Das war das Signal zum Eingreifen für die TASP 21. Sie knüppelten wahrlos auf die armseligen Geschöpfe ein. Ein Jammern und Heulen setzte ein. Blutüberströmte Gesichter verzerrten sich vor Schmerz, Körper wälzten sich im Schlamm. Der Haufen der Laboriten rückte noch enger zusammen und erst als die TASP noch einige Warnschüsse abgegeben hatte und sich eine von Elisar versprühte narkotisierende Wolke über der Menge ausgebreitet hatte, beruhigte sich die Lage wieder.
Tasp-Ikone Jonny Skoops nutzte wie immer die Gelegenheit für einen seiner unverzichtbaren Auftritte. Er stieg auf den leeren Sockel des Denkmals, breitete die Arme aus und versuchte mit einer Serie von abscheulichen Flüchen und aberwitzigen Grimassen die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken. Er liebte diese Art der Selbstinszenierung. Eine gewisse theatralische Begabung konnte man ihm dabei nicht absprechen.
„Maul halten, ihr Idioten! ... Schweigt still! ... Nun hört endlich auf mit der Schnatterei, verdammt noch mal!“ Scoops machte eine Pause, baute sich zu voller Größe auf, rückte sein verbogenes Monokel zurecht und zeigte eindrucksvoll seine letzten beiden Zähne.
„Tja, meine geliebten Kreaturen, das ersehnte Paradies ist euch erspart geblieben. Ihr seit hier im letzten toten Winkel dieser gierigen, verfluchten Welt angekommen. Schaut euch um, wir existieren nicht mehr in den offiziellen Netzen des INet. Die Mächtigen haben uns entmündigt. Euch gibt es nicht, mich gibt es nicht. Seit dieser verdammte Sektor, dieser kleine, verworfene Kontinent, versiegelt wurde, sind wir ein großer schwarzer Fleck in allen Kartografien und Verzeichnissen. Wir sind ein Geschwür, das es nicht geben darf und das verborgen bleiben muss in den Annalen der Herrschenden. Das Masterplankalendarium hat uns zu Aussätzigen gemacht. Wir sind getilgt worden aus dem Bewusstsein der Lebenden, bevor wir es selbst gemerkt haben und wir dürfen hier krepieren wie die letzten Dreckskerle!“
Scoops brüllte, keuchte, schnappte nach Luft. Die Atemschutzmaske auf seiner Brust baumelte wild herum. Er klopfte seine Uniform mit den vielen Beuteln und Taschen nach einem unbekannten Gegenstand ab, hustete wie ein Tier und reckte schließlich seine Hände, wie nach einem letzten Halt suchend, in den Himmel.
„Aber es gibt etwas, das uns trotzdem am Leben hält. Eine Idee, eine einsame Hoffnung, die uns nicht loslässt ... Ich will euch deshalb eine Geschichte erzählen. Es mag unglaublich klingen, aber es verkehrten einmal vor langer Zeit Fahrzeuge hier unter uns im Untergrund. Das ganze Labyrinth unter meinen Füßen ist einst aus Abwasserkanälen, Luftschächten und Transportwegen entstanden. Eine Welt unter der Erde. Als irgendwann die Versorgungsnetze aufgegeben wurden, entstanden daraus Zufluchtsstätten für die vielen Lahmen und Ausgestoßenen, die nirgends mehr geduldet wurden, so wie ihr. Das ist sehr, sehr lange her. Dann folgten, nach den Perioden der Wirtschaftskrisen, Glaubenskämpfe, Naturkatastrophen und Hungersnöte, die großen Säuberungsaktionen und die Schächte füllten sich weiter mit Menschen, Material und Ideen. Es entstanden neue Vorratslager, Gänge, Stockwerke und Labyrinthe. Man verwandelte Bunker in Kühlhäuser, machte aus Kanälen Kraftwerke. Die Typen buddelten damals wie die Verrückten. Oberirdisch geriet alles aus den Fugen. Die Situation wurde politisch und sozial unerträglich. Wer oben in Schwierigkeiten geriet, tauchte ab. Im Untergrund existierten einige soziale Netze durch ein strenges Ordnungssystem weiter. Das Leben in der oberen und der unteren Welt bekam durch die Errichtung der Sektoren einen Riss. Es dauerte eine Generation, aber über diesen geringen Zeitraum hinweg gab es schon einen kulturellen Bruch in den Verbindungen von oben nach unten. Unterschiedliche Gesellschaften und Wertesysteme bildeten sich heraus. Wir erfuhren durch das INet, dass es Kontakte zu außerirdischen Intelligenzen gegeben hatte und von den Erfolgen des Mars-Projektes. Wir schöpften neue Hoffnung, dass es bald wieder zu einer Initiative kommen könnte, die uns aus unserem elenden Untergrunddasein erlösen würde. Aber dann wurden die Sperrbollwerke um den 23. Sektor herum errichtet und wir blieben das, was wir waren, die Ausgeschlossenen. Und heute? Heute setzen die Vereinigten Central Staaten alles daran, neuen Lebensraum auf dem Mars zu schaffen, während sie gleichzeitig die alte Erde in eine Müllhalde verwandeln.“
Jonny Scoops ließ sich immer mehr von seinen wütenden Worten mitreißen. Er fantasierte sich in eine andere Welt hinein. Obwohl die wenigsten Laboriten begriffen, was Scoops da von sich gab, spürten sie doch seine Energie und seine Ernsthaftigkeit. Er ließ sich Zeit, machte Pausen, um die Spannung zu steigern, rang unter der Anspannung jeder Gesichtsfalte nach den passenden Worten und versuchte mit entschlossenem Blick und enormer Stimmgewalt die Ausgestoßenen neugierig zu machen und zu begeistern.
„Wir sind nicht die naiven Spinner, wie man vielleicht vermuten könnte. Wir wussten immer über fast alles Bescheid, was da draußen vor sich ging. Das INet machte die Welt für uns lebendig. Es ist überall präsent, als Droge, Illusionsmaschine und als Paradies der Lügen und Eitelkeiten. Ein Zirkus der Zerstreuung und Verschwendung, wie wir es nennen. Aber es gab immer Zweifel über den wahren Zustand der Welt da draußen. Wir rekonstruierten die alten Speichermedien und dieses Puzzle ergab schließlich ein völlig anderes Bild der Wirklichkeit als es uns das INet widerspiegelte. Wir wissen, dass wir für lange Zeit verdammt sind zu Entbehrungen, Elend und Tod. Aber wir wissen auch, dass die Erreger nicht alle Sektoren befallen haben, dass es ein ganz außergewöhnlich reiches Leben gibt, das wir nie kennengelernt haben und nie kennen lernen werden. Wir aber bleiben immer nur die verabscheuungswürdigen Narren.“
Jetzt veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Scoops schien für einen Moment zu lächeln. Seine Stimme klang weich, leise und einschmeichelnd. Wie ein entrückter Prophet aus fernen Gestaden ließ er das Volk an seinen Weisheiten teilhaben.
„Die Tasp-Chroniken und ihre unsterblichen Figuren sind für uns Heimat geworden ... Wie der große Mime John Merlin mit seinen Gesichtszügen spielen konnte, wenn er über eine Idee philosophierte, das macht ihm so schnell keiner nach. Und was für ausgefeilte Methoden Wolf O`Brian und Susan Everett anwandten, um auch in den brenzligsten Augenblicken die Situation unter Kontrolle zu bekommen, dass ist unübertroffen. Diese Menschen, das waren wir selbst. Mit ihrem Modell eines CyberCreators haben sie etwas in uns wachgerufen, das unserem erbärmlichen Dasein einen Sinn verleiht. Wir haben uns gefragt, warum es nicht möglich sein sollte, diesen CyberCreator mit seinen ungeahnten Möglichkeiten Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn es uns gelingt, unsere kleine Welt im Strom der Zeit neu zu konzipieren, dann werden wir den verlogenen Kosmos da draußen in ungeahnte Dimensionen stürzen. Kreativität und Fantasie auszuleben wird dann für alle Menschen kein Traum mehr sein. Deshalb haben wir begonnen dieses Ding zu entwerfen, um uns mit unseren Visionen in einer veränderten Welt zurückzumelden. Das ist meine ... nein, das ist unsere Hoffnung. Wir danken der TASP 21, wir glauben an den CyberCreator und die Macht seiner Möglichkeiten!“
Nach seinen heiseren letzten Worten fiel Jonny Scoops in einen Trancezustand. Seine Stimme schien erschöpft zu sein. Die Tasp-Rebellen reckten begeistert ihre Waffen in die Höhe und wiederholten gröhlend im Chor immer wieder die letzten Worte ihres Chefs.
Elisar hatte inzwischen unter einer Schädeldecke einen Supervisor Typ B aufgespürt. Ein seltenes Exemplar, wie sie verwundert feststellte. Dieses Implantat enthielt organische Verbindungen, die mit Nanosonden gesteuert wurden. Über die Funktionsweisen war bisher wenig bekannt. Aber noch immer schien die Frage ungeklärt zu sein, welchen Einfluss das menschliche Gehirn auf seine Umwelt ausübt. Ein Grund, dieses Implantat in der ParaCybernetik Abt. näher zu untersuchen.
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