Creatio ex nihilo
„Unentstanden hätte ich an Daseinsentbehrung gelitten!“ Diesem in Neuzeit und Moderne wirksamen Mythologem und pronatalistischen Theorem zufolge führt eine Entscheidung zur Nichtzeugung dazu, dass einem „möglichen“, präkonzeptiven oder als Proto-Ich gedachten Menschen die Freuden des Daseins vorenthalten werden. Ein Respondent unseres
Fragebogens antwortete, unentstanden wäre er niemals in den Genuss gekommen, Beaudelaire zu lesen.
Das Konzept der Daseinsdeprivation konstituiert
Elterndank, weil Eltern als diejenigen vorgestellt werden, die die Daseinsdeprivation ihrer Kinder beendeten, indem sie sie auf dem Wege der Zeugung zur Welt kommen ließen.
Der Gedanke der Daseinsdeprivation kommt auch dort zum Tragen, wo es heißt, einer Person sei das Leben oder seien Jahre ihres Lebens geraubt worden. Pirscht sich jemand an mich heran und schießt mir eine Kugel durch den Kopf, so höre ich für immer auf zu existieren. Gleichwohl lässt sich nicht sagen, dass mir mein Leben oder die verbleibenden Lebensjahrzehnte geraubt wurden. Denn ich, dem etwas hätte geraubt werden können, hörte mit dem Pistolenschuss zu existieren auf. Indem man mich erschoss, nahm man also nicht mir das Leben, sondern man nahm mich aus der nun ohne mich fortbestehenden Welt. Ich, ein Lebewesen, wurde aus der Welt entfernt, nicht: mir wurde das Leben genommen. Symmetrisch verhält es sich mit dem Existenzbeginn. Als ich zu existieren begann, schenkte man nicht mir das Leben, sondern ich kam zur Welt hinzu, die zuvor ohne mich bestanden hatte.
Infinitesimale Ichhaftigkeit,
Präexistenz,
Proto-Ich,
Schatten der eigenen Existenz
Vom Deprivationsargument macht etwa Gebrauch, wer meint, ihm oder anderen wäre etwas entgangen, hätte er nicht zu existieren begonnen. Ein Philosoph, der die Deprivationsthese vertritt, ist R. N. Smart in seinem Beitrag „Negative Utilitarianism“: „... conscious existence is so remarkable in itself that it is wrong to deprive the unborn of the right to ‚drink in daylight’ (to use a colourful South Sea Pidgin expression). But the metaphysics of this feeling are odd.“ (Zit. nach Akerma 2000, 227) Die von Smart beanspruchte Metaphysik ist nicht bloß „seltsam“, sie ist unhaltbar, wenn sie eine Existenz vor der Existenz unterstellt.
Lehmann, Wilhelm (1882–1968)
Der Schriftsteller Wilhelm Lehmann bedient sich des Deprivationsarguments in seinem Gedicht „Ein Lachen“:
„Ein Lachen
[...] / Wäre ich besser nicht geboren? / Doch dann hätte ich verloren Blau, / das ein Augusttag blaut, / Weiche Luft wie Pfirsichhaut, / Von der Ahnung hingerissen / Zu den Göttern, den Gewissen: / Nicht gehört mit Telemach Athene sprechen / Möwe auf der Reling sitzend, / Wie den Übermut der Freier brechen, / Schwalbe durch die Halle flitzend.“ (Lehmann, GW Band 1, Sämtliche Gedichte, S. 325)
Daseinsdissoziierungs-Zynismus
Denkbar wäre eine Welt, in der wir krank geboren mit fortschreitendem Alter, und bis wir sterben, immer gesünder werden. Vermutlich würde bei einer solchen Existenz die Daseinsverhaftung mit zunehmendem Alter stärker werden. In unserer Welt ist es bekanntlich genau umgekehrt, nämlich so, wie es Justinus Kerner in einem Gedicht beschreibt:
„Gott schickt am End' uns Leiden / Gott schickt am End' uns Leiden, / Auf daß uns diese Welt, / Wenn wir nun von ihr scheiden, / Nicht mehr so mächtig hält.“ (Kerner, Die lyrischen Gedichte. Werke Bd. 1, S. 217)
Aus diesen Zeilen spricht der blanke Zynismus, mit dem man den Beginn unserer Existenz in einer Welt bewirkt und preist, deren Organismen im Alter von Krankheiten heimgesucht zu werden pflegen, die es uns ein wenig leichter machen sollen, den angeborenen Weiterlebenswillen fahren zu lassen.
Trotz zahlreicher westlicher buddhistischer Meditationszentren und einer erheblichen philosophischen Breitenwirkung wird die buddhistische Infragestellung des Daseinsdurstes kaum jemals als Antinatalismus wahrgenommen.
Daseinselastizität (Bescheidenheit) des Menschen, negative und Elendsbereitschaft
Gegen die antinatalistische Moraltheorie wird häufig vorgebracht: Allerorten finden Menschen sich mit der
Conditio in/humana ab und bekunden, es sei doch immer noch besser oder sogar gut, erbärmlich zu leben als gar nicht. Der ontologisch aufgeklärte Antinatalist wird sich durch diese Bekundung von
Daseinsaffinität nicht beeindrucken lassen. Wer sagt, es sei doch besser, erbärmlich zu leben, als gar nicht, bringt zum Ausdruck: Besser am erbärmlichen Leben festhalten, als sterben. Indes beansprucht der Antinatalismus etwas anderes, nämlich: „Besser niemals existiert haben, als erbärmlich“, was onto-ethisch transformiert heißt: Besser keine Menschen zeugen, von denen niemals auszuschließen ist, dass sie erbärmlich leben werden.
Zumindest teilweise erklärt sich die negative Daseinselastizität wohl daraus, dass die Einräumung besseren Niegewesenseins als Bedrohung für das aktuelle Leben empfunden wird und nicht als alternativer Weltzustand vorgestellt wird, in dem die eigene miserable Existenz nicht vorkommt. Wäre es aber für Personen immer noch gut genug, miserabel zu leben und ein Weltzustand mit ihnen besser als ein Weltzustand ohne Miserable: müsste man dann nicht für die Hervorbringung möglichst vieler auch miserabler Existenzen plädieren?
Mill, John Stuart (1806–1873)
Mills klassische Schrift über die utilitaristische Ethik dient zugleich unserer Einübung in Bescheidenheit. Gemäß klassischer utilitaristischer Ethik sollen wir stets so handeln, dass das Glück aller von unseren Handlungen Betroffenen möglichst gemehrt wird. Anders als zahlreiche seiner Gegner, verstand Mill unter Glück keineswegs Glückseligkeit, sondern gemeinsam mit den alten Philosophen etwas Basaleres: „Das Glück, das sie meinten, war nicht ein Leben überschwenglicher Verzückung, sondern einzelne Augenblicke des Überschwangs inmitten eines Daseins, das wenige und schnell vorübergehende Phasen der Unlust, viele und vielfältige Freuden enthält… und dessen Grundhaltung es ist, nicht mehr vom Leben zu erwarten, als es geben kann. (…) Allein die Erbärmlichkeit der gegenwärtigen Erziehung und die elenden gesellschaftlichen Verhältnisse verhindern, dass es für nahezu alle erreichbar wird.“ (Mill, Der Utilitarismus, S. 23)
Mehr als ein Jahrhundert später ist dem nichts hinzuzufügen als die Frage: Wenn es eine offenbar unverbesserliche Konstante menschlichen Daseins ist, bei ungeheuren Unkosten höchstens schale Zufriedenheit zu bieten, warum dann so handeln, dass neue Menschen zu existieren beginnen?
Читать дальше