Karim Akerma - Antinatalismus

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Das vorliegende Antinatalismus-Handbuch dokumentiert und erörtert die Einsicht in das Nichtseinmüssen von Menschen als einen Gewinn von Freiheit gegen biosozionome Vorgaben. Und es verfolgt die ethische Absicht, fortzeugungswillige Leser davon zu überzeugen, dass es besser ist, nicht so zu handeln, dass neue Menschen zu existieren beginnen. Fortzeugungskritische Leser will es in ihrer antinatalistischen Haltung bestärken. Zu diesem Zweck bietet das Handbuch eine Vielzahl von Argumenten, Neologismen und Stellungnahmen zur Natalität aus Jahrtausenden auf. Auch wenn diese Stellungnahmen häufig gleichsam nur im Vorhof des Antinatalismus stehen, belegen sie doch, dass das Kulturwesen Mensch immer schon eine kritische Haltung gegen das biosoziale Radikal der Fortpflanzung einzunehmen wusste. Der von uns vertretene Antinatalismus ist universal, indem er alle leidfähigen Wesen berücksichtigt: Es ist zumeist besser so zu handeln , dass kein weiteres leidfähiges Tier zu existieren beginnt. Hier berührt sich der humanistische Antinatalismus mit dem ethischen Vegetarismus.

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Zu Knigges nativistischer Anstandsregel nehmen wir wie folgt Stellung: Dankbarkeit kann es nicht für das Hervorgebrachtwordensein, sondern nur für die Art und Weise des Aufgezogenwordenseins geben. Wurde den eigenen Eltern ein hohes Maß an antinatalistischer картинка 466Aufklärung zuteil, so schwindet allerdings auch diese Dankbarkeitspflicht, da wir es sodann mit einer gleichsam kaltblütigen Zeugung trotz wissen um die neganthropischen Folgen zu tun haben.

Interessant ist Knigges Passus, das Zeugungsgeschäft sei nur eine beiläufige Wohltat für die kommende Generation. Dürfen wir dem entnehmen, die Menschheit wäre schon längst ausgestorben, wenn das Zeugungsgeschäft selbst keine Wohltat, sondern eher Mühsal wäre?

Hinter der von Knigge erwähnten Zufriedenheit der Allermeisten mit der eigenen Existenz steht freilich, dass die Allermeisten sich die eigene Nichtexistenz nur als Welt vorstellen, in der sie nicht mehr sind – aus der sie also herausgestorben sein müssten – und nicht als Welt, in die ihre Eltern sie niemals hineingezeugt hätten. Wobei in letzterem Falle niemandem das Dasein vorenthalten geblieben wäre.

Dass laut Knigge die Zeugung von Menschen nicht unbedingt zum richtigen Umgang mit ihnen gehört, dürfen wir folgender Stelle entnehmen:

„Das Mädchen hat Langeweile bei der alten Mutter und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat, um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr dasein würde. Die Kinder vergessen, wieviel schöne Stunden sie ihren Eltern durch ihr betäubendes Geschrei verdorben, wieviel schlaflose Nächte sie dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine Familie zu arbeiten, sich manche Bequemlichkeit entziehn, vor manchem Schurken sich krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen.“ (Knigge, Über den Umgang mit Menschen, S. 149f)

Hier erscheint das Kind weniger als ein Wesen, das von den Eltern bittend ins Dasein gerufen wird, denn vielmehr als Tyrann, der sich Eltern, die im Zeitalter Knigges ohne moderne Verhütungsmittel auskommen mussten, ungebeten aufnötigt und dankbar sein darf, wenn man ihn trotz seiner „Ekelhaftigkeit“ durchbringt. Mitleid und Dankbarkeit verdienen in der Tat insbesondere die Mütter, die ohne Mitspracherecht fast die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch als Menschengeneratoren fungierten und sich oft genug für die quasi naturwüchsig aus ihnen hervorgehenden Kinder aufopferten, auch wenn sie Spielraum für weniger Einsatz gehabt hätten.

Gustav Freytags (1816–1895) Ahnendank

Bei Freytag sehen wir den Elterndank gar zu einem geforderten Ahnendank ausgeweitet: „Denn wir im Dorfe meinen, daß es ohne Eltern keine Kinder gibt und dass die Enkel guttun, an die Mühen ihrer Vorfahren zu denken.“ (Gustav Freytag: Die Ahnen, S. 516) Freilich ist dieser Aufruf zu Eltern- und Ahnendank selbstwiderlegend: Appelliert wird an die Mühsal der Vorfahren, ohne die man vielleicht gar nicht existieren würde. Dieser Appell vergisst, dass die Mühen der Ahnen von gestern die Mühsal der Kinder von morgen sind, die man folglich besser nicht zeugt.

Baronesse de Fresne und das Strafmaß des Niemalsgeborenseins

In ihren „Maximen der wahren Eleganz“ verhängt die Baronesse de Fresne für mangelnden Elterndank bei sozial ungünstiger Geburt das Strafmaß des Nichtgeborenseins. Wer mit seinem niedrigen sozialen Stand nicht zufrieden ist, gehöre ungeboren – was wohl so viel bedeutet wie ungeschehen gemacht:

„Leben Eure Eltern nicht im Wohlstande, so müßt Ihr um desto rücksichtsvoller gegen sie sein. Wehe dem Kinde, das über seine Eltern, seine Familie, erröthet. Wer seine Geburt verachtet, verdiente, gar nicht geboren zu sein.“ Elternundank ist bei Strafe einer symbolischen Rücknahme des Daseins nicht vorgesehen. Die Dankbarkeit, die Kinder ihren Eltern für das Geschenk des Lebens schulden, tragen sie ab, indem sie ihnen im Alter eine Stütze sind: „Euer kräftiger Arm diene Dem als Stütze, der Eure ersten Schritte lenkte; erstattet ihm in dieser Beziehung hundertfach die Schuld der Dankbarkeit.“ (Baronesse de Fresne, Maximen der wahren Eleganz…, S. 25.)

Swift, Jonathan (1667–1745)

Spätestens im Zeitalter der Aufklärung – kulminierend in dem, was wir die картинка 467Natalschuldumkehr nennen – setzt zaghaft eine den Elterndank hinterfragende Gegenbewegung ein. Zu den Betreibern einer Umkehrung der nativistischen Denkungsart gehört Jonathan Swift, der unter dem Deckmantel der Satire gewichtige Kritik am Fortzeugungszusammenhang vorträgt, indem er über die Liliputaner ausführt:

„Die Begriffe von den gegenseitigen Pflichten der Eltern und Kinder sind gänzlich von den unsrigen verschieden. Da nämlich die Verbindung der Männer und Frauen, wie bei allen Tierarten, auf Naturgesetzen beruht, behaupten sie durchaus, daß Männer und Frauen sich nur deshalb vereinigen; die Zärtlichkeit gegen die Jungen folge aus demselben Grundsatz; deshalb wollen sie nicht zugestehen, ein Kind sei den Eltern für sein Dasein verpflichtet, das ohnedies wegen des menschlichen Elends keine Wohltat sei; auch bezweckten die Eltern keine Wohltat, sondern dächten bei ihren verliebten Zusammenkünften an ganz andere Dinge. Wegen dieser und anderer Schlußfolgerungen sind sie der Meinung, Eltern dürfe man am wenigsten unter allen Menschen die Erziehung der Kinder anvertrauen.“ (Swift, Gullivers Reisen, S. 60. Vgl. Gulliver’s Travel, S. 68f)

Diese Passage aus Gullivers Reisen ist ein Meilenstein der Nativitätskritik: Ohne Umschweife erklärt Swift, das vermeintlich geschenkte Dasein sei durchaus keine Wohltat, weshalb Kinder ihren Eltern auch keinen Dank schuldeten. Wir fügen dem an, dass es vom Maß der картинка 468Elternfreiheit und der Verbreitung antinatalistischer картинка 469Aufklärung abhängt, ob und inwiefern Kinder ihren Eltern Dank schulden mögen.

картинка 470Generationenvertrag, картинка 471Natalschuldumkehr

Eltern-Erklärung zur Nichthaftung für Leiden

Wir sind uns bewußt, dass wir unsere Kinder einem unabsehbaren Schicksal, neben möglichen Freuden auch als картинка 472unannehmbar geltende Leiden und dem sicheren Sterbenmüssen ausliefern, sowohl ihrem eigenen wie dem ihrer Verwandten, dessen Zeugen sie werden. Es ist uns ebenfalls klar, dass wir dafür keinerlei Vorweg-Zustimmung von ihnen einholen können. Wir reproduzieren uns selbst zuliebe und auf Kosten neuer Menschen die Conditio in/humana und ermöglichen so allererst alle künftigen Leiden, Katastrophen, Kriege und Massenmorde. Eine Verantwortung für diese negativen Folgen können wir nicht anerkennen, weil es sich um höhere Gewalt handelt, die wir nicht in der Hand haben.

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