„Da spiele ich nicht mit! Du weißt genau, was ich für Conny empfinde, Mutter! Ich werde nicht zulassen, dass du ihr etwas antust!"
„Setz dich wieder hin und hör mir zu!", forderte Elsbeth ihn energisch auf. „Wir werden deiner Constance kein Haar krümmen. Sie soll nur für eine Weile von der Bildfläche verschwinden. Eva wird Constances Stelle einnehmen und dich heiraten. Du weißt doch von dem Vermögen, das Constance am Tag ihrer Hochzeit aus dem Erbe ihres Großvaters überschrieben wird. Wir können sowieso von Glück sagen, dass der alte Richard bei ihrer ersten Heirat noch gelebt hat. Dadurch kommen wir jetzt in den Genuss des Geldes."
„Und wenn ihr Conny wieder freilasst, was passiert dann?"
„Dann bist du immer noch ihr Ehemann. Niemand wird von dem Rollentausch wissen. Wenn Constance diese abenteuerliche Geschichte von ihrer Gefangennahme erzählt, wird man sie für verrückt halten. Dann braucht sie einen liebevollen Mann an ihrer Seite."
„Das gefällt mir nicht."
„Es hat dir aber gefallen, mit mir zu schlafen", sagte Eva direkt. „Constance würde dich doch nie an sich ranlassen. Sie wird dich weiterhin abweisen. Dafür verdient sie einen Denkzettel. Inzwischen werden wir beide das Leben und die Liebe in vollen Zügen genießen."
„Constance wird immer denken, dass du nicht gut genug für sie bist", setzte Elsbeth hinzu. „Das wird sich bald ändern. Du wirst mit ihr verheiratet sein, und sie kann dich nicht mehr wie den armen Verwandten behandeln. Wenn es dir sogar gelingen sollte, ihr ein Kind zu machen, kannst du sie mit etwas Geschick für immer an dich binden." Eindringlich schaute sie ihn an. „Das ist deine einzige Chance, sie für dich zu gewinnen, Harry!"
„Nun komm schon", drängte Eva. „Sag, dass du einverstanden bist, Harry."
„Zuerst möchte ich Einzelheiten wissen", verlangte er. „Wie genau soll das alles ablaufen?"
„Noch sind wir im Stadium der Vorbereitung", erwiderte seine Mutter. „Eva wohnt hier in der Nähe in einer kleinen Pension, so dass wir die meiste Zeit des Tages damit verbringen, alles Wesentliche aus Constances Leben durchzugehen. Eva muss so gut wie möglich über ihre Schwester Bescheid wissen: ihre Gewohnheiten kennen, die Namen ihrer Freunde, wichtige Daten etc. In den letzten Wochen hat sie Constance manchmal heimlich beobachtet, um ihre Bewegungen zu studieren. Dabei hat Eva eine dunkle Perücke getragen, um nicht zufällig erkannt zu werden." Ein zufriedener Ausdruck huschte über ihr wie gewöhnlich zu stark geschminktes Gesicht. „Ich finde, Eva spielt die Rolle ihrer Schwester jetzt schon sehr gut. – So gut, dass selbst du geglaubt hast, Constance vor dir zu haben."
„Wann soll Eva den Platz von Conny einnehmen?"
„Sobald wie möglich."
„Also gut", sagte er nach kurzem Überlegen. „Ich werde über diese Sache nachdenken."
„Du musst dich jetzt entscheiden!", forderte Elsbeth. „Auf der Stelle!"
„Ich sagte, dass ich mir die Geschichte durch den Kopf gehen lasse", erwiderte Harry unnachgiebig. „Dabei bleibt es!"
September 2012
Constance hatte kaum die Sprechstunde beendet, als Harry das Ordinationszimmer betrat.
„Ich muss dringend mit dir reden, Conny. Lass uns irgendwo Mittagessen gehen.“
„Tut mir leid, ich habe schon eine Verabredung zum Essen.“
Diese Tatsache weckte sein Misstrauen.
„Mit wem? – Wenn ich fragen darf?“
„Der neue Verwaltungschef der Klinik hat vorhin angerufen“, erwiderte sie und streifte dabei ihren Kittel ab. „Er will mehr über die Zusammenarbeit mit dem Zentrum wissen.“
„Und dann lädt er dich gleich zum Essen ein? Der will doch bestimmt mehr von dir.“
„Mehr bekommt er aber nicht.“ Mit fragendem Blick schaute sie ihn an. „Was willst du denn mit mir besprechen? Ein paar Minuten habe ich noch.“
„Es geht darum, was meine Mutter vor ein paar Tagen gesagt hat“, begann er vorsichtig. „Über uns beide. Wir kennen uns so lange und so gut, Conny. Wir wissen, was wir voneinander erwarten können. Warum sollten wir uns nicht zusammentun? Du und ich – und natürlich Nathalie ...“
„Harry!“, unterbrach sie ihn ungehalten. „Was soll das? Hat dich Tante Betty jetzt auch schon mit dieser absurden Idee infiziert? Ich will nicht heiraten – weder dich noch sonst wen!“
„Aber wir ...“
„Vergiss es!“, fiel sie ihm abermals ins Wort. „Ich brauche keinen Mann – und wenn doch, dann nur für eine Nacht. Das genügt mir voll und ganz. Also schlag dir diesen Blödsinn aus dem Kopf!“
„Ist das dein letztes Wort?“
„Mein allerletztes. – Ich will nichts mehr davon hören. Wenn du das nicht akzeptieren kannst, musst du dir einen neuen Job suchen. – Haben wir uns verstanden?“
„Das war deutlich genug", sagte er, sich zur Ruhe zwingend. „Schade, ich dachte, es ginge auch anders. Aber du hast es so gewollt, Conny. Eines Tages wirst du das noch bedauern."
Ohne ein weiteres Wort, verließ der er den Raum. Bis jetzt hatte er gezögert, den Plänen seiner Mutter zuzustimmen, doch nun sah er darin die einzige Möglichkeit, seine Cousine an sich zu binden.
In dem italienischen Restaurant gelang es Constance, Adrian Herzog von den Vorteilen zu überzeugen, die aus der Zusammenarbeit mit dem Zentrum für alle Beteiligten offenkundig waren.
Unbefangen erzählte Adrian, dass er sich bei seinem ersten Besuch im Zentrum einen Eindruck verschaffen wollte. Als er dann für die erwartete Hilfskraft gehalten worden war, hatte er mitgespielt und seinen freien Nachmittag geopfert, um vielleicht einen Einblick zu erhalten, den er in seiner Eigenschaft als Verwaltungsdirektor so nicht bekommen hätte.
Während des Essens versuchte Constance, seine Wirkung auf sie zu ignorieren. Trotzdem erwischte sie sich dabei, sein Flirten zu genießen. Sie mochte seine offene Art – und seinen Humor. Sie ahnte, dass sie auf etwas zusteuerte, das überhaupt nicht in ihre Lebensplanung passte.
Später setzte Adrian sie zu Hause ab.
Noch bevor Constance den Schlüssel ins Schloss stecken konnte, wurde ihre Wohnungstür von innen geöffnet.
„Nathalie!", rief sie beim Anblick ihrer Tochter freudig überrascht aus. „Wo kommst du denn jetzt schon her?"
„Direkt aus der Schweiz", erklärte das Mädchen, während es seine Mutter stürmisch umarmte. „Großmutter hat mich heute Morgen abgeholt."
„Wir sind geflogen zusammen", ließ Michelle Levin im Näherkommen mit unverkennbar französischem Akzent verlauten. „Seit eine Stunde wir sind 'ier."
„Hätte ich das geahnt, wäre ich nicht zum Mittagessen ausgegangen", erwiderte Constance, ehe sie auch ihre Mutter in die Arme schloss.
„Dann der Mann in die schwarze Porsche aber sischer wäre gewesen enttäuscht", vermutete Michelle mit vielsagender Miene. „Ist er eine Freund von disch?"
„Nein."
„Aber du magst ihn!?"
„Ich finde ihn schrecklich", behauptete ihre Tochter, während sie den Wohnraum betraten.
„Das ungefähr ist dasselbe, ma chère", meinte Michelle hintergründig lächelnd. „Ist zwischen eusch was Ernstes?"
„Maman, ich kenne diesen Mann kaum", betonte Constance. „Er ist der neue Verwaltungsdirektor der Klinik am Stadtpark."
„Deine Papa 'at ihn engagé?"
„Das musst du Paps schon selbst fragen."
„Mon dieu, isch werde misch ’üten!" Abwehrend
hob die zierliche Französin die schmalen Hände. „Du weißt genau, diese Kapitel ist finit für misch!"
„Das wird nie der Fall sein, Maman", widersprach ihre Tochter. „Du machst dir selbst etwas vor."
„Non!" Diese Antwort kam etwas zu schnell und etwas zu heftig. Doch Michelle bekam sich sofort wieder unter Kontrolle. Lächelnd schaute sie ihre Enkelin an, die mit einem kleinen Geschenk in den Händen hereinkam. „Du möschtest deine Mama bestimmt berischten von deine Klassenreise, Nathalie. Isch inzwischen packe meine Bagage aus."
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