Zwei weitere Beispiele: a. Auch wenn eine Gebärende unerträglichen Schmerz auszustehen haben mag – sobald sie das Neugeborene in ihren Armen hält, verblasst die Erinnerung und der Glücksmoment als Abschlusserfahrung lässt sie (das erinnernde Selbst) den Geburtsvorgang späterhin mit einiger Wahrscheinlichkeit anders bewerten als das erlebende Selbst ihn erfuhr, das bei einer schweren Geburt für die Dauer von Stunden vielleicht alles gegeben hätte, damit der Schmerz aufhört. b. Und wer kennt nicht diese Urlaube voller Strapazen: Befragte man uns täglich im Abstand einer Stunde, wie wir uns gerade fühlen, so ergäbe sich vermutlich eine deprimierend Summe. Erst retrospektiv konfigurieren wir einen insgesamt positiven Gesamteindruck aus Einzelteilen, die einen solchen Gesamteindruck für sich genommen nicht erwarten lassen.
Aus dieser Rückblicks-Verzerrung dürften sich zu erheblichen Anteilen auch Optimismus und Pronatalismus speisen. Von einer Tyrannei des retrospektiven Selbst können wir hier deshalb reden, weil seine Dominanz unterbindet, dass uns das tatsächliche Ausmaß menschlichen Leidens vor Augen geführt wird. Berücksichtigen wir eine kognitive Verzerrung wie die Dominanz des rückblickenden Selbst, so erhellt, warum Menschen das (eigene) Leben auch dann schön finden können, nachdem sie Monate oder Jahre in einem Konzentrationslager verbrachten. Stand am Ende die Befreiung oder setzte eine andere positive Entwicklung ein, so werden Jahre der Erniedrigung und des Schmerzes ausgeblendet. Im Rückblick erscheint der Aufenthalt im Konzentrationslager erträglicher als er bewertet worden wäre, wenn man die Opfer Tag für Tag befragt hätte.
Für den Antinatalismus ist der Umstand, dass das erlebende Selbst vom erinnernden Selbst dominiert und unterdrückt wird, von herausragender Bedeutung. Belegt doch die Tyrannei der Retrospektive, dass sich hinter positiven Selbsteinschätzungen unserer Lebenswirklichkeit – und somit hinter der optimistischen Psyche – eine andere Wahrheit verbirgt. Konkreter: Wer einen Menschen zeugt, zeugt ein Wesen, dass bio-psychisch so konstituiert ist, dass es vom realistischen Erfassen der eigenen Lebenswirklichkeit durch einen Schutzschirm abgehalten wird.
Froh, geboren zu sein
Diktat des Geschlechts / Diktat der Natur
In der genetischen Struktur des
Diktats der Geburt ist eine andere Diktatur angesiedelt: die Diktatur des Geschlechts: „Auf dem Blutwege kommen die Geschlechtshormone mit der Schnelligkeit des Blutstromes durch den ganzen Körper bis in seine entferntesten Teile und verwirklichen hier die zum Leben auf der Erde notwendige ‚Diktatur des Geschlechts’. Zusammen mit dem Blute ins Gehirn dringend, greifen die Geschlechtshormone auch hier in die zentrale Verwaltung des Körpers ein und errichten auch hier ihre Diktatur. Einwirkend auf die Nervenzentren, ‚erotisieren’ sie, wie einige Physiologen das treffend nennen, das Gehirn. Sie geben der gesamten Tätigkeit des Nervensystems eine besondere Geschlechtsrichtung, stimmen sie auf besondere Geschlechtsart, und das durch die Hormone beeinflusste Gehirn beginnt, die ganze Welt durch dieses Geschlechtsprisma zu sehen.“ (Nemilow, Die biologische Tragödie der Frau, S. 36f)
Laut Nemilow verleiht das Diktat des Geschlechts „dem Organismus jene ‚Lebensspannung’, jene ‚Daseinsfreude’, die einen jungen gesunden Körper auszeichnet.“ (Nemilow, a.a.O. S. 45) Demnach wäre die zum kategorialen Instrumentarium der Pronatalisten gehörende Daseinsfreude der Ausdruck einer basalen „List der Biologie“ – mit Männern und Frauen{51} als den Überlisteten.
Biologische Radikale,
List der Natur,
Überlistung der List der biologischen Vernunft
Anders als der Mann wird die Frau für Nemilow – Autor des Buches „Die biologische Tragödie der Frau“ – nicht bloß Opfer einer biologischen Illusion, sondern hat „einen teuren Preis durch einen langwierigen und vielseitigen Dienst zum Nutzen des ‚Genius der Art’ [
Gattungsdienst] zu entrichten. Dieser Dienst erfordert eine gänzliche Umstellung ihres Organismus. Die Umstände, unter denen der Umbau und die Umstellung des Organismus geschicht, kann nur als grausam bezeichnet werden. Die Natur errichtet in ihrem Körper eine umbarmherzige Diktatur der reifenden Frucht, konzentriert ihren ganzen Körper auf den Schutz dieses winzigen neuen lebendigen Stoffes und verlangt erbarmungslos für diesen letzteren die völlige Selbstentäußerung der Mutter. Alles für den Keim, alles für den ‚Genius der Art’, für die Mutter nur Schmerzen, Unbequemlichkeiten aller Art.“ (Nemilow, a.a.O., S. 52f)
Wir haben es mit folgender Konstellation zu tun: Frauen sind einerseits – freiwillige Komplizinnen oder zwangsverpflichtete Beihelferinnen – des Diktats der Geburt, zugleich aber unterliegen sie (in weitaus höherem Maß als der Mann) dem Diktat des Menschen, dessen Existenz sie beginnen lassen: des Embryos. In diesem Sinne äußerte sich Simone de Beauvoir, wenn sie ausführt, die Frau empfindet ihre Schwangerschaft „gleichzeitig als eine Bereicherung und als eine Verstümmelung. Der Foetus ist ein Teil ihres Körpers und auch wieder ein Parasit, der auf ihre Kosten lebt.“ (Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Zweites Buch, Zweiter Teil, VI. Mutterschaft, S. 482) „Tag für Tag wird sich ein Polyp, der aus ihrem Körper geboren und ihrem Körper fremd ist, in ihr mästen.“ (A.a.O., S. 484) Die biologische Diktatur des Embryos kulminiert im
Gebärterror, um sodann vom sozialen Diktat des Neugeborenen fortgesetzt zu werden.{52}
Gedanken de Beauvoirs humoristisch fortsetzend, informiert uns Klinger über die „Gerissenheit“ des zur Welt kommenden Kindes: „Die Schwachheit ist die Mutter der Macht; und wenn der wackere Sohn der Mutter nicht bei der Geburt den Leib zerreißt, so geschieht es nicht aus Schonung: Wer sollte ihn sonst säugen und nähren?“ (Klinger, Betrachtungen und Gedanken, S. 114)
Dizee-Transformation (von der Theodizee zur Anthropodizeepflicht)
Unter Dizee-Transformation verstehen wir eine Rechtfertigungs-Verschiebung: einen Übergang von der
Theodizee zur
Anthropodizeepflicht. Obwohl in der Epoche der Aufklärung nicht zuletzt über die Unhaltbarkeit von Theodizeen aufgeklärt wurde, hielt man aufs Ganze gesehen doch an einem Schöpfer fest. Selbst Voltaire hielt den Atheismus für gesellschaftsschädlich und formulierte den Satz, wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden (
Gottesimplosion). Und auch Kant hätte aus sittlichen Erwägungen heraus gern an Gott festgehalten, konnte in ihm aufgrund seiner metaphysikkritischen Philosophie aber nur mehr ein Postulat der Vernunft sehen, das nichts über sein tatsächliches Existieren besagt. Im Folgenden soll zum einen nachvollzogen werden, wie das Durchdenken der Theodizeefrage „Wie konnte ein guter und allmächtiger Gott die den Menschen betreffenden Übel in der Welt zulassen?“ im Denken Kants in einer von ihm selbst unausgesprochenen Anthropodizeepflicht kulminiert.
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