Offenbar blieb Henrich verborgen, dass immer auch Großkatastrophen über unseren Existenzbeginn mitentscheidende Daseinsdeterminanten sind. Hätte er dies in Betracht gezogen, dürfte er seine pauschale Dankbarkeit für die uns ermöglichenden Umstände nicht in der vorliegenden Form ausgesprochen haben. Welcher Asiate – oder Europäer – kann von sich mit Sicherheit behaupten, er hätte zu existieren begonnen, wenn die Mongolenstürme niemals stattgefunden hätten, welcher dunkelhäutige US-Amerikaner lebte heute in den USA, hätte es die Jahrhunderte der Sklaverei seit dem Vordringen moslemischer Araber niemals gegeben?
Bin ich dankbar, dass die gesamte zurückliegende Geschichte so verlief, wie sie tatsächlich verlaufen ist, weil allein auf diese Weise die für meinen Existenzbeginn notwendigen Bedingungen zusammenkamen, so mache ich mich eines ungeheuren
Daseinsnarzissmus schuldig: Meine Entstehung ist es mir wert, dass Millionen leiden und sterben mussten.
Führen wir etwas weiter aus, was einleitend zu diesem Stichwort gesagt wurde: Wenn es nun mit Blick auf die negativen Ereignisse, ohne die man vermutlich nicht zu existieren begonnen hätte (
Daseinssünde), moralisch fragwürdig ist, für das eigene Dasein dankbar zu sein – kann man nicht zumindest den Eltern für die eigene Existenz danken? Bei näherer Betrachtung erhellt, wie dieser Form der Dankbarkeit der Boden entzogen wird. Bedenkt man, dass eine andere genetische Rekombination stattgefunden hätte und eine andere Person entstanden wäre, wenn die eigenen Eltern zu einem anderen Zeitpunkt gezeugt hätten, wird deutlich, wie sehr ein jeder von uns ein Produkt dessen ist, was man gemeinhin „Zufall“ nennt. Mit anderen Worten, unsere Eltern hatten uns nicht nur phänotypisch nicht vor Augen, als sie ein Kind wollten, wir waren auch mit unserer faktischen genetischen Ausstattung nicht in ihnen prästabiliert oder dauerhaft „präsent“. Über unser Sein oder Nichtsein wurde kurzfristig entschieden. Und zu alledem hätte nach erfolgter Zeugung jener Embryo, der später unser Bewusstsein ausbilden sollte, das wir essentiell sind, jederzeit unbemerkt in einem Spontanabort verloren gehen können. Niemand hätte unserem embryonalen Organismus eine Träne nachgeweint. Mit Thomas Nagel zu sprechen, besteht „absolutely no reason why I should have come into existence in the first place: if I hadn’t, the world would have been none the worse (…) We might go further and say there is no reason why human beings and their form of life should ever have existed: if they hadn’t, it would not have been necessary to invent them…“ (Nagel, The View from Nowhere, S. 213) [
Glück, geboren zu sein]
Wie eben dargelegt, wäre es geradezu unmoralisch, dankbar dafür zu sein, dass all die Umstände eintraten, ohne die wir niemals zu existieren begonnen hätten. Statt dankbar dafür zu sein, dass die Geschichte jenen uns ermöglichenden Lauf nahm, sollten wir bedauern, dass alles so gekommen ist, dass auch wir zu existieren begannen. Allein damit ist noch nicht jener existentialontologische Schauder aus der Welt geschafft, der manchen überkommen mag, wenn er in einem selbst- oder fremdinduzierten Rücklauf vor den eigenen Lebensbeginn sein Niegewesensein gedankenexperimentell durchspielt.
Die Abwehr des Niedagewesenseins und der Daseinsnarzissmus dürften sich aus drei Quellen speisen, die wohl nur idealtypisch klar differenzierbar sind:
1.
Zum einen scheint mehr oder minder unbewusst der Gedanke hineinzuspielen, hätte man nicht zu existieren begonnen, so wäre man dazu verurteilt geblieben dem Nichts nahe als halbseiendes Etwas dahinzuwesen, das niemals zum Vollsein erweckt worden wäre. Belege hierfür sind Anspielungen in der Literatur, die ausdrücken, ungezeugt wäre man in präexistentiellem Schlummer verblieben (
Proto-Ich,
Schlummer des Nichtseins).
2.
Zum anderen ist ein
retrojizierter Tod zu veranschlagen: Ist der Tod das Jenseits des Daseins, so wird auch das dem Dasein Vorgängige als todesähnlich vorgestellt und entsprechend bedrohlich empfunden. Demnach wäre ich für immer „tot geblieben“, hätte man mich nicht gezeugt.
3.
Drittens ist als Spielart des retrojizierten Todes zu veranschlagen: Befrage ich A, ob es nicht vielleicht gut gewesen wäre oder warum es schlecht gewesen sein sollte, wenn er (oder seine Kinder) niemals gelebt hätte, so wird er diese Infragestellung seines Lebens mit einiger Wahrscheinlichkeit, reflexhaft, als ein lebensbedrohliches Ansinnen aufnehmen, etwa als nachträgliche Androhung pränataler Vernichtung oder Infragestellung des Weiterlebens vom gegenwärtigen Zeitpunkt an. Der schieren „Zufälligkeit“ der eigenen Existenz (des Umstands, dass nur ganz bestimmte Ereignisverkettungen die Zeugung unseres Organismus und unseren Lebensbeginn notwendig machten) wird offenbar niemand gerne inne. Stattdessen sieht man ein gütiges Schicksal im Spiel, das „von weit her“ zum eigenen Dasein führen musste. Das präkonzeptive „Möglichgewesensein“ wird als eine Art Ich-Präexistenz gedeutet, die ein Niegeborenwordensein zerstört hätte.
Anders, Günther (1902–1992)
Kaum jemand hat die drohende Massenvernichtung und Massenverstümmelung von Menschen denkerisch so sehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken versucht, wie Günther
Anders. Er spricht von einer imminenten Katastrophe und meint, zu diesbezüglichen Aufklärungszwecken wäre ein Film mit dem Titel „The Holocaust of tomorrow“ fällig (Ketzereien, S. 15). Bei alledem scheint er keinen Gedanken daran vergeudet zu haben, zu nataler Enthaltsamkeit aufzurufen, damit möglichst vielen Menschen das von ihm für wahrscheinlich gehaltene – oder jedenfalls nicht ausgeschlossene – Schicksal erspart bleibt. Ganz im Gegenteil stoßen wir bei Anders wiederholt auf das Dankbarkeitsmotiv. Zunächst ist es nur das Staunen darüber, dass es ihn selbst gibt und nicht vielmehr nicht gibt (vgl. Ketzereien, S. 65f). Auf die Frage, ob er denn rückblickend „gerne dagewesen“ sei, antwortet Anders: sehr gerne!, und ergänzt, die Welt sei eine „höchst erstaunliche Einrichtung. – Und dass in dieser da zu sein, in diese, gewissermaßen ohne Eintrittskarte, eingelassen (
Daseinsaffinität) worden zu werden, eine höchst verblüffende, unvorhersehbare, unverdiente, unverdienbare Erfahrung war. Eine, die zu machen nur den Allerwenigsten vergönnt ist.“ Nun sagt der Interviewer, Anders fände also, es habe sich gelohnt. Darauf Anders: „’Welche Frage!’ schrie ich ihn an. ‚Warum halten Sie mich nicht nur für irrsinnig, sondern – was viel beleidigender ist – für undankbar’“? (Ketzereien, S. 318f) Anders ist dankbar „als einer, der durch das blutige und brandige Zeitalter, in das er hineingeboren worden ist, heil durchgekommen ist. Wenn das keine Vergünstigung ist! (...) Als einer, dem die Auschwitzs und die Gulags erspart geblieben sind.“ (A.a.O., S. 323f)
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