Adornos Grenze liegt darin, dass er zwar den negativ-metaphysischen Gedanken der Daseinsschuld formuliert, dass er es aber versäumt, die Daseinsschuld auf die jedesmaligen Primärverursacher je eigenen Daseins: die jeweiligen Eltern, zurückzuwerfen. Indem Adorno die Menschen im Blick hat, die künftig auch künftig in Vernichtungsmechanismen hineingeraten werden, hätte er von der zumal nach Auschwitz manifesten
Elternschuld nicht schweigen sollen. Als Nichtkritiker der Elternschuld verfällt Adorno der
Fortzeugungsschuld.
Daseinssklaven / Daseinstyrannei
In Anbetracht des von den Allermeisten abzuleistenden Pensums oder familiär vorbestimmter Pflichterfüllung drängt sich die Rede von Daseinssklaven auf.
Cazalis, Henri (1840–1909)
„Wie viele Seelen, die Härten des Daseins auf ein Nichts reduziert werden, kommen auf einige wenige Seelen, die wirklich empfinden und denken? Auf einige wenige Personen, die das Ideal der Menschheit repräsentieren, kommt in den feuchten Niederungen eine ganze Welt schmerzgepeinigter Sklaven, die sich grausamen Mächten unterworfen sehen…“{43}
Cazalis vergleicht uns mit „unglücklichen Sklaven des Irrtums, die dazu verurteilt wurden, zu leben, zu altern und zu sterben und denen es beschieden ist, bei der Querung dieses Schmerzenswaldes derart viele Elend und Angst zu erleiden!“{44}
Wildgans, Anton (1881–1932)
Der Dramatiker Anton Wildgans setzt uns als Daseinssklaven nachfolgebedachter Väter in Szene. Ohne dass es beim Namen genannt würde, wird das Geschenk des Lebens als Daseinstyrannei entlarvt:
„Vater (...) Besonders wir Alten sind einmal so, wir Väter! Wollen uns fortsetzen in Fleisch und Blut! In Seele und Geist! Haben gequadert ein Leben lang, daß unser Sinn nicht Unsinn werde! Wollen Bestand, Veredlung, Erben!
RABANSER. Sklaven!
VATER stark. Sogar das! Wenn es nicht anders geht! Sogar Sklaven! Alle Liebe ist Tyrannei! Aller Bestand ist Tyrannei!“ (Wildgans, Dies irae, fünfter Akt, S. 198)
Bestand ist genau dann Tyrannei, wenn wir an das zum Erhalt einer Entität Aufzubietende denken (
Gandhi). Und als kennte er die Technik des Klonens, formuliert Wildgans im Sinne des Mottos „Jeder Klon ein Hohn“:
„RABANSER. Wer sind Sie, daß Sie einen Abklatsch fordern dürften von Ihnen als Urbild?!“ (Wildgans, Dies irae, S. 201)
In Anlehnung an
Spittelers
Daseinstäter gebildetes Synonym für „Zeugungstat“. Reden wir von der moralischen Bedenklichkeit einer Zeugungstat, so wollen wir nicht etwa im Hinblick auf den sexuellen Charakter der Fortpflanzung moralisieren, sondern beziehen uns allein auf die Existenzbewirkung eines weiteren Menschen. Im Unterschied zur Kritik der Zeugungstat lässt die Rede von der Daseinstat den Eindruck eines Moralisierens gar nicht erst aufkommen.
„Daseinstäter“ ist ein von Carl Spitteler in seinem „Prometheus“ für den Welturheber geprägter Terminus, den wir zur Bezeichnung von Personen verwenden, die willkürlich den Existenzbeginn eines Menschen bewirken. Spitteler führt über seinen übermenschlichen Daseinstäter aus:
„Doch wehe mir, kein Zaubersaft, kein Segen heilt / Den Daseinstäter, den der Friede nie ereilt! / Eh dass des wilden Weltenwirbels Kreisel steht, / Eh dass der letzte Klagelaut im Raum verweht, / Eh dass der letzte Hass im Aug des letzten Bösen / Vergrinst, gibt’s keine Macht, kein Mittel, mich zu lösen.“ (Spittler, Prometheus, S. 134)
Welchen Gott der griechischen Mythologie Spitteler hier anspricht, bleibt unklar. Umso expliziter ist seine Darlegung einer verfehlten Schöpfung und die Selbstverurteilung des Verantwortlichen. Spittelers Zeilen sind eine Allegorie auf die objektive
Komplizenschaft aller sich Fortzeugenden mit künftigem Unheil.
Daseinstäter-Mörder-Relation (Gravitätsinversion)
Bei Flauberts Roman „November“ handelt es sich um einen Bericht, dessen fiktiver Verfasser eine reflektiert antinatalistische Position zur Daseinstäterschaft einnimmt: „Er war ernsthaft davon überzeugt, dass es weniger unrecht sei, einen Menschen zu töten, als ein Kind zu zeugen. Im ersten Fall nimmt man nur das Leben, nicht das ganze Leben, sondern bloß die Hälfte oder ein Viertel oder den hundertsten Teil dieses Daseins, das ja ohnehin zu Ende gehen musste und auch ohne unser Dazutun zu Ende ginge. Im zweiten Fall dagegen, pflegte er zu sagen, sind wir / da nicht verantwortlich für alle Tränen, die dieser Mensch von der Wiege bis zum Grabe vergießen wird? Ohne uns wäre er nicht geboren, und warum kommt er zur Welt? Nur um unserer Lust willen, ganz gewiss nicht um der seinigen. Um unseren Namen zu tragen, den Namen eines Dummkopfs. Genausogut könnte man ihn auf eine Mauer schreiben, wozu bedarf es eines Menschen, um die Last von drei oder vier Buchstaben zu tragen?“ (Flaubert, November, S. 105f)
Das von Flaubert vorgestellte antinatalistische Argument zielt darauf ab, dass ein Daseinstäter einen leiderfahrenden Menschen zuallererst beginnen lässt, die ein Mensch durchmachen muss, während ein Mörder ein immer auch leiderfülltes Dasein abkürzt. Geht man davon aus, dass durchgemachte Leiden nicht durch erlebte Freuden kompensiert werden (
Kompensationsinkompetenz des Glücks), wird man Flauberts Antinatalismus-Argument eine gewisse Triftigkeit nicht versagen. Flauberts Erörterung der Daseinstäter-Mörder-Relation lässt indes unbedacht, dass eine Gesellschaft, in der Morde als Mittel zur Leidensabkürzung gang und gäbe wären, von unerträglichen neuen Leiden und Ängsten heimgesucht würde: der Trauer der Hinterbliebenen und den Ängsten der Lebenden, dass es auch sie treffen könnte. Allein als Robinsonade gedacht, ist Flauberts Gravitätsinversion triftig: Lebe ich vom Rest der Welt vergessen und isoliert auf einer Insel und werde ich dort hinterrücks und mit augenblicklichem Todeseintritt erschossen, so lässt sich in der Tat sagen, dass hierdurch verhindert wurde, dass ich unweigerlich bevorstehende Leiden durchmachen musste.
Daseinsundank und Dankeszynismus
Auch wenn unser Leben voller Bedrängnis sein mag: Es gebe immer einen Grund für adresselosen Dank – Dank dafür, dass uns etwas gelingt, etwa aus der Not herauszufinden. In seinen Gedanken zur Dankbarkeit will Dieter Henrich durchaus „nicht vergessen, dass viele Menschen ihr Dasein als Last, dass manche es sogar als Fluch erfahren, von dem sich freizumachen sie nur nicht die Kraft finden – und dass Religionen, insonderheit die des Buddha, es ihre erste Wahrheitslehre sein lassen, das Dasein müsse als Leiden erkannt werden.“ (Dieter Henrich, Gedanken zur Dankbarkeit, S. 166) Demnach müsste der Buddhist von Daseinsundank erfüllt sein, bedauernd, dass man ihn gezeugt und geboren hat? Henrich stellt uns das Remedium des Hinayana-Buddhismus vor:
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