Naila Elisar riss dem verdutzten Mädchen die Waffe aus der Hand und griff sich die beiden wie angewurzelt dastehenden Laboriten. Arthur Lassalle zerrte den überraschten Rudin hinter sich her, der gerade versuchte, sich mit den Kids anzufreunden. Die Horde der Straßenkinder taumelte und schrie durcheinander. Sie verstanden nicht sofort, was dieser plötzliche Nebel zu bedeuten hatte. Nur das Mädchen fand schnell die Orientierung zurück. Die Eile der Flüchtenden sagte ihr, dass ihnen da womöglich eine fette Beute entging.
Die Station war kaum noch als solche zu erkennen. Zwischen Wildwuchs, Zivilisationsmüll und verrottenden Fahrzeugwracks zeigten sich Ansätze von Stufen, die hinab führten. Die Gruppe musste sich einen Weg durchs Unterholz bahnen und morsches Gebälk beseitigen, um dem Rinnsal folgen zu können, das im Dunkel des Tunnels versickerte. Lassalle trieb die kleine Schar zur Eile an. Er hob und schob mit schmerzverzerrtem Gesicht alle Hindernisse beiseite, während Elisar ihnen mit ihrer Distanzwaffe den Rücken frei hielt. Etwa in der Mitte der Treppe versperrte ihnen das alte, verrottete Sperrgitter der U-Bahn-Station den Weg. Die Stahlstreben waren zwar für einen schmalen Durchgang aufgebogen worden, aber es dauerte eine Weile, bis sich alle durch das Loch hindurchgezwängt hatten. Lassalle schickte sich gerade an, das Hindernis zu durchqueren, als ihm unter der linken Schulter ein scharfer Gegenstand traf und die Haut zerfetzte. Er taumelte. Elisar feuerte auf die Schatten, die ihnen gefolgt waren und die Gestalten verkrochen sich flink in die Büsche.
Lassalle versuchte den Schmerz zu ignorieren, der seine linke Körperhälfte zu lähmen begann und trieb die Gruppe tiefer in das Dunkel der Station hinein. Hitzeschauer ließen bald darauf seinen Körper erzittern. Er schwitzte. Es kostete ihn immer mehr Kraft, die Schmerzen zu ignorieren. Fiebervisionen begannen ihn zu peinigen. Sich weiter zu quälen erschien ihm immer sinnloser zu sein. Die Kräfte, denen er sich zu widersetzen versuchte, wurden mächtiger denn je. Er kannte sich und wusste, wie gefährlich es war, sich in Selbstzweifeln zu ergehen, aber was war jetzt noch möglich? Er hatte wirklich alles getan, um einer neuen Zivilisation nach dem endgültigen Zusammenbruch der alten Ordnung einen hoffnungsvollen Neuanfang zu ermöglichen. Die Zeit war gekommen angesichts des nahen Todes den Ereignissen ihren Lauf zu lassen und zu hoffen, dass alles so geschieht, wie er es vorbereitet hatte.
Die Welt befand sich in einem aussichtslosen Zustand. Niemand, außer vielleicht der Administratorenrat der Ersten Ebene, kannte das gesamte Ausmass der weltweiten Ausbreitung intelligenter Nanostrukturen und ihrer komplexen Zellen. Niemand wusste genau, was die vielen aggressiven Tier- und Pflanzenmutationen zu bedeuten hatten, die gewachsene biologische Strukturen zerstörten. Und niemand zählte mehr die Toten, die an den neuen resistenzfördernden Anti-Viruserregern zugrunde gingen. Die Ungleichgewichte in der Natur, im ganz Kleinen ebenso wie im Großen potenzierten sich zusehens. Deutete sich da vielleicht schon ein mögliches Ende an? Dieses Ende würde einem Suizidversuch des menschlichen Geistes gleichkommen. Wir führen immer nur Krieg, Krieg gegen uns selbst. Und wir kämpfen wie besessen gegen unsere wertvollsten Lebensgrundlagen. Die Mächtigen auf diesem Planeten hatten jahrhundertelang alles getan, um die Massen gegeneinander aufzuhetzen und den Profit abzuschöpfen, um noch mehr Macht zu erlangen. Das Masterplankalendarium war nur noch der hilflose Versuch, ein Stück der Zukunft mit Lügen, Betrug und grenzenloser Gewalt für sich zu retten, nachdem alle anderen Maßnahmen gescheitert waren. Dieses Chaos würde irgendwann alles mit sich in den Abgrund reißen. Seine Mutlosigkeit verführte ihn dazu, den Zustand der Welt in den schwärzesten Farben zu sehen. Aber was machte das schon. Sein Schicksal war besiegelt. Sein Samen wird mit hoher Warscheinlichkeit neues Leben hervorbringen. Und die Kapsel, für die er sein Leben geopfert hatte, das Ursamenkorn der neuen Zivilisation, befand sich an ihrem vorbestimmten Platz, an dem es erblühen sollte, dafür hatte er gesorgt. Wenn die Überlebenden irgendwann in der Zukunft gelernt haben werden, die Zeichen des Mikrokosmos und des Makrokosmos mit seinen Werkzeugen richtig zu deuten, dann haben sie somit eine realistische Chance das Menschheitsprojekt auf eine höhere Stufe zu heben.
Als Elisars Flächenstrahler den Tunnel taghell erleuchtete, gelang es ihm, seine Hirngespinste für einige Augenblicke zu vergessen. Die Gruppe folgte einem langen Gang, der sie sanft hinab führte zu den einstigen Bahngleisen der Station. Links und rechts sah man mit Gerümpel und Unrat vollgestopfte tote Gänge. Aus verrosteten Gittern schoss Abwasser in die verschlammten Rinnsale. Es stank entsetzlich. Wasser tropfte von der Decke, floss aus den Wänden und bildete auf dem schlammigen Untergrund eine Lache. Sie stiegen weitere Stufen hinab, durchquerten eine große Halle mit tropfender Decke, verrußten Wänden und aufgerissenem Fußboden, bedeckt mit faulenden Tierkadavern. Auf einigen Wandflächen sah man Reste von Plakaten, die dazu aufforderten, Lebensmittelvorräte zu konservieren und nicht bei sich zu tragen. Dazu Hinweise auf die Kühlhausabteilung C 17. Die Rolltreppen, die vor vielen Jahrzehnten Fahrgäste zu den Bahnsteigen befördert hatten, waren noch, mit etwas Fantasie, als solche zu erkennen.
Rudin fing an zu murren und zerrte ungeduldig an Lassalles Arm. Mit dieser finsteren Welt hier unten wollte er nichts zu tun haben. Lassalle redete ihm gut zu, obwohl er selbst große Probleme hatte durchzuhalten. Die Wunde blutete stark. Blut und Schweiß verklebten Körper und Kleidung. Aus den Gängen schlug ihnen Rauch entgegen. Als Elisar unter ihnen an den Wänden der großen Halle flackernde Lichter bemerkte, löschte sie vorsichtshalber den Flächenstrahler. Vor ihnen lagen die Bahnsteige der alten Untergrundbahn, die vor gut hundertzwanzig Jahren ihren Betrieb eingestellt hatte. Hier unten war damals eine erste Verteidigungskolonie errichtet worden, von Menschen, die dem wachsenden Elend und dem Terror auf den Straßen der verfallenden Stadt entkommen wollten. Nach Hyperinflation, Wirtschaftskollaps und Jahren des Hungerns hatte die Zeit der großen Bürgerkriege begonnen. Mit ihnen verloren die Staaten des Kontinents endgültig ihre Transparenz und ihren inneren Zusammenhalt. Staatliche Institutionen verwandelten sich in kurzer Zeit in aggressive und ohnmächtig agierende Monster-Bürokratien, bevor sie sich aufzulösen begannen und völlig verschwanden. Mit dem Verlust ihrer Handlungsfähigkeit und Autorität verloren sie auch ihren Sinn. Multinationale Konzerne, die sich zu Staaten im Staate gewandelt hatten, übernahmen die Ordnungskräfte, um ihr Eigentum zu schützen. Mächtige Privatarmeen, die vorher die Produktions- und Verteilungsmonopole ihrer Besitzer gesichert hatten, zeigten nun ihre giftigen Zähne. Die zivilisierte Welt zerfiel in undurchsichtige Oligarchien, die ihre neu gewonnene Macht mit niemandem mehr teilen wollten und mit ihrem ganzen Apparat nach territorialer Expansion strebten.
In den armen Gegenden der Stadt begann der tägliche Terror und Gegenterror der notleidenden Massen um die letzten Ernährungsreserven, ein Krieg, der auf grausamste Art und Weise geführt wurde. Niemand durchschaute mehr die Zusammenhänge der weltanschaulichen Gruppierungen und nur wenige Menschen besaßen noch die Kraft, sich gegen das Chaos zur Wehr zu setzen. Die Lebensbedingungen der einfachen Leute wurden unerträglich. Das alles ging Arthur Lassalle durch den Kopf, als er auf einer schmutzigen Kachelwand Reste eines vergilbten Wahlplakats zu erkennen glaubte.
Von dieser Entwicklung blieb damals auch das Streckennetz der Untergrundbahn nicht verschont. Die Kolonisten hier unten führten einen jahrelangen, erbitterten Krieg gegen die Metromilizen, die versuchten, den Untergrund von „Gesindel“ zu säubern. Züge wurden überfallen, ausgeraubt und in Brand gesteckt. Die Kommandos der Kolonisten flüchteten sich immer tiefer in das schier unendliche Netzwerk der Gänge, Tunnel und Kanäle unter der Stadt. Hier kannten sie sich aus, hier waren sie einigermaßen sicher. Hier lag vor vielen Jahrzehnten der Ursprung der unterirdischen Lebensgemeinschaften.
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