Universaler Antinatalismus (Brief Deffands an Voltaire von 1759)
In einem Brief an Voltaire offenbart sich du Deffand als Vertreterin eines universalen Antinatalismus, dessen Anliegen nicht bloß das Leid der Menschen, sondern aller empfindenden Wesen ist. Sie inkludiert selbst noch das Leid der Austern und Engel und skizziert damit eine große Kette der leidenden Wesen, die niemals hätten geschaffen oder gezeugt werden dürfen: „Vom Engel bis zur Auster scheinen mir alle Arten von Lebewesen gleichermaßen unglücklich; das Übel besteht darin, geboren zu sein. Dabei handelt es sich jedoch um ein Unglück, dessen Beseitigung schlimmer ist als das Problem.“{46}
Mit ihrer Rede vom Übel, geboren zu sein, antizipiert sie
Ciorans Buchtitel „Vom Nachteil geboren zu sein“ verfasste. Da sie die gesamte Kette leidender Wesen von der Höhenregion der Engel bis hinab zu den Austern anprangert, enthält ihre Äußerung zugleich eine Gottesanklage, der es besser unterlassen hätte, alle diese Wesen zu schaffen. du Deffands Protest ist ein Anti-Kreationismus, zum Antinatalismus ist sie nicht vorgedrungen.
Brief an Voltaire vom 10. September 1764
Hatte Deffand sich oben in ihrem Schreiben an Voltaire als universale Antinatalistin präsentiert, so ist im nachstehenden Brief persönliches Leid der Vater des Niegewesenseinswunsches: „Schon seit sechs Wochen und zwei Monaten sehe ich völlig schwarz, nehme an nichts Anteil, bin wunsch- und gefühllos und beklage den Umstand, geboren zu sein...“{47}
Brief an Horace Walpole vom 23. Mai 1767
„Sie meinen, dass ich neunzig Jahre alt werden möchte? Mein Gott, welch fluchwürdige Hoffnung! Wissen sie denn gar nicht, dass ich das Leben verabscheue, dass ich mich damit tröste, derart viel erlebt zu haben und dass ich untröstlich bin, geboren zu sein? Ich passe einfach nicht in diese Welt und weiß nicht, ob es eine andere gibt.“{48}
Gutgemeinten Wünschen für ein langes Leben schleudert du Deffand ihre Lebensverachtung entgegen: sie sei nicht für diese Welt geschaffen. Bei alledem wisse sie nicht – hierin unterscheidet sie sich von Mme de
Sévigné –, ob es eine andere Welt gibt. Sie komme nicht über den Umstand hinweg, geboren worden zu sein.
Brief an Horace Walpole vom 11. Januar 1771
„Wenn ich an all die mir bekannten Menschen denke, eingeschlossen diejenigen, die ich täglich sehe und die man meine Freunde nennt, so ist unter ihnen keine Frau und kein Mann, die mir auch nur einen Anflug echter Gefühle entgegenbringen würde – ebenso wenig wie ich für sie Gefühle hege; […] Habe ich nicht Recht, zu sagen, dass es ein Unglück ist, geboren zu sein?“{49}
Mit diesem Zitat komplettiert sich das neganthropische Weltbild der du Deffand. Hatte sie im Brief an Voltaire von 1759 das Leiden jeglicher Kreatur von der Auster bis zum Engel beleuchtet und hiermit das Besserniegeboren- und Niegeschaffensein nahegelegt, um in den Briefen von 1764 und 1767 auf die Unerträglichkeit ihres persönlichen Existierens anzuspielen, so erwähnt sie in ihrem Schreiben von 1771 die Unerträglichkeit des Daseins in menschlicher Gesellschaft. Keiner ihrer sogenannten Freunde bringe ihr auch nur einen Anflug von Gefühlen entgegen.
Deschner, Karl Heinz (1924–2014)
„Nein, nicht das Ausbleiben des Endes wünsche ich, sondern, dies unterliegt buchstäblich unsrem Einfluss: das friedliche Ende der Menschheit. Möge nun keiner mehr – mein erster Wunsch – ein Menschenkind zeugen. Das schmerzt nicht die
Ungeborenen; es erspart ihnen viel. Und die Geborenen gewöhnen sich an alles – sogar, hundert Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg, schon an den Dritten.“ (Karl Heinz Deschner, Frommer Wunsch, S. 205)
Destruktivkraftentwicklung und Produktivkraftentwicklung
Gern denkt man sich die menschliche Geschichte von einer erst unendlich langsamen, dann immer rasanter ablaufenden Entwicklung der Produktivkräfte begleitet oder getragen. Ihr Movens ist jedoch immer auch die Entwicklung von Destruktivkräften, was Balzac in folgende Worte fasste: „Der Triumphwagen der Zivilisation ist grausam, wie jener des Götzenbildes von Jaggernat.“ (Balzac, Vater Goriot, S. 5)
Die Verflechtung von Produktivität und Destruktivität ist nicht etwa Sache dunkler Vergangenheit, sondern erhellt vorzüglich aus der genetischen und funktionellen Struktur des Kapitalismus. – Derjenigen gesellschaftlichen Formation also, deren raison d’être nichts Geringeres als die von Schumpeter so genannte kreative Zerstörung ist: „Creative Destruction is the essential fact about capitalism.“ (Schumpeter, Capitalism, Socialism and Democracy, S. 83) Nun ist aber kreative Zerstörung nicht nur das bestimmende funktionelle Moment des Kapitalismus, sondern der Kapitalismus selbst scheint aus einem Prozess gesteigerter „kreativer“ Zerstörung hervorgegangen: Mit seinem Buch „Krieg und Kapitalismus“ scheint Werner Sombart der Nachweis gelungen, dass der – stets zerstörerische – Krieg auf ganz unmittelbare Weise am Aufbau des kapitalistischen Wirtschaftssystems beteiligt ist, weil er mit den modernen Heeren eine wichtige Triebkraft kapitalistischer Wirtschaftsentwicklung geschaffen hat. Insbesondere, so Sombart, fungierte der Krieg über die Ausbildung moderner Heere als „Marktbildner“.
Büchner, Georg (1813–1837)
Von seiner Warte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus erkennt Büchner eine Verschränkung von Produktiv- und Destruktivkraftentwicklung, die ihn eine Fortsetzung der Menschheit im Zeichen des Fortschritts hinterfragen lässt:
„Die Schritte der Menschheit sind langsam, man kann sie nur nach Jahrhunderten zählen, hinter jedem erheben sich die Gräber von Generationen. Das Gelangen zu den einfachsten Erfindungen und Grundsätzen hat Millionen das Leben gekostet, die auf dem Wege starben.“ (Büchner, Werke und Briefe, S. 41)
Früher als andere zeigt sich Büchner willens, die Opfer von Fortschritt und Kulturschaffen ins Kalkül zu ziehen, die somit als Basis für eine Verteidigung des Schöpfers nicht länger in Frage kommen: „... Sie müssen mir zugestehen, dass es gerade nicht viel um die himmlische Majestät ist, wenn der liebe Herrgott in jedem von uns Zahnweh kriegen, den Tripper haben, lebendig begraben werden oder wenigstens die sehr unangenehmen Vorstellungen davon haben kann.“ (S. 43)
Heine, Heinrich (1797–1856)
Eindeutiger als Büchner im Vorhof des Antinatalismus angesiedelt ist Heine mit seiner Formulierung zur Verschränkung von Fortschritt und Destruktion: „Aber ach! jeder Zoll, den die Menschheit weiterrückt, kostet Ströme Blutes; und ist das nicht etwas zu teuer? Ist das Leben des Individuums nicht vielleicht ebensoviel wert wie das des ganzen Geschlechtes? Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“(Heine, Reisebilder, Dritter Teil, in: Werke und Briefe, Bd. 3, S. 261) Mit der Frage, ob die bisherigen „Ströme Blutes“ kein zu teurer Preis seien, insinuiert Heine eine Einstellung der Fortzeugung.
Gattungsgesamtleid(ensbilanz),
Grenzwert, neganthropischer,
Kantischer Limes
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