Er steckte seine Waffe ein und bot ihr die Hand. Sie nahm sie, sprang auf. »Du hast mich diese Treffer absichtlich machen lassen.«
»Es ist ein häufiger Fehler bei jungen Kriegern. Sie denken nach einigen Treffern, sie sind dem Gegner überlegen und werden nachlässig.«
Hilmar, der Schwertmeister der Vampirkrieger, trat zu ihnen. »Ein schöner Kampf! Mariana, du weißt, was du falsch gemacht hast?«
Sie seufzte so abgrundtief, dass Milo sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. »Ja, ich weiß, Hilmar. Das übliche Problem.«
»Dann denk auch dran, wenn du kämpfst.« Hilmar deutete zur Umzäunung. »Milo, es gibt da ein paar junge Leute, die sich ebenfalls beweisen möchten. Wie wär’s?«
»Wieso nicht. Mal sehen, wie sie sich schlagen.« Er grinste Mariana an. »Merke dir, ich habe dir damit einen Sieg im Voraus.«
»Ich bekomme meine Revanche noch«, brummte sie und gesellte sich zu den Kriegern am Zaun. Sein Blick folgte ihr anerkennend. Sie musste zwar noch Erfahrung sammeln, aber sie konnte mit dem Schwert umgehen. Und hatte eine ansehnliche Figur, die die unförmige Rüstung aus dem mit Eisenplatten versehenem Leder kaum versteckte. Er rief sich zur Ordnung. Sie war Damiens Tochter! Besser, er konzentrierte sich auf den nächsten Waffengang. Sein Gegner stand vor ihm, ein sehniger junger Mann mit kahl rasiertem Schädel. »Das ist Goswin«, stellte Hilmar vor. »Er ist Marianas Bruder im Blute.«
Er nickte Goswin zu. Ihn würde er ordentlich testen. Mariana musste sich im Kampf auf ihn verlassen können.
Der junge Krieger verteidigte sich gut. Genau wie Mariana sah er Schläge voraus. Aber im Gegensatz zu ihr ließen seine Offensiven zu wünschen übrig. Sie kamen halbherzig, fast schien es, als wolle er seinem Gegner keine Schmerzen bereiten. Milo ließ ihn Treffer landen, um ihn zu bestärken, aber das änderte nichts. Schließlich entwaffnete er Goswin. »Du musst mehr Vertrauen in dich haben«, sagte er. »Deine Technik ist gut, aber du greifst zu zögerlich an.«
Hilmar grinste und schickte Goswin zu den Zuschauern. »Es tut ihnen gut, es einmal von jemand anderem gesagt zu bekommen. Manchmal denke ich, sie hören mir gar nicht zu, wenn ich ihnen sage, was sie falsch machen.«
Goswin und Mariana steckten die Köpfe zusammen. Man merkte, dass sie vertraut miteinander waren. Natürlich, sie waren Bruder und Schwester im Blute. Aber es irritierte ihn aus irgendeinem Grund.
Nachdem Milo drei weitere Waffengänge absolviert hatte, kündigte Hilmar eine Pause für die jungen Krieger an und die älteren betraten den Platz. Milo, der sie aus dem Rebellenkrieg kannte, lachte über ihre Neckereien. Ein übellaunig aussehender Vampir mit vernarbtem Gesicht wollte wissen, wieso er sich von Kindern verprügeln ließe.
»Ich bringe ihnen bei, wie sie anständig kämpfen, Vlad!«, rief er und gesellte sich zu Mariana und Goswin. «Nicht dass sie das bräuchten, um dich in die Flucht zu schlagen. Dir erzählt man eine Geistergeschichte und schon machst du dir in die Hosen!«
Vlads Angst vor Gespenstern, Seelenräubern und mörderischen Wassernymphen war legendär und so brachen alle in lautes Gelächter aus. Er machte eine unanständige Geste in Milos Richtung. Hilmar wies ihn zurecht und die Krieger nahmen Aufstellung für den ersten Waffengang.
Ein Mädchen in dem blauen Kleid einer Zofe trat zu Goswin, schlang seine Arme um ihn und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Goswin errötete. »Nicht vor den Kriegern, Zita!«
Das Mädchen und Mariana seufzten.
»Stell dich nicht so an.« Zita.
»Als ob niemand von euch weiß.« Mariana.
Milo lachte. Gegen diese geballte Weiblichkeit würde Goswin niemals ankommen. »Kumpel, nimm dein Mädchen und verzieh dich.«
Der junge Mann setzte diese Anweisung schleunigst in die Tat um und zog mit der kichernden Zita an der Hand ab. Milo war das recht. Das irritierende Gefühl, das er gehabt hatte, schwand. Er lehnte sich an den Zaun. »Hat Goswin sein Glück also gefunden.«
»Ja. Zita passt gut zu ihm.« Mariana zuckte zusammen. Vlad hatte seinem Gegner einen harten Schlag auf den Rumpf verpasst. Der Mann ging brüllend zu Boden. »Das hat wehgetan!«
»Ach, der kann das ab.« Er ließ seinen Blick über den Hof schweifen. Da hinten stand Hroar Gisher und begutachtete ein Pferd. Milo hatte beim letzten Morgenmahl bemerkt, wie der Fürst Mariana angestarrt hatte. Was er von ihr wollte, war offensichtlich: Der Gefährte der Tochter des Herrschers würde unermesslichen Einfluss haben. Es wäre ein exzellenter Schachzug für den Stamm der Gisher, würde Hroar dieser Gefährte werden. Kein schöner Gedanke, sich so einen Mann an Marianas Seite vorzustellen.
Auch Damien hatte Gishers Interesse bemerkt und Milo gebeten darauf zu achten, dass der Kerl seiner Tochter nicht zu nahekam, eine Aufgabe, die Milo gerne übernommen hatte. Er musste es nur so angehen, dass es ihr nicht auffiel. Sie war keine Frau, die sich Schutz suchend an einen Mann schmiegte. Sie war ihr eigener Schutz. Sei es drum. Gisher würde er nicht an sie heranlassen.
Und was war mit Jesko Shazad? Das war die andere Dynamik beim Mahl gewesen. Marianas Miene hatte Unbehagen ausgedrückt, als Jesko in die Halle gekommen war. Was war da zwischen den beiden? Milo presste die Lippen zusammen. Damien könnte Jesko durchaus als Gefährten für seine Tochter in Betracht ziehen. Er kam aus gutem Hause und war der Erbe der Fürstin Shazad. Aber wenn Marianas Verhalten ihn nicht täuschte, hatte sie keine angenehmen Erfahrungen mit ihm gemacht. Sie würde sich so schnell nicht mit ihm einlassen, ein Gedanke, der ihn beruhigte. Trotzdem: Den Krieger würde er im Auge behalten.
Die letzten Strahlen der Sonne waren hinter den Bergen verschwunden. Über Burg Tyr hing die graue Scheibe des Mondes und tauchte das Gebirge in gespenstisches Licht.
Von seiner Unterkunft in einem der Türme hatte Jesko einen beeindruckenden Ausblick auf die Bergketten, deren Kuppen am Horizont mit der Nacht verschmolzen. Weit unterhalb der Burg lagen dunkle Wälder. Zwischen den Bäumen blitzte im Mondlicht gelegentlich das dahineilende Wasser eines Bergbachs auf. Der Jagdruf eines Uhus erklang von den Felsen, um die sich der Weg von der Burg ins Tal schlängelte.
Burg Tyr. Seit unzähligen Wintern war sie das Zentrum der Macht im Qanicengebirge. Raiden Tyr hatte von hier aus regiert, jetzt Maksim D’Aryun. Und bald wieder ein Tyr, Damien, der Gefährte von D’Aryuns Tochter. Hier lebte ein Großteil der Krieger, die Schlachten gesehen und im Rebellenkrieg gekämpft hatten. An Tyr wandten sich die Herrscher der Menschen und die Kämpfer der Ewigen, wenn sie ihre Belange mit dem Vampirvolk besprechen wollten. Hier wurden Entscheidungen getroffen. Es ging um Krieg und Frieden, Gesetze und Bestrafungen, Gold und Besitzungen. Jesko meinte, die Macht spüren zu können, als hätten sich die Mauern damit vollgesogen.
Das war etwas anderes als die Dinge, um die sich seine Mutter und er kümmerten. Bis kurz vor ihrer Abreise nach Tyr hatten sie besprochen, wer welche Felder bestellte und was auf ihnen angebaut werden sollte. Dann musste der Handel mit der blauen Stadt kontrolliert werden. Er hatte Wajaren, die häufig die Höfe im Westen überfielen, aufgestöbert und geköpft.
Lange Zeit hatte er mit alldem nichts zu schaffen gehabt. Es schien sein Los zu sein, seinem älteren Bruder Hamil als Krieger zu dienen, sollte der Mutters Nachfolge antreten. Das hatte ihm erst nichts ausgemacht. Es gab Schlimmeres als das sorgenfreie Leben eines Kriegers in Zeiten des Friedens. Hamil war derjenige, der über Pergamente gebeugt dasaß und Weizenmengen aufrechnete, während er, Jesko, seine Kampfübungen abhielt und sich vergnügte.
Doch irgendwann begann es, dieses eifersüchtige Stechen, wenn Hamil von den Kriegern ehrerbietig gegrüßt, seine Meinung ernst gehört und seine Entscheidungen angenommen wurden. Ganz besonders, wenn Jesko überzeugt war, dass er die bessere Entscheidung getroffen hätte. Aber das interessierte niemanden. Für die anderen war er der charmante Jesko, ein guter Krieger. Nicht mehr und nicht weniger.
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