Goswin errötete.
»Jawohl.« Frans grinste. »Noch fünf oder sechs Winter und die beiden sind halbwegs brauchbar als Kämpfer der Ewigen. Jetzt entschuldigt mich, ich muss sehen, ob das nächste Paar das genauso gut hinkriegt.« Er begab sich auf den Kampfplatz, wo sich Vlad und Lys bereits gegenüberstanden.
Mariana verzog das Gesicht. ›Halbwegs brauchbar‹! Goswin und sie hatten besser gekämpft als Sandor und Reyk, die erfahrene Krieger waren!
Ihr Vater lachte und sagte: »Mariana, ich möchte mit dir sprechen.«
»Natürlich, Vater. Entschuldige, Goswin.«
Der zuckte mit den Schultern. »Ich reite ins Tal. Komm einfach nach«, entgegnete er und machte sich auf den Weg zu den Ställen.
»Er ist ein exzellenter Kämpfer. Er braucht nur mehr Selbstvertrauen«, meinte ihr Vater. »Lass uns in mein Studierzimmer gehen.«
Das Studierzimmer lag in dem Turm über dem Tor. Mariana hatte hier oft mit ihrem Vater gesessen. Bei ihrem allerersten Gespräch in diesem Raum war sie gerade sechs Winter alt geworden und hatte ihn informiert, dass sie Kriegerin werden wollte. Er hatte gelächelt und sich ernsthaft mit ihr darüber unterhalten, ob es ratsam sei, auf ihrem Pony Schneeflocke in die Schlacht zu ziehen.
Das Zimmer war sparsam eingerichtet, mit einem Tisch, einfachen Holzstühlen und einem Regal. An den mit dunklen Holzpaneelen verkleideten Wänden hingen Öllampen und ein kunstvoll geknüpfter Teppich, der eine Jagdszene darstellte. Durch das Fenster sah man den Weg, auf dem Goswin und eine kleine Gruppe von Kriegern ins Tal hinuntertrabten. Es gab ihr einen Stich, sie davonreiten zu sehen, wäre sie doch gerne dabei gewesen.
Ihr Vater nahm an dem Tisch Platz, der, wie das Regal auch, mit Pergamenten und Büchern überladen war. Sie setzte sich ihm gegenüber. Er kam sofort zum Punkt. »Du wirst wissen, was ich mit dir besprechen will.«
»Ja. Was wird, wenn du der Herrscher bist.«
»Das ist richtig. Du wirst als meine Nachfolgerin benannt werden. Sollte mir etwas zustoßen, wirst du die Herrschaft übernehmen müssen.«
Sie schluckte. »Ich hoffe, das wird niemals passieren.«
Er sah sie prüfend an. »Machen dir deine neuen Verantwortlichkeiten Angst?«
»Nein, ich habe keine Angst.« Sie nestelte an einem Faden, der unter dem Armschutz ihrer Lederrüstung hervorlugte. »Ich freue mich darauf, mehr über die Regierungsgeschäfte zu erfahren. Das, was du mit Maksim morgens vor dem Kamin beredest, klingt spannend. Zumeist jedenfalls.« Er lachte und auch sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Nun ja, welche Menge an Pelzen an die blaue Stadt gesandt wird, finde ich nicht besonders faszinierend. Nein, es ist eher die Verantwortung, die mir Unbehagen bereitet. Du hast so viel Erfahrung, genau wie all die Fürsten, die im Rat sitzen. Ich habe gar keine. Ich … ich weiß nicht, ob ich das kann.«
»Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Du wirst dich auf lange Winter einstellen müssen, in denen du lernst, worum es in Regierungsgeschäften geht. Du wirst mit mir zusammenarbeiten und in den Rat aufgenommen. Zunächst als Gast, also ohne Stimmrecht.«
Das klang nicht mehr ganz so furchteinflößend.
»Es stimmt, wir binden dich sehr früh in all dies ein. Aber so hast du Zeit, um Erfahrungen zu sammeln, ohne dass man weitreichende Entscheidungen von dir erwartet. Du sollst zunächst einmal zuhören und lernen. Nicht mehr und nicht weniger.«
Sie nickte entschlossen. »Das werde ich, Vater.«
»Gut. Ich werde den Rat zum Teil neu besetzen. Einige Räte haben angekündigt, dass sie zu ihren Stämmen zurückkehren möchten. Andere werden ohne Maksim nicht im Rat verbleiben wollen. Ich will die Entscheidung, wer sie ersetzt, bis zu Maksims Abdankung getroffen haben. Wir benötigen fünf neue Räte. Ich möchte, dass du mit mir die Kandidaten durchgehst.«
»In Ordnung. Aber was bedeutet das für mich? Ich meine, ich werde mit dir arbeiten, aber werde ich noch eine Kriegerin sein?« Das bereitete ihr die meisten Sorgen. Es würde ihr schwerfallen, das Kriegerleben aufzugeben.
»Ja. Du wirst deine Kampfübungen wie gewohnt fortsetzen. Also wirst du zukünftig sehr viel mehr zu tun haben und musst dir deine Zeit gut einteilen.«
Sie atmete auf. Die Gefahr, fortan in düsteren Zimmern gefangen zu sein, um beim schummrigen Licht einer Kerze auf verstaubten Pergamentrollen herumzukritzeln, war also nicht gegeben. Ein Mehr an Arbeit fürchtete sie nicht.
»Während der ersten Monde geht es darum, dass du dich einfindest und verstehst, welcher Art die Regierungsgeschäfte sind. Dann wirst du nach und nach Aufgaben übernehmen. So wächst du in deine neue Rolle hinein.« Er zog zwei Pergamente aus dem Stapel vor ihm. »Hier sind die Mitschriften der letzten Ratssitzungen. Lies sie dir bitte bis morgen Nacht durch. Bis dahin habe ich eine Liste der Kandidaten für den Rat erstellt. Sei bei Einbruch der Nacht morgen hier, dann können wir sie gemeinsam durchgehen.«
Mit sinkendem Herzen nahm sie die Pergamentrollen. Soweit zu dem Plan, für den Rest der Nacht ins Tal zu reiten. Die Rollen waren dick. Es würde dauern, sie zu lesen.
»Darüber hinaus werdet Arik und du repräsentative Pflichten haben. Wenn wir Gäste erwarten oder zu den Stämmen reisen. Und natürlich auch bei den Zeremonien zur Abdankung und Ernennung des Herrschers. Dazu gibt es festgelegte Abläufe, mit denen ich euch vertraut machen werde. Aber das kann warten, es gibt Wichtigeres.« Er seufzte. »Auch wenn die Schneider da anderer Meinung sind, wie mir deine Mutter sagte. Ihr bekommt für die Zeremonie neue Festgewänder. Wundere dich also nicht, wenn dich einer der Schneider in eine Ecke zerrt und deine Maße nimmt.«
Sie lachte. Gegen neue Kleider hatte sie nichts einzuwenden. Aber Arik würde es hassen, eines seiner heiß geliebten Bücher dafür aus der Hand legen zu müssen. Ihr Vater grinste. »Und jetzt ab mit dir. Ich erwarte, dass du morgen Abend alles über die letzten Ratssitzungen weißt.«
Mariana studierte die Pergamentrollen bis weit in den Morgen hinein. Ihre Befürchtungen hatte sie rasch vergessen und war tief in die Angelegenheiten des Qanicengebirges eingetaucht. Die Bandbreite der Aufgaben überraschte sie, auch wenn sie durch die Gespräche zwischen ihrem Vater und Maksim bereits viel mitbekommen hatte. Abgaben wurden festgesetzt und verteilt, der Handel von Weizen und Fleisch diskutiert. Da war der Fall eines Fürsten, der ohne Erben gestorben war – die Ursache seines Todes blieb unklar, es gab vage Hinweise auf einen Schwertkampf um eine Frau – und dessen Stamm in einen benachbarten aufgehen sollte. Der Rat bestimmte, mit wie viel Gold und Kriegern die Stämme unterstützt wurden, die die Grenzen zum Niemandsland und den nördlichen Grasländern bewachten. Es wurde debattiert, wie man den Wajaren – Banditen, Mördern und Wegelagerern – beikommen konnte, deren Zahl stark angestiegen war und die Stammesfürsten immer mehr Gold und Krieger kosteten, um ihre Liegenschaften und Untertanen zu schützen. Außerdem sprach der Rat bei Streitigkeiten zwischen Stämmen und bei Kapitalverbrechen Recht.
Am interessantesten aber fand sie die Beziehungen zu den von Menschen beherrschten Gebieten. Mit der blauen Stadt, weit im Westen jenseits der Grasländer an der Küste des Meeres gelegen, herrschte ein lebhafter Austausch. Es gab einen regen Handel. Die Bewohner des Qanicengebirges versorgten die Städter mit Pelzen, Fleisch und Erzen und bezogen dafür Handwerkskunst wie Schmuck oder Keramik. Dies war dem Einfluss des Bundes der Ewigen geschuldet, der in der blauen Stadt sein Haupthaus unterhielt. Die Ewigen hatten Maksim während des Rebellenkriegs unterstützt und waren mit Frans als ihrem Schwertmeister auf Burg Tyr im Rat der Stämme vertreten.
Mit den beiden anderen Städten der Menschen, Insan und Quadin, in den Grasländern nördlich des Gebirges gelegen, gab es keine Beziehungen. Grußworte wurden nicht erwidert und in den Debatten des Rats ging es darum, wie man das ändern konnte.
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