„Arme Cécile! Sie hat sich dies Leben nicht ausgesucht, sie war darin geboren, sie kannt es nicht anders, und als der Langerwartete kam, nach dem man vielleicht schon bei Lebzeiten des Vaters ausgeschaut hatte, da hat sie nicht nein gesagt. Woher sollte sie dies ›Nein‹ auch nehmen? Ich wette, sie hat nicht einmal an die Möglichkeit gedacht, daß man auch ›nein‹ sagen könne; die Mutter hätte sie für närrisch gehalten und sie sich selber auch.“ (Fontane Cécile, a.a.O., S. 464)
Jaspers, Karl (1883–1969)
In Grenzsituationen, so Jaspers, verzweifeln wir an Sinn und Gehalt jeglichen Daseins:
„Ich habe nicht zugestimmt, dass ich dieses Leben will, und vermag nichts zu sehen, das mich zum Ja bestimmen könnte.“ (Jaspers, Philosophie II, S. 304) Wo dieser Gedanke zum Suizid treibt, könne der Lebensmüde jedoch zugleich eine neue, lebenserhaltende Erfahrung machen: die Erfahrung der Freiheit, sich das Leben nehmen zu können, vermag aufzuzeigen, dass die in Gestalt dieser Freiheit entdeckte Substanz des Lebens schwerer wiegt als die Gründe, die dazu bewogen, es sich zu nehmen. Jaspers lässt das Diktat von Geburt und
Lebenwollenmüssen an einer Wand der Freiheit abprallen. Gegen Jaspers bleibt indes zu bedenken, dass der Lebensmüde, dem in der Entschlossenheit zum Suizid die Freiheit aufscheint, sich nicht von Verzweiflung oder Schmerz befreit hat, wenn er vom Selbstmord Abstand nimmt.
Nachstehend bedenkt Jaspers denn auch das Diktat der Geburt, insofern wir zwar die Freiheit haben mögen, uns das Leben zu nehmen, dass wir aber nicht die Freiheit hatten, uns das Leben zu geben. Von daher existieren wir wesentlich unfrei aus der Unfreiheit heraus – und sind wir so frei, uns die Freiheit zu nehmen, aus dieser Unfreiheit auszutreten, so hören wir auf zu existieren: „Da ich mir das Leben nicht selbst gegeben habe, entscheide ich nur, bestehen zu lassen, was schon ist. Es gibt keine entsprechende Totalhandlung, in der ich mir das Leben gebe, wie es die Handlung ist, in der ich es mir nehme.“ (Philosophie II, S. 308)
Arendt, Hannah (1906–1975)
Unter Außerachtlassung der Einsichten ihres „Lehrers“ Jaspers versucht sich Hannah Arendt an einer Inversion des Diktats der Geburt hin zu einer Freiheitsschaffung: „Mit der Erschaffung des Menschen erschien das Prinzip des Anfangs, das bei der Schöpfung der Welt noch gleichsam in der Hand Gottes und damit außerhalb der Welt verblieb, in der Welt selbst und wird ihr immanent bleiben, solange es Menschen gibt; was natürlich letztlich nichts anderes sagen will, als daß die Erschaffung des Menschen als eines Jemands mit der Erschaffung der Freiheit zusammenfällt.“ (Arendt, Vita activa, S. 166)
Ganz offensichtlich vergisst Arendt, dass jeder Mensch auf das Geheiß anderer, als Konsequenz des Tuns oder Unterlassens anderer zu existieren beginnt und nicht Causa sui ist. Selbst wenn der auf elterliche Verfügung hin entstandene Mensch frei sein sollte, so ist er doch viel eher zur Freiheit verurteilt als frei gewesen, frei zu sein – denn diese Freiheit müsste die Freiheit implizieren, nicht zu sein.
Aichinger, Ilse (1921–2016)
Aichinger verdanken wir eine weitere Version der Rede vom Diktat der Geburt:
„Ich habe meine Existenz immer als Überrumpelung begriffen und mit dem Wunsch zu verschwinden darauf reagiert.“ (Ilse Aichinger, Es muss gar nichts bleiben, S. 179)
Ebenso wenig wie Jemandem das Dasein diktiert wird, gäbe es freilich Jemanden, der dadurch überrumpelt würde, dass man seinen Existenzbeginn bewirkt. Gleichwohl ist die Kritik daran berechtigt, dass die je eigenen Eltern den Existenzbeginn eines Menschen bewirkten, dessen Einverständnis sie nicht einholen konnten und dem nichts bleibt, als sich irgendwann vorzufinden.
Verschwindenwollen
Diktat des erinnernden Selbst
In dem Maße, in dem die Forschungen und Theorien Daniel Kahnemans und anderer stichhaltig sind, sind Menschen konstitutionell nicht in der Lage, unangenehme Erlebnisse rückblickend in ihrer tatsächlichen – das heißt: von Augenblick zu Augenblick erlebten – Negativität einzuschätzen. Kahnemann differenziert idealtypisch (nicht etwa neurologisch oder hirnanatomisch) zwischen einem erlebenden Selbst und einem erinnernden Selbst. Das erlebende Selbst ist das Ich, das in einem äußerst schmerzhaften Moment einer insgesamt schmerzhaften medizinischen Untersuchung sagen würde: Es tut gerade unerträglich weh oder: Der Schmerz ist jetzt erträglich. Das erinnernde Selbst hingegen ist das Ich, das die Gesamterfahrung rückblickend bewertet. Kahnemann fand heraus, dass die tatsächliche Dauer einer sehr unangenehmen Erfahrung für die rückblickende Bewertung durch das erinnernde Selbst von sehr viel geringerer Bedeutung ist als man ohne Kenntnis seiner Erhebungen oder Experimente annehmen würde. Experimente demonstrierten Kahnemann, dass es für das rückblickende – eine Gesamtbewertung vornehmende – Selbst vornehmlich auf den Gipfel des Schmerzes und dessen zeitliche Situierung im Gesamtablauf einer Erfahrung ankommt sowie auf die Qualität der Abschlusserfahrung.
Während wir als unbefangene Beobachter die Frage „Wer hat am meisten gelitten?“ unter Verweis auf schmerzerfüllte Zeitdauern unter Berücksichtigung ihrer Schmerzintensität beantworten würden, zeigte sich, dass die Leidensdauer für Patienten und Probanden unerheblich war. So konnte Kahnemann experimentell erweisen, dass Probanden, die ihre Hände 60 Sekunden lang in gleichbleibend kaltes Wasser tauchten (Test 1), diese Erfahrung als unangenehmer bewerteten, als eine Erfahrung, bei der sie ihre Hände 90 Sekunden lang in unangenehm kaltes Wasser tauchten (Test 2), wenn die Wassertemperatur in Test 2 nach 60 Sekunden um 1 Grad von 14 auf 15 Grad Celsius erhöht wurde (ohne dass die Probanden davon wussten). Eine Erhöhung um 1 Grad Celsius ist gerade eben als leichte Verringung des Kältegefühls wahrnehmbar, das gleichwohl unangenehm blieb. Wie sich zeigte, waren Kahnemanns Probanden eher geneigt, die 90 Sekunden währende unangenehme Kälteerfahrung zu wiederholen als die nur 60 Sekunden dauernde. Laut Kahnemann aus dem Grund, dass die
Abschlusserfahrung (30 Sekunden um 1 Grad wärmeres, wiewohl fortwährend unangenehm kaltes Wasser) geringfügig weniger negativ war. Befragt man das erlebende Selbst, so sagt es in diesem Experiment in jedem Augenblick, dass sich die Hand in unangenehm kaltem Wasser befindet. Nun gibt es ein überwältigendes Einvernehmen dahingehend, dass empfindende Wesen versuchen, unangenehme Erfahrungen abzukürzen und sie keinesfalls zu verlängern suchen. Kahnemanns Experiment demonstriert, dass das erinnernde Selbst sich über das hinwegsetzt, was wir die elementare oder die sinnesphysiologische Rationalität des erlebenden Selbst nennen können und retrospektiv eine objektiv längere unangenehme Erfahrung einer kürzeren vorzieht, bloß weil die längere unangenehme Erfahrung eine kaum merkliche Verbesserung (Temperaturanstieg des Wassers) mit sich brachte.
Erhebungen Kahnemanns belegen, dass diese Tyrannei (besser spricht man vielleicht von seiner Dominanz) des erinnernden Selbst ähnliche rückblickende Bewertungen zeitigt, wo es um unangenehme medizinische Untersuchungen geht: Patienten bewerteten schmerzhafte Untersuchungen rückblickend nicht gemäß deren tatsächlicher Dauer, sondern abhängig davon, wo der schmerzhafteste Augenblick lag und mit welchen Schmerzgraden die Untersuchung endete. Laut Kahnemann bewerten Patienten einer Gruppe A, die eine bestimmte Schmerzintensität im Laufe einer Untersuchung über längere Zeitstrecken erleben als Patienten einer Gruppe B, die gesamte Untersuchung rückblickend als weniger schlimm, wenn der Zeitpunkt größten Schmerzes bei Gruppe A am Anfang, bei B hingegen am Ende der Untersuchung liegt (vgl. Kahneman, S. 378ff).
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