Ja, Arik war sehr verschieden von seiner Schwester. Nicht nur, dass sein Blut für Vampire tödlich war, während Mariana Menschenblut zum Überleben brauchte. Auch vom Wesen unterschieden sich die Geschwister wie Feuer und Wasser. Mariana war zupackend und handelte schnell, manchmal zu schnell. Arik war zögerlich. Er musste noch herausfinden, was er vom Leben wollte.
Damien war sicher, dass sein Sohn seinen Weg machen würde. Er war jung, vierzehn Winter, hatte alle Zeit der Welt, sich zu orientieren! Taran hingegen machte Ariks Ziellosigkeit Sorgen. Er lernte den Schwertkampf, wie seine Schwester vor ihm. Aber im Gegensatz zu Mariana, die unverdrossen und über das Tagessoll der Krieger hinaus übte, brach Arik die Übungen ab, sobald der Pflicht Genüge getan war. Das Einzige, für das er sich begeisterte, waren Bücher. Jeden Abend steckte er seine Nase in einen anderen verstaubten Band.
»Es ist nur«, fuhr Taran fort, »dass Mariana gerade fünfundzwanzig Winter alt ist. Du warst viel älter und erfahrener, als Maksim dich damals zu seinem Nachfolger bestimmt hat. Du hattest Schlachten geschlagen und am Rebellenkrieg teilgenommen.«
»Und mich in eine Ewige verliebt.« Er umfasste ihren Kopf und zog sie zu sich herunter. Der Kuss war lang und vielversprechend. Er brummte enttäuscht, als sie ihn unterbrach.
»Ja, auch das wird Mariana passieren. Was meinst du, wie viele Männer sich um die zukünftige Herrscherin über die Stämme bemühen werden?«
Die Vorstellung irgendwelcher Kerle, die sabbernd um seine Tochter schlichen, gefiel ihm gar nicht. »Ich werde auf sie aufpassen. Ich werde nicht zulassen, dass ein dahergelaufener Glücksritter sie für sich einnimmt.«
»Damien, Mariana ist eine mündige Frau und eine Kriegerin, kein Mädchen mehr! Sie kann auf sich aufpassen!«
»Gerade eben sagtest du noch, dass sie jung ist!«
»Für eine mögliche Nachfolgerin des Herrschers über die Stämme, ja. Sie konnte nie die Erfahrungen sammeln, die du gemacht hast. Stell dir vor, sie müsste dir jetzt, zu diesem Zeitpunkt, nachfolgen. Was wäre, wenn jemand Krieger um sich schart und versucht, die Herrschaft an sich zu reißen? Du musst das nicht befürchten, denn deine Stellung ist gefestigt.«
»Das ist der Grund, warum ich sie so früh als meine Nachfolgerin benenne. Sie kann sich ihren Ruf und ihre Stellung in Ruhe erarbeiten.«
»Da hast du allerdings recht«, meinte sie nachdenklich. Dann lächelte sie verschmitzt.
»Was willst du mir mit diesem Lächeln sagen?« Er verschränkte seine Arme hinter ihrem Rücken, hielt sie sanft gefangen.
»Es ist lustig, dass du Mariana auf der einen Seite zutraust, deine Nachfolgerin zu werden, aber auf der anderen Seite der Meinung bist, sie vor der Männerwelt beschützen zu müssen.«
»Sie hat keine Erfahrung mit Männern! Die werden sie wegen ihrer Stellung umschwirren! Ich werde sie davor bewahren!«
»Sie ist fünfundzwanzig Winter alt. Denkst du nicht, dass sie bereits Erfahrung mit Männern gemacht hat?«
»Was?«, fragte er empört. Doch nicht Mariana! Sie war viel zu jung!
»Ach, Damien. Versprich mir bitte, nichts Dummes zu machen, was Mariana und Männer angeht. In Ordnung?«
»Was könnte ich denn ›Dummes‹ machen deiner Meinung nach?« Jetzt war er gereizt.
»Eben versuchen zu verhindern, dass sie sich verliebt. Sie muss ihr Glück allein finden.«
Er knurrte. Mariana und sich verlieben! Das war abwegig!
»Vertrau ihr, Damien. Das ist alles. Sie wird das Richtige machen. Genauso, wie sie es machen wird, wenn sie an deiner Seite und im Rat der Stämme arbeitet.«
»Na gut«, murmelte er und zog ihren Kopf wieder zu sich herunter. »Was kriege ich dafür?«
»Was? Wofür?«
Er fuhr mit seinen Lippen über die ihren, eine sanfte Berührung nur, und genoss, wie ihre Atemzüge flacher und schneller wurden. »Ich denke, ich verdiene eine Belohnung, wenn ich mich so verhalte, wie du es möchtest.«
»Belohnung? Damien!«
Er grinste und verschloss ihren Mund mit einem nachdrücklichen Kuss, den er nicht mehr gedachte abzubrechen.
Der Aufprall der Schwertklingen vibrierte in den Knochen. Sie umklammerte den Knauf ihrer Waffe umso fester. Jetzt bloß nicht nachgeben! Wie sie es beabsichtigt hatte, lag Goswins Klinge über der ihren. Hochhebeln! Mariana drehte das Schwert und drückte es nach oben. Die Bewegung schmerzte in den Armen, hielt Goswin doch mit aller Kraft dagegen. Es nützte ihm nichts. Die Waffe wurde ihm aus der Hand gewunden, wirbelte durch die Luft und prallte auf den sandigen Boden des Kampfplatzes.
Von der Umzäunung hörte sie die anerkennenden Rufe der Krieger. Ihr Bruder im Blute zischte einen Fluch, als sie ihm triumphierend die Spitze des Schwerts auf die Brust setzte.
»Sehr gut!« Frans, Schwertmeister der Ewigen, kam zu ihnen. »Mariana, nur etwas schneller, du hast zu lange überlegt, bevor du Goswin entwaffnen konntest. Goswin, diesen Moment hättest du nutzen können, achte beim nächsten Mal darauf. Wer kommt jetzt?«
Mariana nickte und stellte sich mit Goswin hinter den hölzernen Zaun. Sie wiederholte die Bewegung mit dem Schwert. Frans hat recht. Es muss schneller gehen, wie eine instinktive Handlung.
Goswin fuhr mit dem Daumen über seine Klinge, bevor er sie in die Scheide steckte. »Manchmal glaube ich, ich werde die Kampftechniken der Ewigen nie beherrschen.«
»Das geht mir genauso. Ich muss immer noch überlegen, wie ich eine Taktik am besten anwende. Deswegen geht es nicht schnell genug. Aber wir werden es schon noch lernen.«
»Hoffen wir’s.«
Sie lernten die Kampfkünste der Ewigen seit zwei Wintern. Frans hatte prophezeit, dass es lange dauern würde, sie zu meistern. Sie unterschieden sich von den Techniken der Vampirkrieger in feinen, aber wichtigen, Nuancen. Wenn Mariana und Goswin geglaubt hatten, ihr Können als Vampirkrieger verschaffte ihnen einen Vorteil, dann waren sie eines Besseren belehrt worden.
Sie drehte sich um. Die Pflastersteine des von Fackeln erleuchteten Burghofs glänzten vom Nieselregen, der schon die ganze Nacht fiel. Die Hunde in den Zwingern bellten einen mit Holz beladenen Wagen an, der schwerfällig durch das Tor rumpelte. Am Zaun des Kampfplatzes standen etwa zwanzig Krieger, die auf ihren Waffengang warteten. »Bis zum Morgenmahl ist noch Zeit und die Regenwolken haben sich fast verzogen. Warum reiten wir nicht ins Tal und üben da mit den Pferden?«, schlug sie vor. »Hier kommen wir sowieso nicht mehr dran.«
Für Kampfübungen zu Pferd war der Hof zu klein. Tyr lag auf steilen Felsklippen hoch über den Tälern des Qanicengebirges und wurde überragt von schneebedeckten Gipfeln. An regnerischen Tagen verschlangen graue Wolken die Burg. Der Hof, in dem neben dem Kampfplatz die Gärten und der Brunnen lagen, war von der Halle mit den daran anschließenden Wohngemächern, dem Haus des Bundes der Ewigen, Wirtschaftsgebäuden, Ställen, Scheunen und Werkstätten umgeben. Um all dies zog sich die aus dem schwarzen Stein des Gebirges erbaute Mauer mit den wuchtigen Wehrtürmen, die den Wachen einen ungehinderten Ausblick in die Ferne erlaubten. Burg Tyr hatte nur einen Zugang, den über das Tor, zu dem ein steiler Weg aus dem bewaldeten Tal weit unterhalb der Felsklippen führte.
»Gute Idee!«, sagte Goswin. »Lass uns ‒.«
»Mariana!« Die breitschultrige Gestalt ihres Vaters, mit kahl geschorenem Kopf und gekleidet in ein weißes Hemd und Lederhosen, stapfte auf sie zu. Er grüßte die älteren Krieger und Frans mit Handschlag. Die Jüngeren wichen respektvoll zurück und neigten die Köpfe. Wie jeder, der im Rebellenkrieg gekämpft hatte, war er eine Legende.
»Goswin.« Vater nickte ihrem Bruder im Blute zu, der den Gruß ehrerbietig erwiderte. »Das war ein guter Waffengang.«
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