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Rom, vier Tage zuvor
Commissario Marcello Sparacio verstaute in seinem Büro in der zweiten Etage des Polizia-Commissariato in der Via Portuense die letzten polizeilichen Utensilien des täglichen Gebrauchs in seiner Schreibtischschublade.
Seine Dienstpistole und seinen Polizeiausweis hatte er vor sich abgelegt, bereit, beides im dienstlichen Safe zu deponieren. In den kommenden vier Wochen würde er auf all diese Dinge verzichten können. Nichts würde ihn in seinem Urlaub an den kriminellen Sumpf in Rom erinnern.
Wie er seinen Urlaub verbringen würde, hatte er genauestens geplant. Er würde mit Sofia dem Stiefel gegen Süden folgen, mit dem Zug, versteht sich. O mia bella Napoli. Dort würden beide eine schöne Zeit verbringen. Ohne Auto, ohne Telefon, Hand in Hand mit Sofia, den ganzen Tag lang. Niemand würde ihn stören. Vier Wochen! Vier Wochen, die ein kurzes neues Leben bedeuteten.
Sparacio war zufrieden. So zufrieden wie selten in letzter Zeit. Den Urlaub in diesem Jahr hatte er Sofia, seiner Frau versprochen, doch bis zum heutigen Tage hatte er nicht daran geglaubt, dass es auch dazu kommen würde.
Gerade wegen Sofia tat es ihm gut. Sie hatte es verdient, einmal richtig auszuspannen. Abend für Abend hatte sie auf ihn gewartet, doch der Dienst hatte es in den seltensten Fällen zugelassen, gemütlich mit ihr gemeinsam am Abendtisch zu sitzen.
„Was werden sie mit so langen vier Wochen anfangen, Commissario?“, schreckte ihn plötzlich die Stimme von Sergente Enzo Sciutto auf. Er war so in Gedanken versunken, dass er ihn nicht hatte kommen hören.
„Vier Wochen sind eine endlose Zeit in unserem Beruf.“
„Sofia wird es mir schon sagen“, lächelte Sparacio, wobei seine stahlblauen Augen schelmisch funkelten. Er drückte die Schreibtisch-Schublade mit seinem rechten Knie zu.
„Sie hat schon nicht mehr daran geglaubt, einen Urlaub mit mir gemeinsam zu erleben. Aber sie hat es verdient, dass es nach langer Zeit nun endlich dazu kommt.“
„Ja, der Dienst in Rom…“ Der Sergente hob die Augen gen Himmel.
„Den Dienst in Rom verrichte ich nun schon über 25 Jahre“, brummte Sparacio und der Glanz in seinen Augen schien wie weggeweht. Er sah zu seinem Partner hinüber.
„In dieser Zeit haben Sofia und ich einen … Sie hören richtig, Sergente … einen einzigen Urlaub gemeinsam verbracht. Aber dieses Jahr … dieses Jahr werden wir meinen Geburtstag zu zweit feiern. Fern von hier. Ungestört. Kein Telefon. Kein Handy.“
„Sie haben Recht, Commissario“, seufzte Sciutto und breitete in typisch italienischer Weise theatralisch die Arme auseinander. „Fünfzig wird man nur einmal im Leben.“
Dann fiel die weitausholende Geste auf einen Schlag in sich zusammen und die angewinkelten Arme wippten mehrere Male auf und ab, wobei sich Daumen und Zeigefinger der jeweiligen Hände an ihren Spitzen berührten.
„Mich wird man für diese Zeit einem anderen Commissario zuteilen“, seufzte der Gendarm theatralisch. „Ich werde zusehen müssen, dass ich mich nicht zu sehr an ihn gewöhne.“
Sparacio warf Sciutto einen amüsierten Blick zu. Er ist schon eine treue Seele, dachte er bei sich. Er weiß, dass er niemals Commissario werden kann, aber er weiß auch, dass für mich sein Dienstgrad nicht zählt. Dass ich ihn brauche, dass wir gut zusammenarbeiten.
Eigentlich waren der Commissario und er zwei völlig unterschiedliche Typen, was das Äußere anbelangte. Sciutto war einen Kopf kleiner als sein Chef, aber er war ein drahtiger Typ, einer der sich in eine Sache, von der er überzeugt war, festbeißen konnte und wie ein Bullterrier so lange seine Zähne fletschte, bis seine Kundschaft es vorzog, den Kürzeren zu ziehen.
Sparacio war der Besonnenere der beiden, was nicht bedeutete, dass er nicht zuweilen eine gewisse Härte, ja erforderlichenfalls darüber hinaus einen Tick Brutalität an den Tag legen konnte, wenn er es denn für erforderlich hielte.
Sciutto war von Haus aus Carabinieri, doch der Commissario hatte es durchgesetzt, auf ihn für seine dienstlichen Belange zurückgreifen zu können. Solange diese Zusammenarbeit funktionierte, gab es aus der Chefetage kein Veto gegen diese Art der dienstlichen Symbiose.
Das Alter der beiden war nahezu identisch und diese Tatsache hatte schon für manche Übereinstimmung in ihren Ansichten gesorgt.
Als Team sind wir schon okay, sagte sich Sparacio, betrachtete sich noch einmal seinen aufgeräumten Schreibtisch und nahm Pistole und Dienstausweis an sich, um ihn auf dem Weg in die Etage unter ihm im Tresor der Geschäftsabteilung zu deponieren.
„Ich werde dann mal einen Abflug machen, Sciutto“, sagte er und streckte dem Sergente die Hand mit einem kräftigen Druck zum Abschied entgegen. Gerade als er die Tür hinter sich schließen wollte, läutete das Telefon.
„Gehen Sie ran Sciutto!“, rief Sparacio seinem Kollegen zu. „Ich bin dann mal weg.“
Aber irgendwie war dann seine Neugier doch zu groß und er verharrte in der Tür, wohlwissend, das Sciutto ihm ein verneinendes Zeichen geben und mit der erhobenen flachen Hand zum Abschied zuwinken würde.
Doch er täuschte sich. Die Handbewegung des Sergente war eine andere.
„Für Sie, Chef!“, rief er Sparacio zu und gab ihm mit der Bewegung seiner linken Hand, die rechte hielt die Membran der Sprechmuschel zu, entsprechende Zeichen.
Immer noch lächelnd ergriff Sparacio den Hörer, hörte dem Anrufer wortlos zu, nickte schließlich und legte auf.
„Der Capo verlangt nach mir, Sergente“, rief er mit ausgestreckten Armen und lachte. „Will mir und Sofia sicher einen angenehmen Urlaub wünschen. Wir sehen uns in vier Wochen. Machen Sie es gut, Sciutto. Und werden Sie mir nicht abtrünnig!“, rief er im Hinausgehen.
Sciutto hörte draußen die festen Schritte seines Chefs und dann das Schlagen einer Tür.
„Vier Wochen!“ Sciutto breitete die Arme aus und schlug die Augen gen Himmel. „Vier lange Wochen! Was wird in dieser Zeit aus mir?“
*
„Treten Sie näher, Commissario! Na, wie geht es Ihnen?“ Ein Schimmer von Scheinheiligkeit schwang in der Frage des Vorgesetzten mit. „Kommen Sie! Bitte! Schließen Sie die Tür! Es tut mir leid, aber …“
Sparacio fühlte ein Drücken in seiner Magengrube.
„Es tut mir leid“, vernahm er die Wiederholung des begonnenen Satzes und der Druck in seiner Magengegend verstärkte sich.
„Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie.“
„Chef?“ Sparacio ließ die wuchtige Tür des opulenten Chefbüros hinter sich zufallen und spürte, wie ihm etwas die Brust zuschnürte. Er ahnte, dass all seine Planungen wie ein Kartenhaus zerfallen würden.
Nur das nicht! Bitte nicht, dachte er inbrünstig flehend. Und als wäre es die Bestätigung seiner Gedanken, hörte er die Stimme seines Vorgesetzten.
„Es wird nichts aus Ihrem Urlaub, Commissario. Vorerst nicht. Tut mir leid.“
Commissario-Capo Leonardo Balestra erhob sich hinter seinem Schreibtisch und kam auf den ungläubig dreinschauenden Sparacio zu. Er lächelte, fast väterlich, als er kurz den linken Oberarm des Commissario berührte, so wie ein Arzt, wenn er einen persönlichen Kontakt mit einem Patienten herstellen wollte.
„Es tut mir aufrichtig leid, aber ich brauche Sie“, sagte er bestimmt. „Ich brauche Sie heute, jetzt und hier. Sie sind mein bester Mann und die Ermittlungen, die Sie leiten werden, verlangen nach Einfühlungsvermögen und einem gewissen Maß an Diskretion. Gegenüber der Öffentlichkeit, gegenüber der Presse, Sie verstehen?“
Balestra nahm wieder hinter seinem wuchtigen Schreibtisch aus Mahagoni Platz, ohne eine Antwort zu erwarten und stützte seinen Kopf, deren letzte verbliebene Haare er mit einem Rasiermesser zu Leibe gerückt war, auf die verschränkten Hände. Er sah den stumm und verständnislos dreinschauenden Sparacio kurz an, ehe er weiterfuhr.
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