Inzwischen war der Alkoholspiegel der Nazis so erheblich gestiegen, dass eine ernsthafte Besprechung über eine effektivere Organisation der Arbeit kein Thema mehr sein konnte. Hier und da wurden Rufe nach „Weibern“ laut, und der eine oder andere verlangte, man solle die Polinnen holen, die nicht unweit der Fabrik in einer bewachten Baracke zu Hunderten zusammengepfercht waren. Meinem Vater, dem ein Licht aufging, warum so viele Polinnen dicke Bäuche hatten, lehnte dieses Ansinnen entschieden ab und erklärte, dass die Feier – im Interesse eines geregelten Betriebsablaufs am folgenden Tag – beendet sei.
Hierauf reagierten die politischen „Führer“ aber mit lautstarkem Protest und erklärten die Fabrik wegen einer wichtigen Parteiveranstaltung bis zum Beginn der Arbeit am folgenden Morgen für beschlagnahmt. Die Kartons mit dem Wein, die mittlerweile in der Halle gelandet waren, beschlagnahmten sie „zwecks Sicherstellung der nötigen Verköstigung“ während des „außerordentlichen nächtlichen Parteitages“ sofort mit. Mein Vater ließ sich beide Maßnahmen schriftlich bestätigen und durch die Unterschriften aller Beteiligten absegnen. Er steckte das Schriftstück ein, und danach verschwanden meine Eltern und der Fabrikant und seine Frau vom Schauplatz des Geschehens.
Zurück blieben die bereits 18 und 20 Jahre alten Kinder der Fabrikantenfamilie, Sofie und Hans Jörg, sowie der Prokurist der Firma, Herr Weiß, und ich – und natürlich der kleine grölende „Reichsparteitag“.
Dieser beschäftigte sich jetzt mit der Erstellung von Stabsplänen zur Erstürmung der Baracke, in der die Polinnen hausen mussten. Hans Jörg und ich wollten bei dieser Aktion auch beteiligt sein, stießen bei der grölenden Horde aber auf Widerstand, weil diese uns denn doch für zu jung für die erotische Eroberung von „feindlichem und zudem minderwertigem weiblichen Menschenmaterial“ hielt. Anders war es bei dem Prokuristen, Herrn Weiß, der sich an der geplanten „Heldentat“ um keinen Preis beteiligen wollte, aber von den Wortführern der Horde mit allen Mitteln dazu genötigt wurde.
Plötzlich fiel irgendeinem ein irrsinniges Spiel ein, nach dessen Ausgang es sich erweisen sollte, ob Herr Weiß von der militärischen Aktion freigestellt werden konnte oder nicht und ob wir daran teilnehmen durften oder nicht. Das Spiel hieß: „Der Tellschuss“. Herr Weiß sollte den Sohn des Wilhelm Tell darstellen, den Walther, und sich in einem Abstand von 5 Metern von Hans Jörg und mir aufstellen. Ihm sollte ein Apfel auf den Kopf gelegt werden, und wir sollten diesen Apfel mit je zehn Würfen mit vollreifen Tomaten mindestens dreimal treffen. Falls Herr Weiß den Würfen standhielt, sollte er von der Aktion freigestellt werden, falls er aber vorzeitig seine Rolle bei dem Spiel aufgäbe, sollte er gezwungen werden, daran teilzunehmen. Wir „Jungen“ aber hätten unsere Bewährungsprobe bestanden, wenn wir den Apfel mit zehn Würfen dreimal träfen.
Seltsamerweise erklärte sich Herr Weiß sofort bereit, seine Rolle zu übernehmen, und Hans Jörg und ich waren bedenkenlos bereit, unseren Teil zum Gelingen dieses Schauspiels beizutragen. Der Organisator dieser Schau schickte darauf zwei der Männer nach draußen, um aus dem Privatgarten der Fabrikantenfamilie Tomaten und Äpfel zu holen. Im Nu waren sie wieder zurück und hatten die inzwischen geleerte zweite Aktentasche meines Vaters mit Tomaten und einigen Äpfeln gefüllt. Die „Ernteausbeute“ wurde auf einem Tisch ausgebreitet, wobei mehrere angefaulte Tomatenexemplare mit besonderem Jubel bemerkt wurden.
Das Los hatte mich dazu bestimmt, als Erster zu werfen. Die beiden „Erntehelfer“, die die Tomaten aus dem Garten geholt hatten, spielten sich als „Sekundanten“ auf und suchten mir freundlicherweise die faulsten Tomaten aus. Irgendein traditionsbewusster Zecher übernahm darauf das Kommando und befahl: „Laden! Lunte anlegen! Schuss!“ Das bedeutete: Tomate in die Hand nehmen, ausholen, werfen. Ich folgte dieser Anweisung zunächst noch etwas unsicher. Die linke Krücke unter den Arm geklemmt (ich hatte meine Erkrankung an „Kinderlähmung“ bereits hinter mir), auf dem rechten Bein balancierend traf ich nur den Fußboden vor den schwarz glänzenden Lackschuhen des Herrn Weiß. Dort bildete sich schnell eine blutrote Lache. Herr Weiß, der mit unbewegtem Gesicht und in kerzengerader Haltung an seinem Platz stand, lächelte mir für den Bruchteil einer Sekunde zu, meine mechanischen Schwierigkeiten als seelische Hemmungen verkennend. Als ich darauf einen Augenblick zögerte, um das Signal zu verarbeiten, folgte ein unmerkliches Kopfnicken von Herrn Weiß, mit dem er mir die Genehmigung gab, weiter zu werfen, was ich schamloserweise auch ausnutzte. Zwar versuchte ich nicht mit aller Kraft zu werfen, aber das Ziel, den Apfel, verlor ich nicht aus den Augen.
Dies hatte zur Folge, dass ich beim fünften Wurf das blütenweiße Frackhemd, das Herr Weiß trug, traf, welches sich sofort rot färbte. Beim sechsten Wurf traf ich Herrn Weiß genau ins Gesicht. Hierauf hatten die Umstehenden schon längst gewartet und amüsierten sich nun maßlos über die von Tomatenmark verschmierte Brille und Stirn des Herrn Weiß und seinen verdutzten Gesichtsausdruck. Das wiehernde Lachen, das sie anstimmten, widerte mich an. Trotzdem dachte ich nicht daran aufzuhören. Immerhin ließ ich trotz des wiederholten Kommandos: „Laden! Lunte anlegen! Schuss!“ Herrn Weiß Zeit, sich seine Brillengläser zu putzen. Und mein nächster Wurf landete dieses Mal ganz bewusst sofort in der träge dahin fließenden Lache, die sich auf dem Boden gebildet hatte. Mit dem achten Wurf traf ich dann zum ersten und einzigen Mal den Apfel, worauf sich das hellblonde Haar von Herrn Weiß ebenfalls verfärbte. Als ich dieses verunstaltete blutig rote Menschengesicht sah, auf dem das Tomatenmark wie zerfasertes Muskelgewebe hing, hatte ich plötzlich die Vision von einem zerschossenen Soldaten, der da wankend vor mir stand; und mir war alle Lust auf weitere Treffer vergangen. Das pausenlose Gelächter der angetrunkenen Parteirepräsentanten tat ein Übriges und ich warf nur noch lustlos die letzten Tomaten in den blutigen Brei, der sich auf dem Boden gebildet hatte.
Zwar hatte der Parteitag meine Lustlosigkeit bemerkt, doch da ich die letzten Tomaten sehr schnell geworfen hatte, bestand die gute Laune, die ich mit meinen Treffern bewirkt hatte, noch weiter, und man erklärte sich gönnerhaft bereit, mich trotz des vereinzelten Treffers voll an der „Belustigung“ mit den Polinnen zu beteiligen.
Mittlerweile hatte eine zur Erkundung der Situation in die Polinnenbaracke ausgeschickte Kommission berichtet, dass einige „knackige“ junge Polinnen bereit seien herüberzukommen und dass die Soldaten, die sie bewachten, gegen die Übergabe von zwei Kartons Wein auch willens seien, ein Auge zuzudrücken und die Mädchen gehen zu lassen. Allerdings würden die Soldaten keinen Herrenbesuch in der Baracke dulden, geschweige irgendwelche Gesetzlosigkeiten. Dieses Verhandlungsergebnis wurde sofort akzeptiert und ein Bonze mit zwei Kartons Wein zur Baracke hinübergeschickt, um die Mädchen zu holen.
In der Zwischenzeit durfte Hans Jörg seine Wurfkünste an Herrn Weiß ausprobieren. Hans Jörg war ein Athlet, wie er im Buche steht: Zehnkämpfer und Handballspieler. Er war ein hohes Tier in der HJ, Parteimitglied und Hilfspolizist. Er war in dieser Eigenschaft auch mit der Bekämpfung von Sabotageakten und zum Schutz vor möglichen Rebellionen der sich in Überzahl befindlichen ausländischen Gefangenen beauftragt. Hans Jörg kehrte seine Polizeigewalt aber nie hervor, lief auch nie mit einem Revolver, wie es andere Werkschutzleute taten, herum und half seinen Eltern mehr bei der Führung der Fabrik und der termingerechten Erledigung ihrer Aufträge, als dass er die Gefangenen schikaniert hätte.
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