Daseinsnarzissmus,
Existenzscham
Wer den Antinatalismus als Zumutung wahrnimmt und nicht bereit ist, über den
Schatten der eigenen Existenz zu springen, verfällt auf mindestens zweierlei Weise einem ungeheuren Daseinsnarzissmus: Hätte es nicht sein können, dass die eigenen Eltern, wenn sie zu einem anderen Zeitpunkt gezeugt hätten, an meiner statt einen sehr viel philanthropischeren Menschen hervorgebracht hätten?
Zweitens: Ist der tatsächliche, meine Existenz tragende, Geschichtsverlauf nicht höchst bedauerlich, da er mit Millionen unschuldig Hingemorderter einherging?
Daseinsmakel
Eine verbreitete Form des Daseinsprotests sind die in der Literatur verbreiteten Verfluchungen der Stunde oder des Tages der eigenen Geburt. In seinem 1912 publizierten Roman „Rien n’est“ führt uns Georges
Poulet vor Augen, dass die Hervorbringung eines Menschen dem Neinsagenkönnen als der Essenz angeblicher menschlicher Freiheit und Würde Hohn spricht. Im Roman verurteilt ein Vater seinen Sohn zum Dasein, „ohne Möglichkeit zum Einspruch, ohne dass er sich alledem entziehen oder protestieren könnte, bis dass der Tod eintritt.“
Artikel „Von der Existenzverwünschung zur Daseins-Anklage“
Carl Ludwig Schleich, Erfinder der lokalen Betäubung, schildert seinen neonatalen Daseinsprotest ähnlich humoristisch wie vor ihm
Lessing:
„...ich persönlich muß es also als einen hohen Glücksfall betrachten, daß ich ein Knabe war, als ich ventre à terre (Zeugnis meiner Mutter und meiner Hebeamme – mein Vater hatte sich angeblich anderer Berufspflichten wegen der Zeugenschaft entzogen) zur Welt kam, nur um zu versuchen, sie sofort unter Protest mit Händen und Füßen wieder von mir zu stoßen. Sie erwies sich als die stärkere von uns beiden. Und so blieb ich auf ihr zurück, wenngleich ich in meiner Jugend später noch vielfach alle möglichen Versuche machte, mich ihr auf dem Wege recht zahlreicher Kinderkrankheiten wieder stillschweigend zu entziehen.“ (Schleich, Besonnte Vergangenheit, S. 6)
Licht der Welt,
Geburtsverfluchung
Daseinsprotestant und Neinsagenkönner
Den Buddhismus streifend, doch ohne Durchbruch zum Antinatalismus, schildert uns Max Scheler (1874–1928) den Menschen als Daseinsprotestanten: „Mit dem Tiere verglichen, das immer ‚Ja‘ zum Wirklichsein sagt – auch da noch, wo es verabscheut und flieht –, ist der Mensch der Neinsagenkönner, der ‚Asket des Lebens‘, der ewige Protestant gegen alle Wirklichkeit.“ (Die Stellung des Menschen im Kosmos, S. 55) Wenn diese Grundcharakterisierung des Menschen zutrifft, warum ist antinatalistischer Protest gegen die unerträgliche Bürde des Daseins und das die Unerträglichkeit konsolidierende pronatale Naturerbe dann so spärlich geblieben?
Daseinsrejektion in Anbetracht der Existenzbedingungen
Adam ist der erste Mensch und zugleich der Erste, der das Dasein aufgrund der mit ihm einhergehenden unzumutbaren Bedingungen ablehnt und es seinem Schöpfer zurückgeben möchte: „Nimm alles hin, was ich empfing; zu schwer / Sind die Bedingungen, die mir ein Glück, / Nach dem ich nicht gestrebt, verbürgen sollten!“ (John Milton, Das Verlorene Paradies, zehntes Buch, 749ff, S. 501)
Mit einer Sentenz, die an diese Worte aus John Miltons „Paradise lost“ gemahnen, schreibt Dostojewski : „Sei es denn! Ich werde sterben, indem ich auf die Quelle der Kraft und des Lebens gerade hinblicke, und dieses Leben verschmähen! Hätte es in meiner Macht gestanden, nicht geboren zu werden, so würde ich ein an so höhnische Bedingungen geknüpftes Dasein gewiss nicht angenommen haben.“ (Dostojewski, Der Idiot, S. 57)
Der von Kant herausgestellten elterlichen Pflicht, für die Daseinszufriedenheit des von ihnen gewollten Menschen Sorge zu tragen, korrespondiert auf Seiten des ohne Zustimmungs- oder Ablehnungsmöglichkeit ins Dasein getretenen Kindes das Recht, es niemandem – in erster Linie den Eltern nicht – recht machen zu müssen.
Im Sinne eines bis in die Moderne fortwirkenden mythisch-moralischen Wirtschaftens beginnt jedes Dasein mit einer Schuld, die darin gründet, dass der Existenzbeginn nicht als Zufall, Selbstverständlichkeit oder Bürde aufgefasst wird, sondern als
Geschenk. Abgetragen wird die Daseinsschuld – und zwar bei ihren Eltern und Vorfahren –, indem die mit Daseinsschuld belastete Person ihrerseits Nachkommen hervorbringt.
Ahnentabu,
Entschuldigung, dass ich geboren bin,
Schuldkonto
Seltenes Gegenstück zum
Daseinsnarzissmus. Bekannt sind Daseins-Schuldgefühle überlebender Opfer natürlicher oder geschichtlicher Katastrophen. Die Überlebenden werden von der Frage bedrängt: Warum habe ausgerechnet ich es geschafft? Daneben ist ein metaphysisches Daseins-Schuldgefühl dergestalt zu veranschlagen, dass jeder von uns sich die Frage vorlegen kann, warum gerade er gezeugt wurde und zu existieren begann, wo doch die eigenen Eltern jemanden anderes hätten zeugen können, hätten sie zu einem von der tatsächlichen Zeugung abweichenden Zeitpunkt gezeugt. Thomas Nagel führt diesbezüglich aus: „There can also be a taste of survivor’s syndrome, guilt toward all those others who will never be born.“ (Nagel, The View from Nowhere, S. 211) Belege für dieses unbegründete Daseins-Schuldgefühl gegen „Ungezeugte“ (die man ja nicht am Existenzbeginn hinderte) bietet auch Nagel nicht.
Bis in seine Träume hinein litt Adorno unter Daseinsschuld. Adorno begreift seine Existenz zumal deshalb als schuldbeladen, da er als Jude überlebte, während zahllose andere umgebracht wurden: „Jedenfalls ist zu sagen, dass die Schuld, in die man fast schon / dadurch, dass man überhaupt weiterlebt, verstrickt ist, mit dem Leben selbst kaum mehr zu versöhnen ist. (…), man kann sehr schwer nur dem Gefühl sich entziehen, dass man eigentlich bereits dadurch, dass man weiterlebt, gewissermaßen einem anderen, dem das Leben versagt worden ist, die Möglichkeit wegnimmt, ihm das Leben stiehlt. (…) Und wenn man dann weiterlebt, dann hat man gewissermaßen das statistische Glück gehabt, das auf Kosten eben derer ging, die in den Vernichtungsmechanismus hineingeraten sind und, wie man fürchten muss, noch hineingeraten werden. Die Schuld reproduziert sich in jedem von uns…, weil wir unmöglich dieses Zusammenhangs in jedem Augenblick unseres wachen Lebens ganz gewärtig sein können.“ (Adorno, Metaphysik, S. 175f; siehe ähnlich Negative Dialektik, S. 357) [
Panempathiedefizit]
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