Wir stehen hier zum einen vor einer Invertierung des wohl jüdischem Witz entsprungenen Satzes, es sei kaum einem unter Hunderttausend beschieden, nicht geboren zu werden (
Humoristischer Antinatalismus). Ganz im Gegenteil haben laut Anders nur die Allerwenigsten das Glück, gezeugt zu werden und zur Welt zu kommen. Auch wenn sich seine Aussage liest, als würde er an Milliarden
Präexistenzen appellieren, die, zu ihrem eigenen Glück, zu zeugen seien, dürfte der scharfsinnige Günther Anders in ruhigeren Momenten gewusst haben, dass diese „Allerwenigsten“ kein ontisches Denotat haben (
Guf-Raum).
Nur den Allerwenigsten sei es vergönnt, in diese Welt einzutreten: Aus dieser Invertierung der jüdischen Spruchweisheit spricht eine geradewegs gnadenlose Auslieferungsbereitschaft Anders’ (
Damnator), der das Eintreten in die Welt und das Dasein in ihr als Gunst buchstabiert, die in seinem Fall auch noch mit dem Glück kombiniert war, nicht in ein Vernichtungslager zu geraten und vor der von ihm selbst beschworenen atomaren Hölle gelebt zu haben.
Worin der Impetus für diese Auslieferungsbereitschaft neuer Menschen an die menschengemachte Hölle besteht, offenbart Anders in seinen Ketzereien just dort, wo er berichtet, was er auf einer Silvesterfeier auf die Frage danach zum Besten gab, was für ein Bild ein jeder sich von der Hölle mache: „... das Nichtmehrsein der Menschheit, nein: des irdischen Lebens. Was ich als Schreckbild vor mir sehe, ist der kahl und blind um die schwarze, weil ungesehene, Sonne rotierende Globus, der nicht mehr ‚Erde’ heißen wird; der Zustand, in dem es niemanden mehr geben wird, der wüsste, dass es uns gegeben hat, und in dem unsere Millionen von Taten und Untaten, Werken, Schmerzen und Freuden nicht nur vergeblich, sondern nichtig gewesen sein werden.“ (A.a.O., S. 286) Man mag es kaum erwähnen, aber sehr ähnliche Worte hatte Hitler gefunden, als er in „Mein Kampf“ sein basales Motiv für die Vernichtung der Juden darlegte: Die Angst, unter ihrer Herrschaft würde der Planet dereinst menschenleer um die Sonne kreisen. Zur Abwendung seiner menschen- und leidleeren „Hölle“ hält Anders es für erforderlich, dass die Menschheit ihre Geschichte fortsetzt. Dies beinhaltet jedoch, dass Menschen auch in künftigen Jahrtausenden den Höllen von Vernichtungslager und den Auswirkungen von Massenvernichtungswaffen ausgesetzt sein werden, was ihn zum
Axiopathen und
Daseinsdiktator stempelt.
Nach eigenem Bekunden schrie Anders seinen Gesprächspartner an, als in ihm der Verdacht manifest wurde, dieser könne ihn für daseinsundankbar halten. Hinter diesem Zornesausbruch mag ein ausgeprägtes
Elterntabu stehen, Dankbarkeit gegen die eigenen Eltern, dass sie ihm das Leben schenkten und in der von Anders beschriebenen Weise erzogen:
„Denn ich stamme aus einem Elternhaus, das gewiss das liebevollste, vernünftigste, glücklichste und chancenreichste gewesen ist, in dem ein Kind hatte aufwachsen können.“ (Ketzereien, S. 324) Wenn aus ihm etwas geworden sei, resümiert Anders, so sei dies gewiss nicht sein Verdienst. „Und wenn aus ihm [G. Anders] nichts geworden wäre, so wäre das nicht nur unbegreiflich, sondern die schwärzeste Undankbarkeit gewesen.“ (Ebd.)
Die Aussage, dass Menschen in Ansehung der Conditio in/humana besser nicht gewesen wären, würde auch ihn selbst, Günther Anders, betreffen – und es wäre somit eine Aussage, mit der er sich seinen Eltern undankbar zeigen würde. Inwieweit es ein ausgeprägtes
Elterntabu ist, das Anders – in dieser Frage gänzlich unketzerisch –vor dem Antinatalismus zurückschrecken lässt, wiewohl er einer der bedeutendsten Unheilsprognostiker des 20. Jahrhunderts war, lässt sich nicht ausmachen. Dass ein solches Moment hereinspielt scheint wahrscheinlich.
Anders nennt es „schwärzeste Undankbarkeit“ gegen die Eltern, wenn aus ihm nichts geworden wäre. Einen verwandten Gedanken führt Diderot in „Rameaus Neffe“ aus. Er spricht von der „Qual des Gewissens, wenn wir die Gaben, die uns der Himmel schenkte, unbenutzt ruhen lassen. Es wäre fast ebensogut, nicht geboren zu sein.“ (Diderot, Rameaus Neffe, S. 243.)
Einen derartigen Gedanken wird man aus der Feder des daseinsdankbaren Anders vielleicht nicht erwarten, und doch notiert er: „Am Tage meines Abtretens wird die Welt um keine Spur anders sein, als sie wäre, wenn ich niemals einen Buchstaben geschrieben hätte.“ (Ketzereien, S. 155) Mit dieser oben von Thomas Nagel variierten Formel bekennt Anders nichts Geringeres als die Aussage: Aller empfundenen Daseinsdankbarkeit zum Trotz hätte er ebenso gut nicht existieren können.
Enzensberger, Hans Magnus (*1929)
Aus unerfindlichen Gründen dankt Enzensberger nicht nur für den Anfang, sondern auch für das Ende des Lebens. Warum? Hielt das Leben nicht, was es anfangs noch versprach, sodass das bevorstehende Ende begrüßt wird? Und weiß er überhaupt, wofür er dankt, wenn er sich für das bevorstehende Ende bedankt?
„Empfänger unbekannt – Retour à l'expéditeur
(…) / Vielen Dank für die vier Jahreszeiten, / für die Zahl e und für das Koffein, / (...) / .... sowie für den Schlaf, / für den
Schlaf ganz besonders, / und, damit ich es nicht vergesse, / für den Anfang und das Ende / und die paar Minuten dazwischen / inständigen Dank, / meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.“ (In: v. Schirnding (Hg.), Der ewige Brunnen des Trostes. S. 18. Fund: GK)
Daseinsdankbarkeit,
Hypnophilie,
Sterbenskatastrophe
Bei der Daseinsdemiurgie handelt es sich um eine kaum je explizit gemachte pronatalistische Denkform. Ihr zufolge wird jeder Mensch aus Vorhandenem gestaltet, statt eine
Creatio ex nihilo zu sein. Man richtet den Blick auf die gegebene Erbmasse der Eltern oder deren materielle Vorläufer oder auf vermeintlich freischwebende Möglichkeiten. Vor deren Hintergrund brauchte man nur noch geformt oder ins Dasein gerufen zu werden – aus welchem halbseienden Zustand auch immer heraus. Die Daseinsdemiurgie übersieht, dass wir essentiell Bewusstseine sind, von deren Präexistenz keine Rede sein kann und von deren Herkunft wir keinen Begriff haben.
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