein Mann, wohl der Hausmeister oder Hausdiener, standen zum Empfang bereit. Lächelnd, voller unaufdringlicher Freude, wie es schien, über den Besuch.
Die Schwester oder Pflegerin, jedenfalls die in dem weißen Kittel, hakte Fromm unter. Leicht wie eine Feder hing sie an seinem Arm, und führte ihn die wenigen Schritte zur Treppe und dann die Stufen empor. Er hätte sie auch ungestützt gehen können, hätte keine Hilfe gebraucht, aber dann spürte er die leichte Erregung in seinem alten Körper, und er wies die Begleitung nicht fort.
Vorweg war schon das graue Kostüm gegangen, hatte die prunkvolle Eingangstür weit geöffnet und ließ Fromm mit seiner Begleitung eintreten. Ihnen folgte der Hausmeister mit zwei Koffern, wohl seinen. Den einen kannte er, in ihm lagen seine Kleidung und persönlichen Artikel, die er im Krankenhaus hatte. Irgendwer hatte ihn ihm gebracht, vielleicht sein Sohn. Der andere war ihm gänzlich unbekannt. Was er beinhaltete, wusste ich nicht, auch nicht, wie er in den Krankentransportwagen hineingeraten war.
Während er sich noch den Kopf über sein Gepäck zerbrach, obgleich es ihn eigentlich gar nicht interessierte, querten sie die Eingangshalle, einen wenig anheimelnden Raum mit dem angestaubten Charme des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, dem man durch zwei kleine Sitzgruppen etwas Gemütlichkeit zu verleihen versucht hatte.
Sie gingen daran vorbei und steuerten direkt auf die breite Tür eines Aufzuges zu, der sie in den zweiten Stock brachte.
„Hier haben Sie Ihr Appartement“, sagte ‚das Kostüm’ und tackerte den langen Flur entlang.
An einer der vielen Türen blieb sie stehen und schloss auf.
„Bitte!“
Sie ließ Fromm eintreten.
„Ich hoffe, es gefällt Ihnen. Wir haben schon Ihre persönlichen Dinge eingeräumt.“
Sie ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen, als wollte sie sich davon überzeugen, dass auch alles da wäre.
Sie schien zufrieden.
Ein kurzes Nicken in Richtung ihres neuen Gastes, und sie ging.
„Soll ich Ihnen beim Auspacken Ihrer Koffer helfen, oder möchten Sie erst noch ein wenig ausruhen, bevor es das Mittagessen gibt? Ich würde dann am Nachmittag kommen, wenn Sie es wünschen.“
Fromm war einverstanden.
Obgleich er auf dem Weg geschlafen hatte, hatte ihn die Fahrt doch angestrengt.
Ein wenig Ruhe würde ihm gut tun.
Das Zimmer, Appartement war wirklich stark übertrieben, war alles in allem vielleicht dreißig Quadratmeter groß, gemessen an seiner Altbauwohnung in der List zwergenhaft.
Man betrat es durch einen Flur mit einer Art Teeküche. Ein Zweiplattenherd mit untergebautem Kühlschrank, eine Spüle, ein Hängeschrank von gleicher Breite und ein schmaler Hochschrank, das war es, aber immerhin, es war wenigstens etwas.
Der Hängeschrank enthielt, soweit er so schnell sehen konnte, zwei Gedecke, einige Gläser und eine Kasserolle.
Der Kühlschrank war vergleichsweise üppig bestückt: je zwei Fläschchen Piccolo und Bier, einige Flaschen Saft und Mineralwasser, ein Becher Joghurt.
Auf der anderen Seite des Ganges befand sich das recht geräumige Duschbad, natürlich behindertengerecht ausgestattet, mit einer schönen großen Dusche mit Glastrennwand, Toilette mit Aufsatz und Waschbecken. Den Aufsatz würde er ablehnen. Schließlich konnte er sich noch ohne große Schwierigkeit setzen.
Gerne hätte er die verschiedenen Strippen abschneiden lassen, die überall an den Wänden herunterhingen, doch die sollten wohl der Sicherheit dienen und würden bleiben müssen.
Der Wohnraum war etwas gewöhnungsbedürftig.
Eine Wand nahmen das Bett, seine Kommode und ein Kleiderschrank aus dem Bestand des Hauses ein. Vor dem großen Fenster gruppierten sich sein geliebter Ohrensessel und zwei kleinere wohl auch hauseigene Sessel um einen kleinen runden Couchtisch.
Recht unmotiviert wirkte der quadratische Tisch an der dritten Wand nahe dem Fenster. Viel machen konnte man an ihm nicht, vielleicht einmal eine Kleinigkeit essen, die man sich in der Teeküche aufgewärmt hatte, oder eine Tasse Kaffee trinken. Mehr ganz sicher nicht.
In der Mitte der dritten Wand, der Kommode gegenüber, stand sein Lieblingsstück, sein Sekretär.
Wenigstens den hatte man ihm gelassen! Und ihn anständig gestellt.
Seine Bilder hatte man noch nicht aufgehängt. Sie standen aufrecht gestapelt in einem Bananenkarton. Man wollte ihm wohl die Freiheit gewähren, sie nach seinem Geschmack zu platzieren. Hammer, Zange und eine Handvoll Nägel lagen auf dem Tisch.
Es klopfte.
„Herein!“
Die nette Schwester, die ihn empfangen hatte, öffnete vorsichtig die Tür und schob ihren Kopf herein.
„Haben Sie alles gefunden?“
Was er gefunden haben sollte, wollte er fragen, doch er ließ es. Sie hatte keine derartige Unhöflichkeit verdient. Und mit dem Personal sollte man sich besser gut stellen.
Ob sie ihn in den Speisesaal führen dürfte, fragte sie, nachdem er ihre erste Frage einfach überhört hatte, und zauberte ein hinreißendes Lächeln auf ihr Gesicht.
Alexander Fromm war knurrig und schlecht gelaunt. Er hasste dieses Haus, das er nicht kannte, er hasste es, wie ein Tattergreis behandelt zu werden, er hasste es, von seinem eigenen Sohn abgeschoben worden zu sein, auch wenn das Haus sicher nicht das schlechteste war.
Er hasste einfach alles!
Aber da war auch diese nette Schwester, die ihn schon beim Empfang an die Hand genommen hatte, ihn wie selbstverständlich in sein Zimmer geführt hatte, die ihm nicht mit irgendwelchem dummen Geplapper auf die Nerven gefallen war, die sich diskret zurückgezogen hatte, um ihm Zeit für sich zu geben, und jetzt wieder da war und ihm anbot, ihn in den Speisesaal zu führen.
Trotzdem, er wollte nicht, war bockig. Und doch ließ er es zu, dass sie seinen Arm fasste und ihn ungeheuer sanft den Flur entlang führte. Ihr Druck war kaum zu spüren, fast nur eine leichte Berührung, von der er sich jeden Augenblick befreien könnte, wenn er es nur wollte.
Doch er wollte es nicht.
Im Gegenteil, er genoss es, an ihrer Seite zu gehen.
„Möchten Sie lieber den Aufzug oder die Treppe nehmen?“, fragte sie und ließ ihm Zeit zum Überlegen. Sie schien unendlich viel Zeit zu haben.
„Kommen Sie, den Blick von hier oben in die Halle sollten Sie sich gönnen“, sagte sie, als er noch unentschlossen war, und führte ihn an ihrer leichten Hand zu der breiten Treppe, die in die Eingangshalle führte.
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