„Im Lichte dessen also, dass ich selbst mögliches non ens bin, erfahre ich nun allererst, was es heißt, dass Gelingen gewährt ist. So könnte wohl sogar ein Buddhist des kleinen Fahrzeugs für sein Dasein dankbar sein. Denn wenn ihm auch dies Dasein für sich Leiden ist, so ist es / gleichwohl die Voraussetzung dafür, dass er die Seligkeit der Erleuchtung an der Schwelle des Ausgangs aus dem Kreislauf des Karma gewinnt, in der die Nichtigkeit des Lebensgrundes als solche sich erschließt.“ (S. 171f)
Hier versucht Henrich, gegen den Daseinsundank ein Tauschgeschäft zu etablieren, das unlauter scheint: Der Buddhist weiß, dass es im Leben kein dauerhaftes Glück gibt, wie kann Henrich da seine Leiderfahrungen mit dem Augenblick der Erleuchtung vor dem Eintritt ins Nirvana-Nichts kompensieren wollen?
Und was rät Henrich den nicht im (karmischen) Glauben stehenden Elenden der Erde oder gar einem aufgeklärten Antinatalisten? „Die Not und die Lebenskatastrophen der anderen schließen gerade für die mitfühlende Teilnahme den Dank fraglos und gänzlich aus. Aber auch das je eigene Leben ist vielfach solchem ausgesetzt, was, wenn dies denn möglich ist, nur ertragen und ausgestanden werden kann. Für die Kraft des Überstehens, nicht aber für das, was in die Not zog, kann dann Dankbarkeit aufkommen. Wenn also trotz alledem von der Erfahrung die Rede ist, dem ganzen Lebensgang in Dankbarkeit zu entsprechen, so in einem Sinn, der nicht dementieren muss, was so offenkundig außer Frage steht.“ (S. 188) Aus Henrichs Anempfehlung, zwar nicht daseinsdankbar zu sein, wenn Andere in Not geraten und sich aus der Not befreien, wohl aber daseinsdankbar zu sein, wenn man selbst die Kraft hatte, eigene tiefe Not zu überstehen, spricht tiefgehende Nichtseinsblindheit: Hätte eine Person P niemals zu existieren begonnen, so wäre keine Person P dagewesen, der dies geschadet (oder genutzt) hätte. Da der bloße Dank für eine gelungene Überwindung einer Notsituation („Dankbarkeit, in der sich unser Lebensgang unter Einschluss der Not zu sammeln vermag“ (S. 190)) ungeeignet ist, Daseinsundankbarkeit in Ansehung von Leid zu überwinden, rettet sich Henrich in letzter Instanz offenbar in die Arme eines Gottes, auf den er daraus schließt, dass die Welt als Natur keinen Dank entgegennehmen kann, die Welt als Schöpfung aber sehr wohl:
„Wer in seinem Weltverhältnis zur Dankbarkeit findet, wird kaum im ganzen Ernst daran festhalten können, dass er seinen Dank der Welt gibt, in Dank ihr also nicht nur zugewendet ist. Setzt doch Dank zu sagen wirklich voraus, dass man von einem solchen weiß, das diesen Dank auf- und anzunehmen vermag. Soweit der Dank als kommunaler verstanden wird, müsste er also eine Adresse haben, welche nicht die Welt selbst sein kann, sondern das sein müsste, woraus sich die Welt bildet und erschließt – also ein Grund dem Züge der Personalität zuerkannt werden können.“ (S. 189f) Liest man hier Klartext, so ergibt sich die Aufforderung: Seien wir dankbar gegen den göttlichen Welturheber, die die Welt so einrichtete, dass wir unverdient in Not gerieten, aus der wir uns letzten Endes befreien konnten.
Bezeichnenderweise blenden Henrichs metaphysische Gedankengänge den schlichten Sachverhalt aus, dass wir uns weniger einer wie immer personalisierten Welt „verdanken“, sondern vielmehr unsere Eltern für unser Dasein verantwortlich zeichnen, woraus sich die von ihm unbehandelten Kategorien des Elternundanks und der Elternschuld ergeben.
Elterntabu,
Elternverwünschung
Büchner konzipiert einen puren Daseins-Schaden, der gegeben sein könne, ganz unabhängig von negativen Widerfahrnissen. Unabhängig von allen Existenzbedingungen bedeute schon das reine Dasein für einige Menschen Unglücklichsein: „Es kommt mir ein entsetzlicher Gedanke: ich glaube, es gibt Menschen, die unglücklich sind, unheilbar, bloß weil sie sind.“ (Büchner, Leonce und Lena (Zweiter Akt, dritte Szene), Werke und Briefe, S. 108)
Daseinszufriedenheitspflicht
Von
Kant begründete elterliche Pflicht, die eigenen Kinder mit ihrem Dasein bis zur Volljährigkeit so zufrieden zu machen, dass sie ihrem Existenzbeginn selbst zugestimmt haben würden (hätten sie darüber zu entscheiden gehabt). In Erweiterung der Kantischen Daseinszufriedenheitspflicht ist für alle Volljährigen ein
Existenzgeld zu verlangen.
Haltung, die am gesamten bisherigen Weltlauf als alternativlos festhält, insofern einzig dieser faktische Weltlauf die Voraussetzungen für den je eigenen Existenzbeginn mit sich brachte: Das daseinszynische Individuum opfert symbolisch die Entrechteten, Dahinsiechenden und Hingemordeten aller Orte und Zeiten dem eigenen Dasein, von dem es nicht abstrahieren will.
Daseinsbedauern
Sofern die meisten Personen nicht in der Lage sind, über den
Schatten der eigenen Existenz zu springen, werden sie antworten, sie hätten – noch nicht existierend – auch dann zu existieren beginnen wollen, wenn sie gewusst hätten, dass ihnen eine miserable Existenz beschieden sein wird. Hierzu erläutert Vischer:
„Am Kindergesicht finde ich dies das Rührende, dass es so lieblich arm bittend zu sagen scheint: ich kann ja gewiß nichts dafür, daß ich gemacht bin. – Eigentlich von Rechts wegen sollte man jeden vorher fragen, ob er existieren wolle. Dabei müßte man sein Lebensschicksal wissen, ihm voraussagen, und so dann fragen: willst du unter diesen Bedingungen zur Existenz gelangen? Müßte man nun dem Gefragten ein ganz unglückliches Leben in Aussicht stellen, würde der wohl ja sagen? – Hier hebt sich die ganze Vorstellung höchst belehrend von selbst auf. Ja, freilich würde er ja sagen! Denn unser Satz nimmt an, er lebe, ehe er lebt, sonst könnte man ihn ja nicht fragen. Dann hat er ja aber das Leben schon verschmeckt, schon sich angewöhnt, und diesem Reiz widerstehe der Teufel!“ (Vischer, Auch Einer, S. 260)
Die „Moral“ dieser Ausführung Vischers liegt offenkundig darin, gar nicht erst so zu handeln, dass ein neuer Mensch zu existieren beginnt, der sich fast immer als Jasager erweisen würde.
Deffand, Marquise du (1697–1780, erblindet im Jahr 1753)
Im Zeitalter der Aufklärung lebende französische Salonière und eifrige Verfasserin von Briefen, die in ihrem Schriftwechsel unter anderem mit Voltaire und HoraceWalpole einen universalen Antinatalismus und eine tiefempfundene Seinsunwilligkeit zum Ausdruck bringt, wie sie auch die jüngere Mme de
Sévigné äußerte. Ein Brief vom 4. Januar 1774 weist sie überdies – wie später Cioran – als eine der großen Schlaflosen der Literaturgeschichte aus: „Durch meine Schlaflosigkeit bin ich derart erschöpft, dass meine Seele todtraurig ist (so dass der Tod bald kommen wird, wenn sie nicht aufhört).“{45} Bereits 1753 erblindet, fasst du Deffand in ihrem Briefwechsel wiederholt den Gedanken, am besten wäre es gewesen, niemals geboren zu sein. Führen wir uns nachstehend du Deffands universalen Antinatalismus und ihren Niegewesenseinswunsch über die Zeitspanne etlicher Jahre vor Augen.
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