Sehnsüchtig sah er ihrer zuständigen Serviererin entgegen, und der Grund war jetzt sicher Vanillepudding und nicht die überhaus süße kleine Person, die ihn servierte.
Als Fromm sah, wie verzückt sein Nachbar diese alberne Nachspeise genoss, schob er ihm sein Schälchen zu.
„Ich bin Alexander“, sagte er wie zur Entschuldigung oder Begründung.
„Gustav“, stellte Preuss sich noch einmal vor und zog den Teller zu sich heran.
Nachdem er auch seinen zweiten Pudding verschlugen hatte, legte er seinen Teelöffel in das leere Schälchen, wischte sich den Mund und verstaute die sorgfältig zusammengefaltete Serviette in der Serviettentasche.
Mit einer weit ausholenden Geste, die den ganzen Speisesaal umfasste, wandte er sich wieder Fromm zu.
„Sehen Sie sich in diesem Raum mal um. Was sehen Sie hier?“
Als Fromm nicht gleich antwortete, fuhr er fort: „Lauter alte Leute, alle fast scheintot. Und warum sind hier lauter Gruftis? Weil wir nicht mehr in der Gesellschaft der Jungen gelitten sind. Früher, ja, da waren wir willkommen, als sie uns brauchten. Aber jetzt machen wir nur Umstände, und sie haben für uns einen Platz gesucht weit ab vom Schuss.“
Er lachte bitter.
„Wir sollen einen schönen Lebensabend haben, sagen sie, und das hier wäre wie ein Paradies, gerade richtig für uns, wir hätten uns das schließlich verdient. Aber ganz ehrlich, in Wirklichkeit geht es denen nur darum, dass wir auch beim Sterben keine Umstände machen.“
Ob Alexander Fromm hier bleiben würde, würde sich noch zeigen.
Noch jedenfalls war er nicht davon überzeugt.
Und nur die hübschen Serviererinnen anzustarren, war zwar reizend, aber ob das auf die Dauer ausreichen würde?
Als Fromm in sein Zimmer zurückkehrte, erwartete ihn eine Überraschung. Auf dem Tisch standen eine Schale mit etwas Obst, eine Flasche Wasser und vor allem eine reich bebilderte Broschüre mit dem Titel ‚Weserresidenz – Das Paradies im Weserbogen’.
Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und schlug das Heft auf. Hübsche farbige Bilder vom Haus, einem ehemaligen Schloss, mit einigen ansehnlichen Nebengebäuden, die wie um einen kleinen Dorfplatz gruppiert waren, und dem Schlosspark sollten Lust auf Entdeckungen wecken.
Gerade hatte er das Heft zur Seite gelegt und wollte ein wenig die Augen schließen, da klopfte es, und die nette Pflegerin betrat das Zimmer.
„Darf ich Ihnen beim Aufhängen der Bilder helfen?“
Sie bemerkte, dass sie offensichtlich störte, hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund, stammelte eine Entschuldigung und wollte schon wieder gehen, als Fromm sie – gerade noch rechtzeitig – bat, doch zu bleiben.
Natürlich wäre er ihr dankbar, wenn sie ihm helfen würde, versicherte er ihr. Er hätte zwei linke Hände, hätte noch nie einen Nagel gerade in die Wand bekommen, ohne dass die halbe Wand anschließend gespachtelt und übergestrichen werden musste, und was man dergleichen für Albernheiten sagt, maßlose Übertreibungen, die niemand ernst nimmt und die deshalb vom eigenen Unvermögen ablenken sollen.
Sie machte ihre Arbeit gut, viel besser als er es geschafft hätte.
Hatte sie einmal einen Nagel angesetzt, fixierte sie ihn mit einem doppelten vorsichtigen Pinkern und trieb ihn anschließend mit drei weiteren Schlägen tiefer in die Wand, ohne dass ein Krater rund um ihn heraus brach.
Es war eine Freude, ihr zuzusehen.
„Sie sollten mal das Haus erkunden“, schlug sie vor, als sie auch noch die Bilder aufgehängt hatte, „wenn Sie sich wieder stark genug fühlen.“
Stark genug! Als ob er etwa erschöpft wäre! Sah sie nicht, dass er topfit war?
„Lohnt es denn?“, fragte er und versuchte sich seine leichte Verärgerung nicht anmerken zu lassen.
Sie sah ihn von der Seite an, etwas spitzbübisch, wie ihm schien, aber das konnte er sich auch einbilden. So eine Tochter oder Enkeltochter hätte er sich gewünscht.
Praktisch, zupackend und doch sehr, sehr weiblich.
Und was hatte er?
Einen kaltherzigen Stiesel von Sohn, für den nichts zählte als der berufliche Erfolg, der auf der ständigen Jagd nach Erfolg alles Menschliche verloren hatte, wenn er es überhaupt jemals besessen hatte.
„Na, wie wär’s?“, unterbrach sie Fromms Gedanken.
Schlafen konnte er auch nachher. Die Chance, in netter Begleitung das Haus zu erkunden, kam vielleicht nie wieder.
Das Haus war weitläufiger als er vermutet hatte.
Der Seitenflügel, in dem sich auch sein Zimmer befand, erstreckte sich noch ein ganzes Stück weiter und ging am Ende im rechten Winkel in einen weiteren Flügel über, in dem sich andere Gästezimmer befanden.
Sie gingen nur bis zur Ecke und kehrten zurück in den Hauptflügel, den Fromm schon kannte.
„Treppe oder doch lieber Aufzug?“, fragte die Schwester.
Da er die Treppe kannte, wählte er jetzt den Aufzug, der ungeheuer sanft nach unten glitt.
„Der ist erst drei Jahre alt“, erläuterte die Schwester, als sie Fromms Erstaunen bemerkte.
Sie durchschritten die Halle, gingen vorbei an der Tür zum Speisesaal und betraten die Bibliothek. Hier fühlte sich Alexander Fromm schon beim Betreten wohl.
Schwere dunkelbraune Ledersessel, wie sie früher in jedem gutbürgerlichen Herrenzimmer standen, gruppierten sich – meistens zu viert – um runde Rauchtische, auf denen allerdings die Aschenbecher fehlten.
An den Wänden klebten halbhohe Bücherregale, einige Tageszeitungen hingen an einem Garderobenständer.
Es war erstaunlich, mit wie wenigen Mitteln man eine anheimelnde Atmosphäre, das Gefühl von Vertrautheit herstellen konnte.
Vielleicht würde er sich hier doch irgendwann eingewöhnen.
Gedankenverloren fuhr er mit der Hand über eine Sessellehne, spürte das alte, etwas vernarbte, leicht brüchige Leder, roch es, drückte mit Zeige- und Ringfinger eine Delle in das Polster, spürte den bockigen Widerstand.
Ja, so mussten Ledersessel sein!
Fromm betrachtete die Bücher, die wohl noch aus dem Bestand des Schlosses stammten. Lessing, Goethe und Schiller in Prachtausgaben hinter Glas und die deutschen Romantiker füllten den ersten Schrank, direkt neben der Eingangstür.
Daran schloss sich ein unverglastes Regal an mit Literatur der Jahrhundertwende und der Zeit zwischen den Kriegen. Einige Autoren waren Fromm bekannt, er hatte sie selbst besessen, von anderen hatte er nur gehört, sie aber nie gelesen, wieder andere kannte er nicht einmal dem Namen nach.
Und dann kamen die Regale mit der Nachkriegs- und zeitgenössischen Literatur.
Waren die Bücher anfangs noch nach einem bestimmten System geordnet, so machte man sich jetzt offensichtlich nicht mehr die Mühe. Sie wurden nur noch aneinander gereiht.
Gemein war allen Regalen, dass die Bücher nur so hoch gestapelt waren, dass man sie erreichen konnte, ohne eine Leiter benutzen oder auf einen Stuhl steigen zu müssen.
Und erst da fiel Fromm auf, dass es keinen einzigen Stuhl in diesem Raum gab.
Sicher keine schlechte Entscheidung! Niemand würde versucht sein, auf einen wackligen Stuhl zu klettern, um ein unerreichbares Buch aus dem Regal zu ziehen. Überhaupt, irgendwie begann sein neues Zuhause im zu gefallen.
Anne, so las er erst jetzt auf einem kleinen Schildchen an dem Kittel der netten Schwester, hatte unendlich viel Geduld, beobachtete, wie er diesen Raum ganz in sich aufsog, wie er die Titel der Bücher verschlang.
Nachdem er die Zeitungen flüchtig durchgeblättert und wieder aufgehängt hatte, räusperte sie sich, und sie traten durch die breite Glastür in den herbstlichen Garten.
„Im Sommer kann man hier wunderbar sitzen“, erläuterte sie, „und herrliche Spaziergänge durch den alten Park machen. Früher war er zwar größer, ein Teil ist verpachtet und wird von Bauern der Umgebung bewirtschaftet, aber ich finde, er reicht immer noch.“
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