Glaubender Atheist und säkular-antinatalistischer Buddho-Gnostiker, der zumal mit seinem Buch „Vom Nachteil, geboren zu sein“ antinatalistisch Wirksam wurde. Wobei Cioran gewusst haben wird, dass es für uns – solange wir nicht an die Präexistenz glauben – nicht von Vorteil gewesen wäre, nicht geboren worden zu sein.
Im Folgenden vergewissert sich Cioran dessen, dass wir nicht „zwangsläufig“ Übel erleiden und sterben müssen, sondern uns dies allein deswegen widerfährt, weil man unseren Existenzbeginn bewirkte: „Es widerstrebt uns, soviel ist gewiß, die Geburt als Geißel zu betrachten: hat man uns nicht eingebläut, sie sei das höchste Gut, das Ärgste sei am Ausgang unserer Laufbahn zu finden und nicht an ihrem Beginn? Das Übel, das wahre Übel ist jedoch hinter uns, nicht vor uns. Das ist Christus entgangen, das hat Buddha gewußt: ‚Wenn drei Dinge nicht in der Welt existierten, oh ihr Getreuen, so würde der Vollendete nicht in der Welt erscheinen ...’ Und noch vor dem Alter, vor dem Tod sieht er das Geborenwerden als Quelle aller Gebresten und aller Katastrophen.“ (Cioran, Vom Nachteil, geboren zu sein, S. 5f)
Bevorzugter Gegner Ciorans ist der als böse entlarvte judäo-christliche Schöpfergott (
Akkusationszurückhaltung), den er in gnostischer Manier attackiert und als dessen Komplizen ihm die sich fortzeugenden Mitmenschen gelten: „Die kriminelle Aufforderung der Genesis: ‚Wachset und mehret euch’, konnte nicht aus dem Munde des guten Gottes gekommen sein. Seid selten, hätte er vermutlich empfohlen, wenn er mitzureden gehabt hätte. (...) Mit gutem Grund verurteilen die Sekten, denen die Fruchtbarkeit verdächtig war – die Bogomilen und die Katharer – die Ehe... Zeugen, das heißt: die Geißel lieben, instandhalten, verschärfen. (...) Die Lust ist wesentlich Betrug und erlaubt uns, zu leisten, was wir theoretisch ablehnen, verdammen. Ohne ihre Hilfe würde die Enthaltsamkeit Terrain gewinnen und selbst die Ratten verführen. (...) Wenn man weiß, was das Schicksal jedem zuweist, steht man verblüfft vor dem Missverhältnis zwischen einem Augenblick der Unachtsamkeit und der ungeheuren Summe von Ungemach, die daraus entsteht.“ (Die verfehlte Schöpfung, S. 14f)
Die Schreibweise Conditio in/humana steht dafür, dass die Bedingungen des Menschseins immer auch un-menschlich sind, dass es kein Menschsein ohne Unmenschlichkeit gibt und die fortgesetzte Anwesenheit von Menschen auf der Erde nicht ohne Unmenschlichkeit vorstellbar ist. Der Ausdruck Conditio in-/humana soll ausdrücken, dass die Widrigkeiten des Daseins strukturell sind und nicht etwa nur bei dieser oder jener Person auftretend oder an ein bestimmtes politisches System gebunden. Zur Conditio in-/humana gehört, dass Menschen zwar von Natur aus Kulturwesen sind, dass sie aber gleichwohl natürliche Wesen mit einem schmerzempfindlichen und sterblichen Körper bleiben, der der Aggressivität und im schlimmsten Falle der Folter durch andere ausgesetzt ist. Regelmäßig der Aggressivität anderer ausgesetzt zu sein, ist nicht nur eine Zufälligkeit oder an geschichtliche Epochen gebunden, sondern – wie
Cabrera zurecht hervorhebt –, ein Moment unseres In-der-Welt-Seins. Dies gilt auch für Krankheiten: „La enfermedad y su consecuente amenaza de dolor físico intenso, es una estructura vinculada con la condicíon humana, y no algo que les suceda a ciertas personas y no a otras.“ (Cabrera, S. 47)
Eine differenzierte Kategorisierung der Conditio in/humana bietet Müller-Lyer in seiner „Soziologie der Leiden“ (
Leiden
Soziologie der Leiden).
Kritik der Conditio in/humana als Kreatürlichkeitskritik
Wie Platen herausstellt, gründet die Conditio in/humana nicht erst in ungünstigen Lebensbedingungen, in die ein Mensch geraten mag, sondern bereits darin – für Platen allerdings noch gottgeschaffene –, Kreatur zu sein. Somit ist die Conditio in/humana strukturell bedingt, worauf später insbesondere der argentinische Antinatalist
Cabrera hinwies:
„[…] Was wünscht ihr schmerzbewegt euch bald im Erdenschoß,
Und über Wolken bald und im Azur zu sein?
Was forscht ihr früh und spat dem Quell des Übels nach,
Das doch kein andres ist, als Kreatur zu sein?
Sich selbst zu schaun, erschuf der Schöpfer einst das All,
Das ist der Schmerz des Alls, ein Spiegel nur zu sein!“ (Platen, Werke Bd. 1: Lyrik, S. 223)
Säkularisiert man die hier von Platen vorgetragene Kreatürlichkeitskritik, so resultiert eine Elternkritik.
Zeitmodi der Conditio in/humana
Mit Bezug auf die drei Zeitmodi kann die Conditio in/humana{42} folgendermaßen analysiert und beurteilt werden:
1. Vergangenheit:
CONDITIO PATHO-HISTORICA: Jeder Mensch hat eine moralisch inakzeptable Vorgeschichte aus Konflikten, Kriegen, Seuchen und Nöten als ebenso unabdingbare wie belastende Weichenstellungen für den Beginn seiner Existenz zur Voraussetzung.
Historische Vorbelastung,
Konkatenation,
Neganthropie-Profiteure
2. Gegenwart
CONDITIO PRAESENTO-PATHOGENICA: Diese erlebt jeder Mensch als die ihm und seinen Zeitgenossen widerfahrenden Daseinsübel und unser aller Sterblichkeit (
Thanatalität). Bei nativistischen Entscheidungen über die Verantwortbarkeit eigener Nachkommen sind diese Erfahrungen als künftige Zumutungen für Kinder ebenso zu berücksichtigen wie die Conditio patho-historica.
3. Zukunft
CONDITIO FUTURO-PATHOGENICA: Mit Bezug auf die Entscheidung über eigene Nachkommen bedeutet die Conditio futuro-pathogenica: Meine gegenwärtigen Leiderfahrungen sind die Nöte meiner Kinder morgen. Eine nüchtern vorgenommene
Zeugungsfolgenabschätzung dürfte stets zu dem Schluss gelangen, dass die Generation der Kinder nicht mit weniger Daseinsnöten zu kämpfen haben wird als die Elterngeneration. Wer in Frage stellt, dass heute lebende Personen ihren morgen lebenden Kindern den aktuellen Daseinsnöten vergleichbare Probleme zumuten, kann dies allein unter Berufung auf eine bevorstehende historische Zäsur hin zum Besseren tun, wie sie den Sozialrevolutionären der Vergangenheit vorschwebte. Wobei es derzeit weder so etwas wie eine akzeptierte Menschheitsutopie, gibt geschweige denn eine anerkannte Weltplanungsinstanz für unsere Zukunft. Gleichzeitig ist unser soziales und politisches Kollektivschicksal noch weniger vorhersehbar und gestaltbar als ein Einzelschicksal, also auch noch weniger als zugemutetes verantwortbar: Es sei diesbezüglich nur an typische Leidensgroßereignisse wie Kriege, Massen-/Völkermorde, Seuchen, und immer mögliche Naturkatastrophen sowie die Erschöpfung lebensdienlicher Rohstoffe erinnert. Bei alledem ist jegliches sich in einem neuen Kind manifestierende Zukunftsvertrauen nur ein weiteres Wagnis im bisher wenig menschlich verlaufenen Gattungsexperiment.
Читать дальше