Ein tiefes Schnaufen war zu hören, dann ein Knurren, dunkel und bedrohlich, mir lief es kalt den Rücken herunter. Ich blickte Josh an, der noch mit meinem Bein beschäftigt war, doch ich sah nur, wie er die Augenbrauen zusammenschob und leicht den Kopf hin und her bewegte. Lieber jetzt nichts sagen, hieß das wohl.
»A-a-ah, verdammt, das tut weh«, kreischte ich, Josh hielt ein etwa drei Zentimeter langes Metallrohr hoch. Er hatte es aus dem Loch in meinem Unterschenkel gezogen.
Ich sah noch, wie sich die Tür zum Hinterhof schloss, Ansgar war weg.
»Er gibt sich die Schuld dafür«, sagte Josh heiser und verbindend mein Bein mit einem Mullverband.
»Warum nur?«, ich verstand es nicht, »er kann doch nichts dafür.«
»In seinen Augen wohl schon, er hat sich nicht genug um dich gesorgt, nicht genug aufgepasst. Ich weiß es auch nicht genau, die alten Vampire sind sehr schwer zu durchschauen. Sie haben schon zu viel mitgemacht, so viel gesehen und erlebt, das hat sie verändert. Sie sind nicht mehr so wie wir, sie sind anders.« Josh erhob sich und betrachtete mein Bein mit dem weißen Verband.
»Das müsste fürs Erste langen, jetzt trinkst du mal was Anständiges und in ein paar Minuten ist es schon verheilt. Dann kannst du duschen gehen, wenn du willst, im Keller ist eine, neue Klamotten habe ich bestimmt auch noch für dich.«
»Was ist mit Ansgar?«, fragte ich vorsichtig.
»Der wird sich schon wieder beruhigen, lass ihm nur etwas Zeit. Ich gehe in den Keller und suche was zum Anziehen für dich raus, bin gleich wieder da.«
»Okay, danke schön Josh. Das ist ein guter Verband«, ich grinste ihn an, er zuckte mit den Schultern.
»Dann waren die vergangenen Kriege doch zu was nütze«, er lachte leise und ging in den Keller.
Ich hüpfte von der Theke und stellte mich probehalber auf mein Bein, es ging, bald konnte ich wieder normal gehen.
Ich nahm zwei Gläser aus der Mikrowelle und humpelte in Richtung Hintertür. Durch den Glasausschnitt konnte ich Ansgar im Stuhl sitzen sehen, er hatte die Hände vor sein Gesicht geschlagen und die Ellenbogen auf den Tisch gestützt. Ich mochte ihm meine Gedanken schicken, ihn trösten, irgendetwas sagen, aber ich wusste nicht, ob das funktionierte, er sagte doch, er musste mich sehen dafür.
Lass mich bitte allein , es ging also auch so.
Nein, dachte ich, es ist nicht deine Schuld, wer immer das war, hat umsichtig gehandelt, wer hätte das denn ahnen können?
Ansgar schob zwei Finger auseinander und linste mit einem Auge durch die Lücke.
Über tausend Jahre Vampirdasein und ich vernachlässige meine Instinkte, werfe meine Beherrschung über Bord, breche meinen Kodex und alles, an das ich glaube, wegen ein paar Sekunden mit einer kleinen Schwarzhaarigen. Wer, glaubst du, ist wohl an dem Chaos schuld. Sein Auge glühte zwischen den Fingern hindurch.
Na, die kleine Schwarzhaarige, natürlich, sagte ich ihm in Gedanken. Er atmete prustend aus, nahm die Hände vom Gesicht und schüttelte den Kopf. Dann ließ er ihn auf die Arme sinken. Ich hatte genug und stieß die Tür auf, setzte mich ihm gegenüber und schob das volle Glas zu ihm hin.
»Trink was, dann geht’s dir gleich besser.«
»Hm-m«, ich sah seine Nasenflügel beben, mit einer viel zu schnellen Bewegung hielt er sich das Glas unter die Nase und atmete tief ein. Dann trank er es in zwei langen Schlucken leer und stellte es geräuschvoll zurück auf den Tisch.
»Und, besser?«, fragte ich interessiert.
»Nein«, er schluckte kurz und starrte vor sich hin, »ich werde den hohen Rat bitten, jemand anderen zu dir zu schicken. Ich kann dich nicht beschützen, ich kann mich in deiner Nähe nicht konzentrieren, ich bin immer abgelenkt, du lenkst mich ab.«
Er sah mich an und der feine rote Rand schien sich wieder auszudehnen, er wollte das Feuer verdrängen, wollte alles beherrschen.
»Keine Angst, ich werde dem Anderen meinen Wissensstand mitteilen, es besteht keine Notwendigkeit, dass du nochmals …gebissen wirst.« Er stand auf.
Mistkerl, schickte ich ihm in Gedanken.
Ego sum, qui sum, erklang es in meinem Kopf, dann war er weg.
Ich hörte ihn im Laden mit Josh sprechen, ich konnte mich nicht bewegen, ich wollte nur noch hier sitzen und gar nichts mehr tun. Nach einiger Zeit schloss ich meine Augen, ich überlegte, ob ich mich in die rote Wolke meiner Erinnerung flüchten sollte, entschied mich aber dagegen, zu viel Schmerzhaftes erwartete mich dort.
Als ich nach, mir erschien es wie Stunden, meine Augen wieder öffnete, sah ich das grinsende Gesicht von Josh vor mir.
»Wie schaffst du das nur immer wieder?«, fragte er leise.
»Wie schaffe ich was?«, ich blickte wohl eher verständnislos.
»Da kommt ein tausend Jahre alter Vampir daher, der schon so ziemlich alles gesehen, geschmeckt und gerochen hat, und Zack…«, Josh schnippte kurz mit den Fingern, »hast du ihn eingelullt, er vergisst alles und ist total verknallt in dich.«
Josh schüttelte den Kopf, »wie machst du das bloß?«
»Glaub es mir, nicht absichtlich.«
Aber jetzt war er weg und ich wusste nicht, wen sie als nächstes schicken werden. Falls ich bis dahin überhaupt noch auf dieser Erde wandelte. Ohne Ansgar wäre ich heute zu einem Häufchen Asche geworden, wer weiß, was die sich als nächstes ausdenken.
»Josh, weißt du wer das heute war? Hat Ansgar irgendetwas zu dir gesagt?«
»Er brauchte mir nichts zu sagen, ich weiß auch so, wer dafür verantwortlich ist. Das waren Justin und Dennis.«
Ganz plötzlich sah ich wieder braune Augen vor mir, die sich langsam in Raubtieraugen verwandelten und blitzende Zähne.
»Die Beiden habe eine Gruppe Vampire um sich versammelt und nichts Gutes im Sinn. Sie nennen sich die Vernichter und ziehen mordend durch die Stadt. Aus meinen Quellen habe ich erfahren, dass ihr eigentliches Ziel der hohe Rat ist, sie wollen den Rat stürzen um wieder ein Leben ohne Regeln und ohne den Packt zu haben. Die Obrigkeit sucht natürlich fieberhaft nach ihnen. Die Vernichter haben schon viele Anhänger, alles böse und niederträchtige Vampire. Der Anschlag heute aber war wohl nur eine ganz persönliche Rache, ich schätze von Justin selbst.«
»Was habe ich dem schon entgegenzusetzen«, murmelte ich und wickelte mir den Verband langsam ab.
»Zurzeit nichts, da gebe ich dir recht, aber du bleibst erst einmal bei mir, hier kann dir so schnell nichts passieren.«
Ich betrachtete mein Bein, die Wunde war vollständig verheilt.
Ich stand auf. »Kann ich jetzt duschen gehen?«
»Ja, ich hab dir Klamotten hingelegt, vielleicht passen sie ja.«
»Danke«, murmelte ich und verschwand unter die heiße Dusche.
Während das Wasser auf mich niederprasselte dachte ich nach. Wenn ich hier bliebe, brachte ich Josh in Gefahr. Das ging nicht.
Ich konnte nirgendwo hin, meine Wohnung war ein einziger Trümmerhaufen, außerdem würde die Polizei dort sein, das konnte ich gar nicht gebrauchen. Zu sonst jemanden kam nicht in Frage, ich zog eine Todesfahne hinter mir her, jeder, der mit mir in Berührung kam war akut gefährdet.
Ich hatte nur eine Chance, ich stellte mich dem hohen Rat, erzählte, was ich über Justin und Dennis wusste, sie konnten mich vielleicht als Köder benutzen, so kamen sie an die Beiden besser heran.
Nicht nur Justin wollte mich tot sehen, Dennis war auch ganz scharf darauf. Er würde es sich sicher nicht entgehen lassen, wenn er mich auf einem Tablett serviert bekam.
Ich drehte die Dusche ab.
Das heiße Wasser konnte meine innere Kälte nicht erwärmen, ich befürchtete, dass gar nichts mehr das vermag.
Mein Entschluss war gefasst, ich musste zum hohen Rat. Langsam zog ich mich an und überlegte, wo ich den bloß finden konnte. Aber da fiel mir jemand ein, der das genau wusste: Jeanie.
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