Damien lachte. Das war Milo, wie er leibte und lebte.
Er lehnte sich zurück und sah versonnen durch das Fenster auf die dunkle Silhouette der Berge gegen den nächtlichen Himmel. Er und Milo kannten sich seit Kindertagen. Milo, ein Waise, hatte mit ihm die Kriegerausbildung durchlaufen. Sie wurden Brüder im Blute, Kampfgefährten, die in Schlachten aufeinander achtgaben und sich gegenseitig den Rücken deckten. Sie hatten seinem Vater, Raiden Tyr, gedient, bis dieser Maksim die Insignien der Macht entrissen und sich zum Herrscher über die Stämme gemacht hatte. Die Grausamkeiten, die er dabei beging, waren der Grund für Damien und Milo, ihm die Gefolgschaft zu versagen und sich Maksims Rebellion anzuschließen. Damien wurde von seinem Vater lebensgefährlich verletzt und Milo unterstützte Taran bei seiner Pflege. Auch als sich Damiens Bruder Zyrian nach dem Ende des Krieges das Leben nahm, war Milo für ihn da. Nachdem Maksim Raiden getötet und die Macht im Qanicengebirge zurückerobert hatte, war Milo rastlos und zum Wajarenjäger geworden.
Damien fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Mariana und dann auch Maksim hatten den Finger auf die Wunde gelegt. Entgegen dem, was er ihnen gesagt hatte, hegte er durchaus die Befürchtung, dass Milo das Weite suchen würde, falls ihm auf Tyr langweilig wurde, Ratsposition hin oder her.
Wie verhinderte er, dass das passierte? Die Ratsgeschäfte würden Milo in Anspruch nehmen. Aber wie lange füllten sie ihn aus? Er brauchte seinen Bruder im Blute und wollte ihn nicht nur für ein paar Winter an seiner Seite wissen. Zusammen konnten sie vieles bewegen, wenn er es schaffte, Milo auf Tyr zu halten.
Einige Räte würden die Stirn runzeln, Milo neben sich sitzen zu haben, war er doch kein Stammesfürst. Seine unbekümmerte Art machte es nicht einfacher. Aber er hatte einen großen Erfahrungsschatz, der ihnen nutzte. Das würden auch die skeptischen Räte bald bemerken.
Milos Gedanken zu den Wajaren waren vielversprechend. Es stimmte, was er sagte. Die meisten Fürsten vertrieben Stammesangehörige, die sich eines Vergehens schuldig gemacht hatten, aus ihrem Gebiet. Es ging um kleine Ganoven, die mit ihrer Verstoßung zu den Wajaren kamen und dort rasch zu Mördern und Frauenschändern wurden. Wenn man andere Strafen als die Verstoßung vorsah, entzog man den Wajaren den Nachschub an Kämpfern. Aber diese Bestrafungen kosteten Gold. Gefangene mussten bewacht und verköstigt und Verliese vielleicht erst gebaut werden.
Zu diesem Thema würde es in jedem Fall eine lebendige Debatte im Rat geben.
Die Festung, auf die Maksim und Rodica umzuziehen gedachten, lag in der Nähe der Wasserfälle. Kaskaden eiskalten Gletscherwassers stürzten von bemoosten Felsen in einen Teich, aus dem ein tosender Gebirgsbach seinen Anfang nahm und nach vielen Meilen in den Qanaxini-Fluss mündete. Bei geöffneten Fenstern hörte man das Rauschen des Wassers. So stellte Arik sich das Geräusch der Meeresbrandung vor.
Ihm gefiel die Festung. Sie lag westlich von Tyr, nahe einem Reisepfad ins Niemandsland. Auf ihr wurden die Pferde der Tyr großgezogen. In den weitläufigen Ställen standen tragende Stuten, Fohlen und Jungpferde, deren Ausbildung zu Schlachtrössern im Alter von drei Wintern begann. Das Wohngebäude war klein. Es bot Raum für ein Dutzend Krieger und doppelt so viele Knechte und Mägde. Daneben gab es Scheunen, eine Schmiede, einen Brunnen und die unerlässliche Wehrmauer. Vor dem Tor lagen Bergweiden, auf denen die Pferde gehütet wurden.
Rodica stand mit glänzenden Augen in dem leeren Raum, den sie gerade besichtigten. »Das wird unser Wohngemach«, verkündete sie. »Man kann von hier weit ins Land blicken!«
Mariana trat an das offen stehende Fenster. Sonnenstrahlen fielen auf den Steinfußboden. Das Gemach lag im obersten Stock des Wohngebäudes und ermöglichte den Blick über die Mauer. »Über die Weiden und den Wald bis hin zu den Wasserfällen! Seht nur, wie das Wasser diesen glitzernden Nebel über dem Teich bildet! Es ist wunderschön.«
»Gleich nebenan ist das Schlafgemach«, fuhr Rodica fort. »Mit derselben Aussicht.«
Ariks Schwester lief in den angrenzenden Raum. »Oh, hier ist viel Platz! Du kannst bestimmt noch deinen Sekretär und das kleine Bücherregal aufstellen!« Ein Quietschen und Knarren ertönte, dann kam sie zurück. »Das Bleiglas im Fenster drüben hat einen Sprung. Ihr solltet den Glasmacher bitten, das zu reparieren, bevor ihr einzieht. Und die Scharniere müssen geölt werden.«
»Richtig, das hatte ich ganz vergessen.« Rodica blickte sich zufrieden um. »Ich denke aber, dass ich den Sekretär hier unterbringen werde. Wir werden nur Sessel aufstellen, keinen Diwan. Und Maksim braucht keinen Tisch für Pergamente oder Karten.«
Arik blendete die sich entspinnende Diskussion, welche Einrichtungsgegenstände wo hingehörten, aus, wanderte zum Fenster und beugte sich hinaus. Im Hof flickten zwei Knechte Zaumzeug und Sättel. Die Bediensteten waren Menschen, die ihren Pflichten tagsüber nachgingen. Die Krieger bestanden zur Hälfte aus Ewigen und Menschen und zur anderen Hälfte aus Vampiren, die sich die Tages- und Nachtwachen über die Festung und die Herde teilten. Er, seine Schwester und eine Handvoll Ewiger hatten Rodica hierherbegleitet, damit sie entscheiden konnte, welche Möbelstücke sie und Maksim benötigten. Gleich würden sie nach Tyr zurückkehren, ein kurzer Ritt, der den halben Nachmittag dauerte, und auf dem sie vier Pferde, deren Ausbildung beendet war, mitnahmen.
Er würde Rodica und Maksim vermissen. Sicher, er gönnte ihnen von ganzem Herzen, dass sie sich zurückzogen und das Leben genossen. Maksim konnte seiner Passion für die Pferdezucht frönen und Rodica wurde befreit von der Notwendigkeit, dem Haushalt der Burg vorzustehen. Das war es nicht, was ihn trübsinnig machte. Es war etwas anderes. Rodica würde sterben. Damit wäre nichts mehr wie früher. Keine Gespräche mit ihr über die Bücher, die sie genauso gern las wie er. Die Geschichten vor dem Kaminfeuer, wie sie Maksim kennengelernt hatte oder über ihre Winter im Niemandsland. Oder ihr Verständnis für seine Nöte mit dem Schwertkampf. Er seufzte. Am schlimmsten wäre, dass sie einfach nicht mehr da sein würde.
»… schaue mal, wie weit sie mit den Pferden sind. Wir müssen bald los, wenn wir rechtzeitig zum Abendmahl zurück sein wollen!«, brachte ihn die Stimme seiner Schwester und der nachfolgende Knall der zuschlagenden Tür in die Wirklichkeit zurück.
Rodica legte den Arm um ihn. »Ist alles gut, Arik?«
Erstaunt stellte er fest, dass ihm die Augen feucht geworden waren. Er räusperte sich verlegen. »Ich … ich werde euch vermissen.«
Sie drückte ihn an sich. »Keine Sorge, wir verlangen Besuche von unseren Enkeln. Und die Festlichkeiten auf Tyr werden wir uns nicht entgehen lassen! Es wird Spaß machen, als Gast dort zu sein, ohne Sorgen, ob der Braten durch ist oder der Wein schmeckt.« Das Bild, wie Rodica mit dem Hofmarschall im Schlepptau durch die Burg eilte, um Unterkünfte für die Gäste herzurichten, die Jäger zu instruieren, und die Tischordnung festzulegen, würde sich ihnen nicht mehr lange bieten.
»Aber wenn du ‒.« Er verstummte hilflos.
»Ich bin immer noch da, Arik. Und werde auch noch eine ganze Weile da sein.«
»Aber irgendwann ‒.«
»Irgendwann werde ich sterben, genau. Ich sage dir, was ich bereits deiner Schwester gesagt habe: Das ist nun einmal so und wir können es nicht ändern. Du sollst dir keine Gedanken darüber machen.« Ihre Stimme hat den Befehlston, den er gut kannte. Es war derselbe Ton, mit dem sie ihm und Mariana verboten hatte, sie ›Großmutter‹ zu nennen. Alt werde sie früh genug, da brauche man sie nicht schon vorab alt zu machen, hatte sie damals gesagt. Seitdem nannten sie ihre Großeltern beim Namen. »Lebe dein Leben, Arik, das ist das schönste Geschenk, was du mir für meine letzten Winter machen kannst, ganz gleich, ob es zwei, sieben oder fünfzehn sein werden. Es wäre schwer für mich zu ertragen, wenn du wegen mir Trübsal bläst. Das will ich nicht! Versprichst du mir das?«
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