Milton
Hierunter verstehen wir die von Schopenhauer prononcierte Einsicht, wonach die von Dante geschilderte Hölle das Diesseits ist. Gemäß Dante-Transformation werden alle Kinder zur Hölle gezeugt, eben weil die Hölle nichts Jenseitiges ist. Im Zuge der Dante-Transformation erwächst ein gewisser Anthropodizee-Bedarf: Ist das Diesseits die Hölle, so müssen Eltern sich rechtfertigen, wenn sie ihre Kinder hineinzeugen.
Autoren wie Octave
Mirbeau oder Franz Kafka – dessen „Strafkolonie“ Mirbeaus „Garten der Qualen“ zum Vorbild hat – verlegten die Hölle noch in Daseinswinkel, während Thomas
Bernhard im Zeichen des Schopenhauerschen Befundes das Ganze als Hölle ansieht.
Daseinsaffinität (Daseinsneigung)
Der Grad an Daseinsaffinität entspricht der Dringlichkeit, mit der eine Person, die sich mittels
Rücklauf vor die eigene Existenz nichtexistierend vorzustellen versuchte, sich aus diesem imaginierten Nichtsein heraus seinwollend oder notwendig denkt.
Daseinsantritt, Eintritt ins Dasein
Wir treten weniger ins Dasein ein oder unser Dasein an, als dass wir ins Dasein getreten werden.
Vorfindlichkeit
Den Gegenpol zum Daseinszynismus bezeichnet das Daseinsbedauern, eine hochabstrakte ethische Einstellung, welche sich in der Fähigkeit äußert, zugunsten eines anderen und weniger mörderischen Weltverlaufs symbolisch auf den eigenen Existenzbeginn Verzicht zu leisten.
Daseinszynismus
Imaginäre Institution, in der alle die Formulierbarkeit einer Anthropodizee verteidigenden Dichter und Denker reihum Dienst tun, um öffentlich die den Beschwerdeführern von deren Eltern zugemuteten Leiden zu rechtfertigen.
Bei rechtem Licht besehen (und dieses Licht ist nicht etwa das zu erblickende
Licht der Welt) können wir unseren Eltern nicht dafür dankbar sein, dass sie unseren Existenzbeginn bewirkten. Denn als sie „unseren“ Existenzbeginn bewirkten, hatten sie nicht „uns“ im Blick, existierten wir nicht. Unsere Eltern zeugten nicht uns als jemanden bestimmtes, sondern: einen beliebigen Menschen; sie wollten nicht uns, sondern: ein Kind. Statt
Elterndank käme somit allenfalls eine Daseinsdankbarkeit in Frage. Aus geäußerter Daseinsdankbarkeit zieht der Pronatalist Holtug (
Pronatalismus) den (Fehl-)Schluss, den betreffenden Personen sei durch ihren Daseinsbeginn genutzt worden. Nutznießer des eigenen Daseinsbeginns wären somit Matthias Claudius oder Ludwig Tieck, die wir kurz beispielhaft für den Topos der Daseinsdankbarkeit anführen, um uns dann eingehender mit Dieter Henrich und Günther Anders zu beschäftigen.
Matthias Claudius (1740–1815)
„Täglich zu singen / Ich danke Gott, und freue mich / Wie 's Kind zur Weihnachtsgabe, / Daß ich bin, bin! Und daß ich dich, / Schön menschlich Antlitz! Habe.“ (Claudius, Asmus omnia sua secum portans, S. 149)
Laut Dieter Henrich findet der Philosoph Spaemann in den ersten Versen dieses Liedes über den Dank für das eigene Dasein in Worte gekleidet, „was auch dem Philosophieren eine Orientierung geben könnte und sollte.“ (Henrich, Bewusstes Leben, S. 165)
„Ich verehre die Ehe; bist du, herrliche Julia, doch Mutter geworden, und Mutter vieler Kinder; muß ich dir doch dafür danken, da ich nur durch dich in dies freundliche Dasein gerufen wurde.“ (Tieck, Vittoria Accorombona. Werke in 4 Bd., Band 4, S. 557)
Henrichs Ausführungen zur Daseinsdankbarkeit sind in mancherlei Hinsicht bemerkenswert: „Dank fürs schiere Dasein scheint zwar ohne Sinn, und das schon allein deshalb, weil dieses Dasein auch als Last und Verhängnis erfahren werden kann. Wenn unser Leben aber auch nur einfach dahingeht, wenn also nichts uns denken lässt, es wäre besser gewesen, gar nicht geworden zu sein, kann schon ein Gedanke in uns Platz greifen, der mit den Gedanken, die in die Todesangst eingehen, in einem direkten Zusammenhang steht. [...] So können wir also den Gedanken denken, dass diese Welt ist, ohne dass wir je in sie gekommen sind. Dieser Gedanke unseres Nichtseins schlechthin kommt uns zwar nicht mit jenem Erschrecken, das der Todesangst ihre Schärfe gibt. Aber man kann ihn doch nicht fassen und sich mit ihm vertraut machen, ohne dabei durch ein Erschrecken von kühlerer Art zu gehen: Insofern es uns erschrickt, dass wir non ens schlechthin sein könnten, sind wir geneigt, in eben diesem Moment auch dankbar zu sein für alle die Umstände, die dafür standen, dass wir wirklich geworden sind.“ (Henrich, Gedanken zur Dankbarkeit, S. 169f)
Zunächst relativiert Henrich den Grund für existentielle Dankbarkeit. Er bekundet sein Wissen darum, dass das Dasein nicht für jeden erträglich ist. Als Mindestvoraussetzung für Daseinsdankbarkeit setzt er ein Leben, das „einfach dahingeht“. Bricht sich das Dasein an Ereignissen, die bei der jeweiligen Person einen Niegewesenseinswunsch aufkommen lassen, so habe man beim Betroffenen weniger mit Daseinsdankbarkeit zu rechnen.
Der Boden für die von Henrich analysierte Daseinsdankbarkeit ist ein Gedankenexperiment: nämlich ein mittels
Rücklauf vor unseren Lebensbeginn denkbares alternatives Weltgeschehen, in dessen Verlauf wir nicht zu existieren begonnen hätten. Denken wir an einen Weltlauf, der unser Ausbleiben in der Welt bedeutet hätte, so überfällt uns laut Henrich zwar kein der Todesangst vergleichbarer Schrecken, immerhin aber noch „ein Erschrecken kühlerer Art“. Genau dieses Erschrecken speist laut Henrich die Dankbarkeit dafür, dass es in der Welt nicht so gekommen ist, dass wir nicht zu existieren begannen. Deshalb ist für ihn Daseinsdankbarkeit eine Dankbarkeit „für alle die Umstände, die dafür standen, dass wir wirklich geworden sind.“
Aber welche Umstände sind es, die für unser Zurweltkommen unverzichtbar sind? Oder, symmetrisch gefragt: Was in der Welt hätte anders laufen können – und in welchem Maße anders – sodass wir dennoch entstanden wären? Vermutlich wären die meisten gegenwärtig lebenden Menschen auch dann zur Welt gekommen, wenn Ennius (gest. 169 v. Chr.) kein Kochbuch für Feinschmecker geschrieben hätte und Lucullus die Edelkirsche gegen 79 v. Chr. Nicht aus Kleinasien nach Rom gebracht hätte. Mit einiger Wahrscheinlichkeit aber wäre kein seit der Wende zum 21. Jahrhundert in Westeuropa Lebender gezeugt worden, wenn der Erste Weltkrieg oder Zweite Weltkrieg mit dem Judäozid nicht stattgefunden hätten. Mit dem Ausbleiben dieser geschichtlichen Zäsuren, wären zahllose Weichen anders gestellt worden, sodass kaum einer der gegenwärtig Existierenden zu existieren begonnen hätte. Für jeden Westeuropäer stellen diese Ereignisse Daseinsdeterminanten von elementarer existentieller Bedeutung dar. Sie gehören zu der von Henrich angesprochenen Reihe der „Umstände, die dafür standen, dass wir wirklich geworden sind.“ Unsere Einstellung zu ihnen sollte laut Henrich diejenige der Dankbarkeit sein.
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