Der Pfarrer erfuhr, was vorgefallen war, und unterrichtete alle Eltern der an dem Vorfall beteiligten Kinder. Die meisten Eltern sprachen auch mit ihren Kindern darüber, einige Kinder bekamen Hiebe. Meine Mutter ließ es allerdings bei der Drohung bewenden, dass ich mit der dekorativ an der Wand hängenden Reitpeitsche verdroschen würde, wenn ich so etwas noch mal tun würde, wozu ich ohnehin keine Lust hatte. Im Übrigen blieb mir völlig schleierhaft, was an der Sache schlimm gewesen sein sollte. Es war meiner Meinung nach überhaupt nichts passiert. Meine Mutter vertröstete mich damit, mir die Sache später zu erklären, was sie allerdings nie tat.
Danach wurde ich im Alter von 8 oder 9 Jahren – nunmehr in meiner Heimatstadt – in meine nächste erotische Beziehung verstrickt. Das etwa gleichaltrige Mädchen war die Tochter einer Freundin meiner Mutter. Diese Freundin war Witwe und lebte mit ihren Eltern und ihrer Tochter über dem Möbelgeschäft, das ihr verstorbener Mann betrieben hatte und das sie nun weiterführte. Da mein Vater noch immer keine feste Anstellung als Lehrer gefunden hatte und seine Reisen durch Deutschland ihn immer wieder für Tage oder Wochen von zu Hause entfernten, freute sich meine Mutter, wenn sie in diesen Zeiten außer den Großeltern noch jemand anderen besuchen konnte, der uns gut bewirtete. So besuchte meine Mutter ihre Freundin öfter an den Wochenenden und blieb auch schon mal über Nacht dort.
Meine Mutter nahm mich jedes Mal zu den Besuchen mit. Ich konnte dann mit der Tochter ihrer Freundin spielen. Manchmal war auch noch eine Freundin der Tochter da, aber ich konnte mit beiden Mädchen wenig anfangen und auch ihre Spiele ließen mich kalt. Das änderte sich aber schlagartig, als die Tochter der Freundin meiner Mutter das Bedürfnis empfand, mich enger an sich zu binden. Ich wäre zu diesem Zeitpunkt selber nie auf den Gedanken gekommen, eine amouröse Beziehung zu einem Mädchen einzugehen, aber nachdem die kleine Evastochter mir bei einem Spiel klar gemacht hatte, dass sie keinen Mann habe und dass ich für diese Position sehr geeignet sei, akzeptierte ich diese familiäre Aufgabe und ließ mich auch zur baldigen Verlobung und Hochzeit überreden.
Zunächst war aber die Phase der ersten Verliebtheit zu bewältigen. Man machte also Pfänderspiele und konnte die eingesetzten Pfänder nur gegen einen Kuss oder eine Umarmung wieder zurückbekommen. Man hatte Lieder zu singen wie „Du, du liegst mir am Herzen, du, du liegst mir im Sinn. Du, du machst mir viel Schmerzen! Weißt nicht, wie gut ich dir bin“. Man musste lernen, Mädchenzöpfe zu flechten oder einen Apfel Stirn an Stirn oder Mund an Mund festzuhalten und dabei fünf Schritte gemeinsam zurückzulegen, ohne dass der Apfel zu Boden fiel. Ich musste aus Liebe lernen zu hinkeln und schwierige Ballspiele mit der Wand auszutragen. Auch das Jonglieren mit wenigstens zwei, aber auch mehr Bällen gehörte zur fortgeschrittenen Liebeskunst.
Man hatte auch mit der Geliebten ins Kino zu gehen und dort im Dunkeln zu kuscheln und zu schmusen. Man musste sich sogar jeden Morgen waschen und die Zähne putzen, sich gut frisieren und geschmackvoll kleiden. Auf dem Lande spiele das zwar keine große Rolle, belehrte mich meine Geliebte, dort lasse sie selber auch schon mal Fünfe gerade sein, aber in der Stadt gehöre das zum guten Ton. Eine Frau, die auf sich halte, könne nicht wie eine Bauersfrau herumlaufen und ein zukünftiger Ehemann schließlich auch nicht wie der letzte Dorftrottel. Da ich mehr auf dem Lande gelebt hatte und die städtischen Umgangsformen nicht so gut kannte wie meine zukünftige Gattin, war ich ihr für ihre Aufklärung sehr dankbar und schaute ehrfurchtsvoll und mit dem geschmackvollsten Ausdruck von „Weißt nicht, wie gut ich dir bin“ zu ihr auf. Es war tatsächlich so, dass mein von Hasenscharte und Einzelkinddasein ziemlich verdunkeltes Leben sich plötzlich aufzuhellen begann und mich neue ungeahnte Freudengefühle und Jubelgesänge erfüllten. Mein ramponiertes Selbstbewusstsein begann aufzublühen, ich begann mich zu strecken und großsprecherisch daherzureden und konnte meine Rolle wirklich mit Einfallsreichtum, Anpassungsfähigkeit und Vergnügen ziemlich perfekt spielen.
Unsere Mütter bekamen von diesen Entwicklungen ihrer Kinder zu „Erwachsenen“ wenig mit. Sie fanden unsere Spiele amüsant und fantasievoll, sahen in ihnen vielleicht auch notwendige Vorbereitungen auf unsere späteren Geschlechterrollen und ließen uns gewähren. Wir jungen „Liebesleute“ machten unsere gemeinsamen Unternehmungen bald unabhängig von den Treffen unserer Mütter. Wir besuchten uns gegenseitig, machten gemeinsame Spaziergänge, genossen „Schweineöhrchen“ und „Berliner“ in einem Café, das dem Vater einer anderen Freundin meiner Mutter gehörte, und landeten immer wieder im Kino. Dabei hatten wir gar kein Geld. Unsere Vergnügungen liefen alle über „gute Beziehungen“ unserer Eltern oder unsere eigenen Kontakte zu guten Freunden.
Unsere wachsende Vertrautheit bewog uns schließlich dazu, uns zu verloben. Wir wollten unsere Verlobung allerdings nur im „kleinsten Kreis“ feiern, nur in Anwesenheit der engsten Freunde. Das waren mein bester Freund mit seiner Freundin und Annes Freundin mit ihrem Freund. Zu der besagten Feier, die wir nach Geschäftsschluss im schönsten Wohnzimmer der Möbelausstellung im Geschäft von Annes Mutter feierten, wollte Anne unbedingt im weißen Kleid erscheinen. Da sie aber keines hatte, zog sie ein weißes Nachthemd ihrer Mutter an und staffierte mich mit einem schwarzen Anzug ihres verstorbenen Vaters aus, der, obwohl ihr Vater sehr kleinwüchsig gewesen sein musste, dennoch abenteuerlich um meine mageren Hüften schlotterte und nur mit Hilfe von durch Knoten verkürzten Hosenträgern und mit vielen Sicherheitsnadeln einigermaßen kleidsam an mir befestigt werden konnte. Zur Krönung meines Putzes verpasste mir meine Verlobte noch den Zylinder ihres Vaters, der, das konnte man an dem ausgedehnten Durchmesser des Zylinders sehen, ein gewaltiger Dickkopf gewesen sein musste. Der Zylinder rutschte mir jedenfalls zur Gaudi unserer kleinen Gesellschaft dauernd über die Augen und hätte mir die ganze Würde als männliche Hauptperson unserer bescheidenen Veranstaltung genommen, wenn meine findige Braut nicht auf die kluge Idee gekommen wäre, den Umfang meines Kopfes mit einem ihrer vielen Kunstblumenkränze entscheidend zu erweitern, so dass der Zylinder nun wie der Hut von Robin Hood zwar etwas rutschig, aber hoch aufragend auf meinem Haupt thronte und mir meine soeben noch auf der Verlustliste stehende Würde in vollem Ausmaß zurückgab.
Die modistische Betätigung hatte meine Geliebte und die anderen weiblichen Mitglieder der Gesellschaft so animiert, dass nun alle Teilnehmer mit anderen noch vorhandenen feiertäglichen Gewandungen von Annes Mutter und Vater ausgestattet wurden. Die zwei außer mir noch anwesenden „Herren“ wurden mit der ebenfalls feierlichen „Melone“ des Vaters und seinem Feuerwehrhelm bedacht, während sich die Damen die weit ausladenden Sommerhüte von Annes Mutter teilten. Desgleichen wurden der bereits eingemottete „Stresemann“ und der in Cellophan gewickelte schwalbenschwänzige Frack des toten Vaters reaktiviert und ebenfalls mit Hosenträgern und Sicherheitsnadeln tragbar gemacht. Die zwei noch nicht feiertäglich gekleideten „Damen“ behalfen sich mit Kordeln und ebenfalls mit Sicherheitsnadeln, um die knöchellangen und weit ausgeschnittenen Abendkleider von Annes Mutter passend zu drapieren und vergaßen auch nicht, die ausgelösten Schulterpolster in Höhe ihrer zukünftigen Brüste von innen an den Kleidern festzustecken, so dass sogar die Ausschnitte auf zwar dezente, aber doch sichtbare Wölbungen zuliefen, was die „Damen“ zu heftigem Gekicher und die „Herren der Schöpfung“ zu Ausrufen höchster Bewunderung veranlasste.
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