Ganz plötzlich war er bei mir und drückte mich mit seinem Körper gegen die Wand. Er sah mich an, das Feuer in seinen Augen loderte, flackerte immer wieder auf, der rote, feine Rand um die Iris pulsierte, als konnte er sich nicht entscheiden.
»Ich kann dir nicht mehr helfen, Natascha«, flüsterte er,
Du musst tun, was du tun musst.
»Ich kann dich nicht zurückhalten«,
Ich habe keine Macht über dich.
»Ich habe versagt.«
Der schnelle Wechsel zwischen seinen gesprochenen Worten und seiner Stimme in meinem Kopf machten mich nervös.
Ich habe verloren, alles verloren.
»Nein«, schnell legte ich ihm meine Finger über den Mund und hoffte, damit auch die Stimme in meinem Kopf zu stoppen.
»Du hast nichts verloren, alles ist noch da. Du hast auch nicht versagt, du hast dein Bestes getan.«
Du bist der, der du bist, schon vergessen? Schickte ich ihm in Gedanken nach. Er lächelte ein bisschen und das Feuer der Pupillen war kurz verschwunden. Er umarmte mich mit seinen kalten Armen und drückte mich an sich. Auch ich schlang meine Arme um ihn.
»Natascha, warum bist du so verzweifelt, das sogar das Feuer der desperatio in dir brennt?«
»Ich weiß es nicht«, ich wusste es wirklich nicht, nicht bewusst, ich ahnte etwas, aber genau wusste ich es nicht.
»Du lässt mir keine andere Wahl.« Seine Stimme klang verzweifelt, und bevor ich noch reagieren konnte, schlug er mir seine Zähne in den Hals.
Ich zuckte zusammen und stöhnte auf. Da war es wieder, dieses Gefühl, wenn er mein Blut saugte, das mich fast an den Rand des Wahnsinns trieb.
Die Zeit dehnte sich aus, ich sah Feuer vor meinen Augen, alles verzehrendes Feuer. Als Ansgar von mir abließ und die Wunden verschloss, ging das Feuer langsam aus, es brannte nieder.
Ich zwinkerte ein paar Mal, dabei rutschte ich langsam an der Wand nach unten, bis ich auf dem Boden saß. Ansgar hatte mich losgelassen und war gegangen, ich sah gerade noch die Doppeltüren zufallen.
Mein Kopf war leer, eine totale Leere, ich sah mich verwundert um und wusste nicht, wo ich mich befand und was ich hier wollte.
Die Doppeltür flog auf und Ansgar kam auf mich zu. Er packte mich am Arm und zerrte mich auf die Beine. Dann ging er mit mir die Treppen hoch. Er riss mich einfach mit. Ich stolperte ständig, ich blickte nach unten und überlegte, wozu die zwei dünnen Dinger da waren, die sich ständig bewegten.
Beine, schoss es mir durch den Kopf, das sind meine Beine und ich kann sie bewegen.
Wir waren oben angekommen, er zog mich durch die hölzerne Tür, den Gang entlang und dann durch den Ausgang. Wir standen im Freien. Tief atmete ich die süße Nachtluft ein.
»Du kannst mich jetzt wieder loslassen«, ich runzelte meine Stirn, »ich kann alleine gehen.«
»Nein, kommt nicht in Frage«, grollte er zurück.
Warum ist er nur so wütend, fragte ich mich, was habe ich getan, oder gesagt? Ich durchforstete mein Gehirn nach Erinnerungsfetzen, aber es herrschte weiterhin eine dumpfe Leere da drin.
Ansgar zog und zerrte mich hinter sich her. Mittlerweile stolperte ich nicht mehr so viel, da ich mich wieder erinnern konnte, wie man die Beine benutzte.
Er hielt erst an, als wir bei Joshs Hinterhof ankamen, er stieß mich noch durch die Türe, dann ließ er mich endlich los.
Ich rieb mir den Arm, es schmerzte etwas. Ansgar holte eine Konserve aus dem Kühlschrank, goss sie in ein Glas und erwärmte sie. Das Licht der Mikrowelle fiel auf ihn und ich beobachtete fasziniert den Teller, der sich unaufhörlich drehte. Mir war, als hätte ich das noch nie gesehen, als wäre das völlig neu für mich. Das leise Pling der Mikro erschreckte mich ein bisschen.
Ansgar nahm das Glas heraus und reichte es mir.
»Nein, danke, ich habe keinen Durst«, sagte ich und hob abwehrend die Hände.
»Trink es bitte.«
»Nein, wirklich ich …«
TRINK! Die Stimme in meinem Kopf dröhnte wie hundert Kirchenglocken. Ich hielt mir die Ohren zu, ich musste meinen Kopf festhalten, sonst explodierte er. Langsam öffnete ich wieder die Augen, die ich vor lauter Angst zusammengekniffen hatte. Er hielt mir erneut das Glas hin, diesmal nahm ich es an mich, ich mochte nie wieder diese laute Stimme in meinem Kopf hören.
Ich nippte kurz, dann stürzte ich das Blut in einem Schluck herunter. Sofort breitete sich eine herrliche Wärme in mir aus und mit ihr kamen die Erinnerung zurück, die Erkenntnis, wer und was ich war und an die vergangenen Stunden. Meine Augen wurden immer größer, je mehr ich mich erinnerte. Ich musste mich an der Theke festhalten, um nicht umzukippen. Ansgar stand hinter dem Tresen und beobachtete mich, er lächelte, das Feuer war verschwunden, nur der rote Rand pulsierte noch leicht.
»Geht’s wieder?«, fragte er irgendwann.
»Ich glaube schon«, meine Stimme war ein einziges Krächzen.
»Komm mit, du musst dich ausruhen«, er packte erneut meinen Arm und zerrte mich zur Kellertür.
Wir gingen den Gang entlang, am Ende öffnete Ansgar eine Tür und wir standen in Joshs Schlafzimmer. Jedenfalls dachte ich, dass es das Schlafzimmer von Josh war, nur wusste ich nicht, was er damit wollte, da er genauso, wie alle anderen Vampire, nicht schlief.
Keine Sorge, es ist nur sein Gästezimmer. Ansgars Stimme klang amüsiert. Dann warf er mich auf das weiche Doppelbett, ich versank fast in der Daunendecke.
Ich federte noch ein bisschen auf und ab, da lag Ansgar auch schon neben mir, zog mich zu sich heran, umarmte mich mit einem Arm und blickte zur Decke.
Ich lag auf seiner Schulter, nur wenige Zentimeter von seinem Hals entfernt. Ich starrte auf seine reine, weiße Haut und sah das Blut darunter pulsieren, ich zog die Luft durch die Nase ein, dann erinnerte ich mich, dass er ja nach nichts roch. Außer, man küsste ihn, dann war sein Geruch überwältigend. Vielleicht, wenn ich ganz nah ranging, vielleicht roch ich dann doch etwas.
Ich rückte ein bisschen näher an ihn heran. Er starrte weiterhin zur Decke, legte nur seinen Arm etwas enger um mich. Ich war ganz nah bei ihm und an seinem Hals, ich hörte das Blut unter der Haut rauschen, ich schloss meine Augen und bewegte meinen Kopf noch näher zu ihm hin. Meine Lippen berührten ganz leicht seinen Hals, ich küsste ihn auf die kalte Haut.
Lust durchschoss mich, umso mehr, als ich ihn aufstöhnen hörte. Ich fuhr mit den Lippen über seinen Hals, spürte die Muskeln darunter zucken, hörte sein Blut noch schneller rauschen. Sein Arm zog mich näher zu sich hin, dann drehte er sich blitzschnell auf die Seite und sah mich an. Blickte mich an, mit diesen hungrigen Augen, in denen das Feuer loderte und die braune Farbe sich träge im Kreis drehte, der Rand pulsierte heftig.
Plötzlich fühlte ich seine Lippen auf meinen, ich stöhnte auf und umarmte ihn, drängte mich noch näher zu ihm hin.
Da war er wieder, dieser köstliche Duft, tief saugte ich ihn in mich ein. Seine Hände schienen überall auf meinem Körper zu sein, er wühlte in meinen Haaren, strich über meinen Rücken, krallte die Finger in mein Fleisch und schien mich nie wieder loslassen zu wollen.
Es war ein zu schönes Gefühl, ein reines Gefühl, nur die pure Lust zu verspüren, ohne schmerzliche Gefühle. Ich ließ mich einfach fallen, genoss seine Berührungen, seine Küsse, seinen Geruch, ohne an irgendetwas dabei zu denken. Mein ganzer Körper, auch mein Kopf, waren nur erfüllt mit Lust. Ich ließ es zu, nur zu gerne.
Er drehte mich plötzlich herum und lag auf mir, unsere Hände waren ineinander verschränkt. Seine Lippen lösten sich von meinen, aber nur um meine Wangen, mein Ohr und meinen Hals zu küssen und zu streicheln.
Er atmete schneller, sein Blut rauschte in einem irren Tempo durch seinen Körper, ich konnte es hören, auch mein eigenes Blut hörte ich. Er stöhnte kurz an meinem Ohr und pustete dabei seinen kalten Atem auf meine Haut.
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