Büchner, Georg (1813–1837)
Ontofugaler Daseinsverwerfer mit anthropofugaler Perspektive.
Daseinsunglück,
Geschichte als Beschämung,
Destruktivkraftentwicklung
Langeweile,
Minimalisten,
Nativitätsnaivität,
Nihilismus und Antinatalismus
Existenzablehnende Lehre mit antinatalistischem Einschlag. Buddhistische Mönche pflanzen sich nicht fort. Vermutlich ist die antinatalistische Tendenz des Buddhismus stärker als diejenige des Hinduismus: Während letzterer eine den Tod überdauernde, auf die Wiedergeburt zusteuernde Seele kennt, gilt die Seele im Buddhismus nicht als sich erhaltende Substanz. Wo es aber kein sich erhaltendes Selbst gibt, kann es im Grunde auch keinen Bedarf nach höherer Wiedergeburt geben und somit keinen Auftrag, neue Menschen zu zeugen.
Auf die Frage, wer oder was es ist, das – durch das in vergangenen Leben angesammelte Karma beeinflusst – wiedergeboren wird, weiß der Buddhismus keine Antwort. Ist „niemand“ da, der wiedergeboren muss, so kann niemandem geschadet werden, wenn keine weiteren Menschen gezeugt werden.
Busch, Wilhelm (1832–1908) – Verklingen der Menschheit
Mit Schopenhauer und Darwin als seinen Gewährsmännern gelangt Busch in einem Brief zu einem wohl nicht ganz im Unernst ausgeführten Fortschrittsschema, das mit dem Affen beginnt und mit dem Verebben der Menschheit enden könnte. Saß der Affe auf Stufe -1, so befindet sich der Jetztmensch auf Stufe 0. „Der Fortschritt von -1 bis 0 ist ersichtlich: die Erkenntnis, dass diese Welt ein Irrtum, dämmert auf.“ (In einem Brief an Hermann Levi vom 10.12.1880, in: Über Arthur Schopenhauer, hrsg. V. Gerd Haffmans, S. 197) Von hier aus extrapoliert Busch sogleich auf Stufe 10000000: „Viel Kopf, wenig Leib. … Nahrung: Gemüse. Vermehrung: wie bisher. Der dicke Kopf kann den dünnen Leib noch immer nicht zur Raison bringen.“ Plus Zehnmilliarden endlich ist der – Schopenhauersche – Wille entscheidend geschwächt: „Kaum etwas Wille, Vermehrung: keine. … Das Bischen Wille verneint sich leicht, und Alles verklingt, wie wir Musiker zu sagen pflegen, in einem versöhnlichen / Akkord.“ (197f) Ganz im Sinne E. v. Hartmanns weiß Busch allerdings, dass ein einziger Gegenwille ausreicht – und wirke dieser auf einem anderen Planeten –, um die Implosion der Welt als Wille und Vorstellung zunichte zu machen: „Wehe, wehe! Wer jemals das Auge der energischen Bestialität hat blitzen sehen, den beschleicht eine grauenvolle Ahnung, dass ein einziger sonderbarer Halunke auf dem Uranus die Erlösung aufhalten, dass ein einziger Teufel stärker sein könnte, als ein ganzer Himmel voll Heiliger.“ (S. 198) Um dieses Szenario zu vermeiden, sprach sich E. v. Hartmann allen Ernstes für eine interplanetare und interstellare Abstimmung aller Willenswesen des Universums aus, wobei er auf große Fortschritte der Kommunikationstechnologie zählte, aber leider die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit außer Betracht ließ.
Byron, George Gordon Lord (1788–1824)
Mit seinem Gedicht „Euthanasie“ fordert uns Byron zum
Saldo natale auf und gibt das Niegewesensein für das Bessere aus:
„»Ach sterben nur und gehn dahin,« / Wohin ja Alle einmal schreiten! / Nichts sein, wie ich gewesen bin, / Eh' ich zum Leben kam und Leiden!
Die Freuden zähl', die du erlebt, / Die Tage frei von Gram und Zähre, / Und fühle, was du auch erstrebt, / Daß Nichtsein doch noch besser wäre.“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-6666/4)
In seiner epischen Satire „Don Juan“ berichtet Byron – vielleicht mit einem Seitenblick auf
Malthus – von einem Zeitgeist, in dem die Weisen von der Fortpflanzung abraten, so lange das leibliche Wohl der Nachkommen nicht gesichert ist:
„Die ganze Welt steckt tief im Meditiren, / Dampfschiff' und Freiheit liegen ihr am Herzen; / Die Weisheit schimpft auf alles Procreiren, / Wofern der Mensch kein Geld hat für das Futter / Der jungen Brut, die sich entwöhnt von Mutter.“ (Werke, 6 Bände in dreien, Bd. 6, S. 151)
C
Julio Cabrera ist ein argentinischer Philosoph der als Kritiker affirmativer Ethik eine Negative Ethik vertritt. Unter Negativer Ethik versteht er eine „Ethik ersten Grades“, die die ungeprüften Voraussetzungen herkömmlicher affirmativer Ethik in Frage stellt. Zur affirmativen Ethik rechnet Cabrera insbesondere die ungeprüfte Voraussetzung oder Intuition, dass Sein besser ist als Nichtsein. Die affirmative Ethik nennt das Sein gegenüber dem Nichtsein ein Privileg und übersieht in ihrer Nichtsvergessenheit, dass sie ihrer Seinsversessenheit nur um den Preis der Anwesenheit des Übels in der Welt frönen kann. Wie Cabrera zu zeigen versucht, ist dieses Übel nicht etwas, das überwunden werden könnte, sondern es ist strukturell angelegt, Teil der
Conditio in/humana.{35} Dazu gehört insbesondere, dass wir als empfindende Organismen jederzeit Gefahr laufen, unerträgliche Schmerzen leiden zu müssen, wobei wir in derartigen Situationen unserer moralischen Verfassung verlustig gehen.
Cabreras Antinatalismus tritt beispielhaft an einer Kritik Camus‘ hervor. Die – niemals beantwortete – Frage nach dem Wert des Lebens, so Cabrera, ist nicht auf das Problem des Selbstmords zu reduzieren, wie es Camus tue. Der Selbstmord beziehe sich auf existierende Menschen und präsentiere damit nur die Hälfte des Problems. Lässt sich kein Wert des Lebens ermitteln, so seien wir ethisch nicht bloß – wie Camus ausführt – zum Suizid gehalten, sondern auch dazu, keine weiteren Menschen hervorzubringen (vgl. Cabrera, Crítica…S. 41).
Cabreras Hauptwerk ist seine Crítica de la moral afirmativa.
Conditio in/humana,
Nächstentoderfahrungen,
Unethik der Ethik,
Verantwortung, nativistische
Camus, Albert (1913–1960)
Camus beschrieb den Suizid als philosophisches Hauptproblem und ließ dabei außer Betracht, dass dem „Frei“-Tod der unfreie Existenzbeginn eines jeden Menschen als Basalproblem zugrunde liegt. Die Bedingung der Nötigung zur Selbsttötung ist der fremdverursachte Existenzbeginn (
Elternvergessenheit). Camus behandelt die beiden Existenzpole „Sisyphus‘-Glück“ und „Selbsttötung“, ohne nach der Verantwortung der Existenzinitiatoren zu fragen. Er bleibt blind für den Antinatalismus und macht sich somit zum theoretisierenden Komplizen der immer neuen Ermöglichung des Menschenleidens. Camus behauptet, es gebe keinen Ausweg aus der absurden Conditio humana, während der Antinatalismus diesen Ausweg weist. Schaut man genauer hin, zeigt sich, dass Camus den Vorhof des Antinatalismus in der Tat betreten hat. In seinem Theaterstück „Caligula“ lässt er Milonia Caesaria (die vierte Frau des Caligula) sagen: „Wenn man so alt ist wie ich, weiß man, dass das Leben nicht gut ist. Wenn aber das Übel auf der Erde ist, warum sollte man ihm dann etwas hinzufügen?“{36} In seinem Stück „L’état de siège“ spielt Camus mit einer Allegorie des ontofugalen Gedankens, die Weltbestie im Ganzen würde besser nicht existieren: „Tod der Welt! Ach, wenn ich sie doch als Ganzes vor mir haben könnte, wie einen Stier, dem die Beine schlottern, mit seinen hasssprühenden Augen, seiner rosigen Schnauze und seinen widerwärtigen Hörnern! O welcher Augenblick. Diese alte Hand würde nicht zögern und ihm mit einem Hieb das Rückenmark durchtrennen, woraufhin die niedergestreckte Bestie bis ans Ende der Zeiten durch den unendlichen Weltraum fiele.“{37}
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