„ Der Schutz der revolutionären Führung um jeden Preis ist der höchste Patriotismus und die erste Priorität unseres Militärs und des Volkes“ lautete die Losung. Und die galt für jeden.
Er hatte die Schreie seiner Mithäftlinge aus den Isolationszellen gehört. Hatte ihr Flehen , Betteln, das Wimmern nach ihren Müttern noch im Ohr, wenn sie, mit einem Stock zwischen Unterschenkeln und Gesäß, Stunde um Stunde verbringen mussten. Wenn sie an den Füßen aufgehängt wie Schlachtvieh von der Decke baumelten. Wenn ihnen dabei das Blut ins Gehirn schoss und sie vor Schmerzen in Ohnmacht vielen. Nein, nur das nicht. Und so schuftete er weiter, biss die Zähne zusammen und schlug die Hacke in den gefrorenen Fels.
Er wollte leben. Wenigstens noch eine Weile. Nein, nicht leben. Vegetieren. Vegetieren von der dünnen Brühe aus Salzwasser, vermischt mit etwas Mais und Sojabohnen. Irgendwann würde es zu Ende gehen, soviel stand für ihn fest. Noch nie hatte jemand solch ein Lager länger als zehn Jahre überlebt. Seit drei Monaten war er hier inhaftiert, noch nicht lange also. Noch hatte sein Körper Kraft, noch brach er nicht zusammen unter den unmenschlichen Lagerbedingungen.
Ein Gedanke beherrschte ihn. Gab ihm Kraft, wenn er völlig am Boden zerstört war. Er besaß etwas, das man ihm nicht rauben konnte. Geheimes Wissen, von dessen Existenz niemand etwas ahnte. Denn hätten sie es geahnt, wäre er längst nicht mehr am Leben.
Er kannte die Koordinaten der Raketenstützpunkte der Atomwaffen. Würden sie in die Hände des Gegners gelangen, wäre es vorbei. Vorbei mit der Waffe, die allein das Regime schützte. Und der es das Überleben bis in die Gegenwart verdankte.
Er hatte sich Grad, Minute und Sekundenbruchteile der einzelnen Bunker, der Stellungen der Raketen eingeprägt. Immer und immer wieder hatte er sie vor sich her gesagt, bis sie unauslöschlich in seinem Gehirn verankert waren. Wie Vokabeln einer Fremdsprache. Wie Erinnerungen an die früheste Jugend, an den ersten Kuss und den ersten Sex.
Und er würde alles tun, um sie nie, nie zu vergessen. Denn sollte er dieses Lager verlassen, sollte ihm die Flucht in die Freiheit gelingen, waren sie von unschätzbarem Wert. Dann lag es in seiner Macht, dieses Regime zu stürzen. Und die Welt von der Bedrohung eines erneuten Holocausts zu befreien.
Doch dieses Traumbild zerbrach an der Realität des Lagers. Aus dem es kein Entweichen gab. Das ihn fest umschloss. Eine eiserne Faust, die er wohl nie abschütteln könnte. Aber er würde es versuchen. Das war er sich schuldig. Wenigstens versuchen, um seiner selbst, seiner Frau seiner Kinder wegen. Und vielleicht wegen dem Rest der Menschheit.
Doch selbst dieses Lager schien nicht das Maximum an Grausamkeit hervorzubringen, das in anderen Lagern wohl möglich war. Es sollte schlimmere geben. Weit schlimmere. Man munkelte von Gaskammern und Menschenversuchen.
Viel mehr jedoch als sein geschundener Körper schmerzte die Seele. Er hatte Angst. Um sich, mehr jedoch um Ni Hai, seine Frau. Auch sie hatte man ins Lager gesperrt. Nein, nicht in das gleiche. Ins Frauenlager irgendwo im Süden. Würde sie überleben? War sie stark genug, bis zu ihrer Entlassung in zwölf Jahren durchzuhalten?
Die beiden Kinder, den achtjährigen Han und die sechsjährige Soe, hatte man Pflegeeltern übergeben. Dort führten sie ein Leben als Dienstboten oder Knechte. Wurden gequält, geschlagen und hungerten wahrscheinlich ebenfalls. Hungerten wie alle Menschen Nordkoreas im Paradies des Kim Jong Un. Aber immerhin, sie lebten. Und das war alles, was er erhoffte, was ihn ein wenig tröstete.
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Schuld war er. Er ganz allein. Noch vor fünf Monaten war ein ein geachteter Offizier der Eliteeinheit zum Schutz der Nuklearstreitkräfte des Landes gewesen. Ein durchtrainierter, zur Härte gegen sich selbst und andere erzogener und geschliffener Soldat. Einer, auf den sein Land stolz sein konnte. Und stolz war er auch auf sein Land, für das er alles, sein Leben eingeschlossen, bedingungslos gegeben hätte. Stationiert auf dem Raketenstützpunkt unweit von Songin, der Großstadt am japanischen Meer. Der Stadt, die er für die schönste auf der ganzen Welt hielt. Im schönsten Land der Erde, indem der beste aller Hon Kai Cheng das Paradies regierte. Er war glücklich. Im Kreis der Kameraden und zu Hause bei seiner Familie. Alle hatten ausreichend zu Essen, eine kleine Wohnung. Die Kinder besuchten die besonders geförderte Eliteschule der Stadt. So hätte es bleiben können.
Doch so blieb es nicht. Wie hatte er sich nur darauf einlassen können? Wieso hatte er nicht sofort Meldung gemacht und Hai Sun Kim angeschwärzt, als dieser auf dem neuen Computer ins Internet ging? Normalerweise war dies unmöglich. Aber dieser Kerl hatte einen Bruder. Und der war Computerspezialist. Denn auch in Nordkorea gab es mittlerweile Computer. Nicht nur in der Raketentechnik und den übrigen militärischen Einrichtungen. Auch in die Verwaltung waren diese Teufelsdinger bereits vorgedrungen. Eine Atommacht ohne Computer? Unvorstellbar. So kam er irgendwie an eine Software, mit der man ins Internet kam.
Irgendwie. Genauer gesagt war es seine Beziehung zu der schönen Pang La Wan, der Tochter des Leitenden Sekretärs der Provinz Pjongan-pukto, mit der er eine eigentlich verboten Liebschaft unterhielt. Ihr Vater, Mitglied der Nomenklatura des Staates, verfügte über die Erlaubnis, im Internet zu surfen. Und zwar im richtigen World Wide Web, nicht in dem für Studenten und Regierungsbeamten bestimmten nationalen. Mit diesem war ein Eindingen in das weltumspannende Netz nicht möglich. Sogar unter höchster Strafandrohung verboten. Selbstverständlich galt dies auch für die Nutzung von Handys. Niemand durfte außerhalb der Landesgrenzen Kontakte knüpfen, Informationen einholen, oder in sonst einer Form kommunizieren.
Doch es gab die schöne La Wan, die Neugierige. Die stahl sich eines Tages in das Arbeitszimmer ihres Herrn Vaters, auf dessen mächtigem Schreibtisch der Computer thronte. Normalerweise war das Zimmer abgeschlossen. Aber sie hatte zufällig entdeckt, wo sich der Zweitschlüssel für das Sicherheitsschloss befand. Zufällig hatte sie beobachtet, wie ihr Vater ihn unter das dickste Buch auf dem Bücherregal schob. Eines der zahlreichen Propagandawerke, dem einzigen Sujet, das auf dem Buchmarkt und in den Bibliotheken zu finden war.
Und weil es sonst kaum etwas zu lesen gab, was wirklich von Interesse für sie war, stahl sie sich in dieses Zimmer. Dann knackte sie das Passwort. Keine große Kunst. Nachdem sie den Namen ihrer Mutter eingegeben und abgewiesen worden war, versuchte sie es mit dem eigenen. Und wurde belohnt. Wie leichtsinnig von ihrem alten Herrn.
Auf der Seite der UNO erfuhr sie von den systematischen und weitreichenden Verletzungen der Menschenrechte. Dieses Wort las sie zum ersten Mal. Sie hatte ja keine Ahnung, dass es so etwas gab. Doch es kam noch viel schlimmer. Da war die Rede vom Aushungern, der Vernichtung und Versklavung der eigenen Bevölkerung. Zum einen, weil die Behörden während der letzten großen Hungersnöte die vom Ausland angelieferten Hilfsgüter selbst verteilt hätten. Und zwar in die eigenen Vorratslager. Den Rest bekam das Militär. Die übrige Bevölkerung ging leer aus. Deshalb hatten auch sie immer genug zu essen, während zahlreiche Kommilitonen hungerten. Das hatte sie selbst gesehen. Einmal sogar hatte sie die öffentliche Hinrichtung eines Menschen selbst mit angesehen. Sie war im zarten Alter von elf Jahren und würde es im Leben nicht vergessen. Er sei ein Christ, so wurde behauptet. Denn bei ihm wurde eine Bibel gefunden. Das hatte genügt. Darauf stand die Todesstrafe. Sie hatte keine Ahnung, was eine Bibel war. Außerdem, so sagte sie sich, wird es schon seine Richtigkeit haben. Doch jetzt erfuhr sie die wahren Zusammenhänge. Erfuhr, dass zahlreiche Journalisten und sonstige Personen, die in die wirkliche Welt des Landes Einblick hatten, von einer „absolutistischen Monarchie“, einer „stalinistischen Diktatur“ oder sogar von einem „nationalsozialistischen System“ sprachen. Natürlich hatte sie als Studentin die Namen Hitler und Stalin gehört, ebenso von deren Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und jetzt wurde der Große Hon Kai Cheng mit ihnen in einen Topf geworfen.
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