Nur langsam fand Arthur Lassalle wieder zu sich. Schweißgebadet keuchte er vor sich hin. Seinen Schädel spürte er als überdimensionalen Fremdkörper. Das mikroskopisch kleine Ring-Implantat in der Hypothalamus-Region seines Hirns versuchte immer noch einen großen Spalt für die „Götter“ zu öffnen, aber sein ausgeprägtes Ego befand sich ohnehin bereits in Auflösung und besänftigte damit einen inneren Zwiespalt, der ihm bisher beständig Kopfschmerzen bereitet hatte. Der Ring machte, so erschien es ihm, die außerhalb seines Hirns existierenden Realitäten kompatibel mit seiner Art des Denkens und verschaffte ihm eine Ahnung von der Wirklichkeit da Draußen, die aber garnicht mit seiner inneren Haltung zu den Dingen in Übereinstimmung gebracht werden konnte. Deshalb überbrückte Lassalle seine Denkmuster und Entscheidungsabläufe oft nur halbherzig mit dem Ring, aber oft auch gegen ihn. Vorsorglich ergänzte der Ring dann seine Träume, machte ihm seine Gefühle bewusst oder versuchte ihn in übersteigerte Euphorie zu versetzen und in ihm einen Übermenschen hervorzurufen, dem alles gelingen kann und der keinen natürlichen Grenzen mehr unterworfen ist. Wenn es ihm zu viel wurde, versuchte er abzuschalten, dann machte auch der Ring meistens seinen Frieden mit ihm. Ob er im Laufe der Jahre gelernt hatte, den Ring zu beherrschen oder der Ring ihn, musste ungeklärt bleiben. Er war überzeugt, seinen persönlichen Erfahrungen mehr zu vertrauen, als diesem Zwangsmodul in seinem Kopf.
Als ehrgeiziger junger Mann mit ausgezeichneten Referenzen war Arthur Lassalle im Jahre 2137 endlich in die Informations- und Wissenschaftselite von Scientropoli aufgestiegen. Scientropoli, dieses markante architektonische Symbol einer gigantischen Wissenschaftsmetropole, bestehend aus drei 2000 Meter hohen Turmstädten, die mit einem automatischen Verkehrssystem in den Zwischenstreben miteinander verbunden waren, war gleichzeitig Traum und Alptraum eines jeden Wissenschaftlers jener Zeit. Diese Stadt der drei Türme war eines der wichtigsten Legitimierungszentren des Masterplankalendariums. Hier zu arbeiten bedeutete höchste Anerkennung.
Die Jahre nach 2160 waren geprägt von einem gewaltigen Umbruch auf der gesamten Erde. Die lethargischen Jahre waren, nach endlosen Konflikten, endlich überwunden und die Menschheit versuchte die Ideen des Masterplankalendariums weltweit umzusetzen, um zu retten was noch zu retten war. Der geistige Vater dieses Programms, der berühmt berüchtigte Informationsadministrator der Vereinigten Central Staaten, Helmar Krassov, war im Jahr 2159 überraschend gestorben. Seine Persönlichkeit prägte diese Epoche. Krassov lehrte eine neue Sicht auf die Welt des Geistes, war aber auch für die wachsenden autoritären Strukturen und für das weltumspannende Propagandanetz verantwortlich, mit dem die Ideale des Masterplankalendariums pausenlos in die Hirne der Menschen gedonnert wurden und das in einem Staatenverbund, der immer noch stolz auf seine demokratischen Traditionen war.
Diesen Karrieresprung hatte Arthur Lassalle vor allem seinem Mentor, dem Genetiker, Neo-Alchimisten und einflussreichen Daanier Collin Athnan zu verdanken gehabt, der ihn nicht ganz freiwillig auf die Ideale des Masterplankalendariums eingeschworen hatte. Mit seinem Aufstieg als Privilegierter war die Implantierung eines obligatorischen sog. „Sorglos-Splitters“ verbunden gewesen, eine Bio-Sonde mit ungeahnten Möglichkeiten der Optimierung geistiger Fähigkeiten. Lassalle erinnerte sich noch sehr genau an diesen denkwürdigen Tag in seinem Leben. In einem festlichen Akt wurde ihm unter örtlicher Betäubung und im Beisein seiner Kollegen die Schädeldecke geöffnet. Die Positionierung des Implantats konnte er am Bildschirm verfolgen. Er sah, wie der Sender des Nanochips die Verbindungen zum zentralen Nervensystem aufbaute. Der Datenspeicher seiner „Liveline“ wuchs sekundenschnell zu voller Leistung heran. Sein Emotionalogramm füllte sofort danach den Bildschirm. Die Zellbäder begannen eine Verbindung zu den Synapsen aufzubauen. Ein Meer von Gedanken und angenehmen Gefühlen überschwemmte seine Gehirnfunktionen. Jeder andere hätte wahrscheinlich die euphorische Gedankenfülle nicht nur akzeptiert, sondern sie als immer währenden Glückszustand sehnlichst begrüßt. Lassalle aber konnte seine Hilflosigkeit und Verletzbarkeit nicht gänzlich ablegen. Als schließlich die Modulergänzungen als gelbe Pyramiden den Bildschirm füllten, gab es Beifall aus der Runde seiner Freunde und Kollegen. Die Prägung seines neuen Lebens war nun unumkehrbar in Gang gesetzt worden. Unter den Klängen von Beethovens 9. Symphonie wurde er in den dunkelblau erleuchteten Sakralraum geschoben, um für eine unbestimmte Zeit seine neu geordneten Gedanken und Gefühle kennen zu lernen und zu akzeptieren. Nun gehörte er dazu und dieser außergewöhnliche Ring, deren Bedeutung man ihm verschwiegen hatte, begann mit der forcierten Evolutionierung seiner Persönlichkeit.
„Hallo, hörst du mich? Was ist los? Wach auf.“
Elisar hatte seinen Oberkörper aufgeschnürt und ihm einen Klaps auf die Wange gegeben. Den Injektor, mit dem sie ihn in die Realität zurückgeholt hatte, hielt sie noch in der Hand.
„Es geht schon“, sagte Lassalle leise, ohne selbst davon überzeugt zu sein. Die Horde der verdreckten Straßenkinder um sie herum nahm er jetzt ebenso wahr wie Rudins schmerzhaft gellendes Gelächter. Sie hatten sich in einem Halbkreis aufgebaut und suchten nach Spish, der Droge im 23. Sektor, die ihnen für wenige Stunden das himmlische Nirwana öffnen sollte. Ein etwa 14-jähriges Mädchen untersuchte Lassalles Distanzwaffe. Sie hatte rote, verfilzte Haare, Schlitzaugen und trug zahlreiche Gegenstände einer verschwundenen Jugendkultur wie Stammestrophäen an ihrem Körper. Ein zerfetztes T-Shirt, auf dem die Worte „The Big One“ gerade noch zu erkennen waren, bedeckte ihren Oberkörper. Schäbige, zusammengeflickte Knieschoner reichten ihr bis hinab zu den Schienbeinen und bunte Kopfhörerteile eines kaputten Multifunktionsplayers verstopften ihr Gehör. Um den Hals trug sie eine Schnur, an der die Figur des Gekreuzigten, winzige historische Speichermedien sowie verglaste Augäpfel zu erkennen waren. Die anderen Kinder trugen primitive Waffen wie Schleudern, Messer und Baseballschläger an ihrer zerschlissenen Kleidung. Alle Mitglieder der Bande waren durch Schmutzkrusten-Ausschlag im Gesicht vom GNS- Erreger gezeichnet. Miss „Big One“ erteilte Befehle an die anderen Kids mit Gesten und Lauten, die an eine Gebärdensprache erinnerten. Sie lachten, doch wenn sie sich bedroht fühlten, würden sie kalt und erbarmungslos zuschlagen. Töten, bevor man selbst getötet würde, hieß die Regel für ein kurzes unbarmherziges Überleben in dieser Wildnis.
Diese Kinderhorden, sicherlich auch gespeist aus den überzähligen Geburten Subworlds, hatten sich zu einer der großen Plagen des 23. Sektors entwickelt. Man traf sie fast überall. Kleine Gruppen, die sich ständig untereinander bekriegten und sich dabei brutal dezimierten, die niemals erwachsen wurden, weil sie irgendwann ja doch dem GNS-Syndrom zum Opfer fielen.
Das Mädchen zielte plötzlich mit Lassalles Distanzwaffe auf seinen Kopf. Sie schrie kurze Kommandos in die Runde und die Horde rückte näher heran. Elisar und Lassalle schauten sich an und waren sich einig, einer gewaltsamen Konfrontation mit den jungen Wilden aus dem Weg zu gehen. In unmittelbarer Nähe gab es einen versteckten Eingang zu einem der alten U-Bahnhöfe, den sie zum Abstieg in den Untergrund benutzen konnten.
Auf ein Zeichen aktivierten beide gleichzeitig ihre Nebelzylinder. Die kleinen Batterien sprengten sich heraus und berührten den Boden. Sofort wurden weitere Kapseln fontänenartig in die Umgebung abgesprengt. In wenigen Sekunden hüllte sich die Gegend in dichte Nebelschwaden, die auch der schwarze, heiße Nieselregen so schnell nicht vertreiben konnte.
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