Niemand möchte hier sein und niemand möchte aufhören zu sein. Bionomischer Dialog (McCarthy, *1933)
In seinem Roman „The Road“ beleuchtet McCarthy den bionomischen Grundsatz auf eine an Beckett erinnernde Art dialogisch: Man möchte vielleicht nicht existieren. In diesem Fall aber möchte man das Sterben bereits hinter sich haben, nicht vor sich. Das Dilemma besteht hier darin, dass man einerseits nicht (fort)existieren möchte, zugleich aber Angst vor dem Ende hat:
“Do you wish you would die?
No. But I might wish I had died. When you’re alive you’ve always got that ahead of you.
Or you might wish you’d never been born.
Well. Beggars cant be choosers.
You think that would be asking too much.
What’s done is done. Anyway, it’s foolish to ask for luxuries in times like these.
I guess so.
Nobody wants to be here and nobody wants to leave.” (Cormac McCarthy, The Road, S. 169)
Es scheint ein nativistisches Patt vorzuliegen, das Antinatalisten wie Pronatalisten gleichermaßen bedient: Jemand der nicht existieren möchte, fürchtet sich doch vor dem sei es suizidalen sei es krankheitsbedingten Ende seiner Existenz. Aber das nativistische Patt löst sich in dem Maße auf, in dem der Existenzbeginn der bionom daseinsverhafteten Person eine freie Entscheidung von – antinatalistischen aufgeklärten – Eltern war, die nicht davor zurückschreckten ein eigenes Kind in existentielle Grenzsituationen zu stellen.
Walsers Auflösung des bionomischen Satzes
Dass aus unseren gern vom Pronatalismus geltend gemachten Fortlebenswünschen niemals nur die Vernunft spricht, sondern immer auch die biopsychische Schicht unseres Daseins, hat Martin Walser schön in Worte gekleidet:
„Man kann sich umbringen wie ein Diener einen unerträglichen Herrn.“ (Martin Walser, Meßmers Gedanken, S. 75) Wer ist hier wessen Diener? Offenbar ist in diesem Bild der Geist unfreiwilliger Diener des Organismus und der vorrationalen Psyche, deren Ansprüchen nur durch eine Revolte, einen Tyrannenmord zu entkommen ist. Das interessante Bild unterstellt den Organismus und die Psyche als heimliche Herren eines nur scheinsouveränen Geistes und evoziert Folgesätze wie: Ich existiere nur noch im Schlepptau meines Körpers und bin – in Anlehnung an Freud – nicht Herr im eigenen Haus.
In seinem Werk Die Anatomie der Destruktivität schreibt Erich Fromm: „Gut ist alles, was dem Leben dient; böse ist alles, was dem Tode dient.“ (The anatomy of human destructiveness, S. 485) Das Paradox des biophilen Grundsatzes besteht nun darin, dass zumal die Vermehrung von Lebewesen dem „Tode“ dient, da sie ihm und Krankheit wie Siechtum immer neue Opfer in die Hände spielt.
Mit seinem Buch „Fluch der Geburt. Thesen einer Überlebensethik“ trat der Tierrechtler, Denker und Aphoristiker Gunter Bleibohm als Verfechter eines Besserniegeborenseins (
Mä phynai) hervor. Zwar lässt der Untertitel „Thesen einer Überlebensethik“ vermuten, dass Bleibohm als Natalitätskritiker gleichwohl am Seinsollen empfindender Wesen festhält und denatalistisch argumentiert. Aufs Ganze gesehen vertritt er jedoch einen universalen Antinatalismus. Er betont, „dass jedes Elternpaar, das neues Leben in die Welt setzt oder setzen will, den Tod und den Leidensweg von mehreren Tausend tierischen Wesen, die dem Menschen in Leidensfähigkeit vergleichbar sind, billigend in Kauf nimmt (…). Das Vernichtungspotential jeder neuen Existenz ist immens, auch wenn die glücklichen Eltern es ausblenden“ (Fluch der Geburt, S. 60 und 62)
Geschenk des Lebens,
Komplizenschaft,
Zoodizee
Blinder generativer Fleck
Der Sehnervenkopf unserer Augen ist für Lichtreize nicht empfänglich. Dies ist der blinde Fleck des Auges. Unser Gehirn muss den blinden Fleck konstruktiv überbrücken, damit wir auch dort „sehen“, wo wir physiologisch betrachtet gar nichts sehen können. In der Sozialpsychologie bezeichnet der blinde Fleck Ichanteile, die von der betreffenden Person nicht wahrgenommen werden. Sie werden durch Abwehrmechanismen gebildet.
Im Rahmen des Antinatalismus bezeichnet „blinder Fleck“ die Summe jener Abwehrmechanismen, die uns nicht sehen lassen, dass wir durch unser generatives Verhalten die von uns – durchaus kritisierten und abgelehnten – Leiden in der Welt zuallererst ermöglichen: Der blinde generative Fleck residiert im Übergewicht positiver Vorzeichen, mit denen die bioaxionome Urschicht das perinatale Umfeld belegt.
Selbst ein Krypto-Antinatalist wie Terry Eagleton (*1943) belegt den blinden generativen Flecken, wenn er schreibt: „Solange es beispielsweise Liebe und Tod gibt, wird die Tragödie der Trauer um geliebte Menschen, die von uns gegangen sind, fortdauern. (…) Zwar liegt es nicht in unserer Macht, Tod und Leid abzuschaffen, doch gilt das keineswegs für soziale Ungerechtigkeit.“ (Eagleton, Das Böse, S. 52 und 53) An dieser Stelle hat der Autor vorübergehend „vergessen“, dass wir uns nicht von Natur aus fortpflanzen und jede sich nicht fortpflanzende Person Trauer, Tod und Leid abgestellt hat, insofern kein Nachkomme da ist, der sie durchmachen muss.
Auch dort, wo Eagleton von der menschlichen Freiheit handelt, ist der blinde generative Fleck wirksam. Für ihn ist die Freiheit „eine Bedingung, die wir nicht gewählt haben – und für die niemand verantwortlich ist.“ (Das Böse, S. 47) Selbstverständlich sind nativistisch aufgeklärte Eltern verantwortlich.
Nächstentod-Erfahrungen
Blumenberg, Hans (1920–1996)
Prima facie gehört Blumenberg zu den
Damnatoren, denen daran gelegen ist, dass Menschen die Erde möglichst lange oder möglichst zahlreich bewohnen: „Man muss Verständnis dafür haben, dass niemand tot sein möchte, wenn es sich vermeiden lässt. Ich habe auch Verständnis dafür, dass niemand eine Welt ohne Menschen haben möchte, auch wenn sich dieser Wunsch ungefähr so anhört, als wolle er keine ohne Schmetterlinge. Dabei ist eine Welt ohne Menschen viel unwahrscheinlicher als eine Welt ohne Schmetterlinge.“ (Rette, was wer kann!, Ein mögliches Selbstverständnis, S. 31) Mit diesen Worten scheint Blumenberg einer Perpetuierung der Menschheit zuzustimmen.
Aufmerksamen Lesern bleibt indes nicht verborgen, dass Blumberg weniger zu den Daseinsbejahern gehört, als vielmehr ein Arbeiter in jenem „philosophischen Untergrund“ (Genesis der kopernikanischen Welt, Bd. 1, S. 17) ist, den er bei Anaxagoras einsetzen und in Kant kulminieren lässt. Anaxagoras, so Blumenberg, habe „die nackte Frage herauspräpariert, was das Faktum des Lebens – als solches einmal hingenommen und ohne die gedankliche Konstruktion einer möglichen Wahl zuvor – rechtfertigen könnte.“ (Ebd.)
Damit wäre Anaxagoras der Ahnvater aller
Anthropodizee. Die Frage nach Rechtfertigungsgründen für die Hervorbringung neuer Menschen in einer ihnen selten günstigen Welt lässt Blumenberg in Kant kulminieren, da Kant (
Natalschuldumkehr) aus der Unmöglichkeit, vorab die Zustimmung der zu Zeugenden einzuholen, die Forderung ableitet, sie so zu erziehen und ihnen das Leben bis zur Mündigkeit so angenehm zu machen, dass sie ihrer Existenz nachträglich zustimmen können. Aus Blumenbergs Höhlenausgängen schimmert sein Standpunkt, dass die Elternpflicht so ungeheuer groß ist, dass es keinem Erzeuger gelingen kann, sie zu erfüllen (
Elternpflicht). Hier führt das Denken im philosophischen Untergrund in den Antinatalismus. Seine Arbeit im philosophischen Untergrund fortsetzend, erörtert Blumenberg in Die Vollzähligkeit der Sterne die
Vertragsillusion jeglicher Zeugung.
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