Selbsterhaltung und Fortpflanzung(strieb) sind die bionomen Vorgaben, auf denen der bei nüchterner Betrachtung durchaus nicht selbstverständliche Höchstwert des Gattungserhalts ruht. Wir sprechen diesbezüglich von einer bioaxionomen Urschicht. Wie es scheint, speist diese biologische Urschicht selbst noch die Ergebnisse philosophischer Reflexion und zumal die vorgefundenen Intuitionen, die zahlreiche Philosophen zum Ausgangspunkt ihres Nachdenkens nehmen (statt nach der Berechtigung der jeweilig angetroffenen Intuitionen zu fragen).
Die menschliche Gattung ist kein Individuum, sondern ein Aggregat aus Individuen. Eine aussterbende Menschheit empfände daher keine Todesangst. Die Idee einer todesangstartigen „Suizidbremse“, die sie vor dem Aussterben bewahren würde – entschlössen die Menschen sich zur Nachkommenlosigkeit – ist auf die Art nicht anwendbar. In den „Dienst“ des Fortbestehens der Gattung tritt vielmehr die Wertsphäre, die ebenso daseinspositiv gefärbt ist, wie sie von den Radikalen der bionomen Urschicht getränkt ist.
Alle Werte haben zuvörderst dem Leitwert des individuellen wie kollektiven Über-/Lebens zu dienen, so wie es die Instinkte beim Tier leisten.
Krimineller Antinatalismus
Biologische Katastrophe, biologische Tragik
Jede ganz normale und günstig verlaufende Geburt ist „eine ‚biologische Katastrophe’, die den Organismus erschüttert.“ „Die biologische Tragik des Mannes ist minimal im Vergleich mit der biologischen Tragik der Frau.“ (Nemilow, S. 53 und 55)
Dem menschheitserhaltenden biologischen Radikal schlechthin begegnen wir in Hannelore Valencaks Roman „Die Höhlen Noahs“. Nach einer vernichtenden Katastrophe ist der alte Anführer einer Gruppe zum Antinatalisten geworden und sieht mit Sorge, wie „die Natur“ unter den Jüngeren ihren auf Erneuerung drängenden Lauf nimmt:
„Der Alte schloss die Augen vor der Sonne, die ihm auf einmal zuviel wurde. Was konnte er tun? Ließ sich diese innigste und natürlichste Bindung zwischen Mann und Frau im Keim ersticken? Er hatte sein Äußerstes getan. Die Kinder hatten wie Bruder und Schwester miteinander gelebt und waren in einer seligen Unschuld des Leibes groß geworden. Er hatte sich lange mit der Hoffnung beruhigt, sie würden nicht zur Liebe erwachen, wenn niemand sie ihnen vorlebte. Waren nicht Menschen in allem darauf angewiesen, dass man es sie lehrte: im Laufen, im Sprechen und in den Möglichkeiten, sich Nahrung zu verschaffen? Gab es in diesen wurzellosen Geschöpfen noch Triebe, stark genug, um von selber durchzuschlagen?“ (Valencak, Die Höhlen Noahs, S. 82)
Eine Antwort auf diese von Valencaks aufgeworfene Frage bietet Hans Jonas in seinem „Prinzip Verantwortung“, wo er eine
Schulddissipation anstrebt: „Ein Element unpersönlicher Schuld wohnt der Seinsverursachung (der radikalsten aller Kausalitäten eines Subjekts) bei und durchdringt alle persönliche Verantwortung gegenüber ihrem vorher nicht befragten Objekt. Mitschuldig sind alle, denn die Tat der Erzeuger war generisch und nicht von ihnen erdacht (vielleicht nicht einmal gewußt), und die Anklage der Kinder und Enkel wegen versäumter Verantwortung – die umfassendste und praktisch vergeblichste alle Anklagen – kann jeden jetzt Lebenden treffen. Ebenso auch der Dank.“ (S. 241 f)
Es scheint, als würde Jonas – da er die Fortzeugung als einen generischen Akt darstellt, in dem die biologische Art sich gleichsam durch das Individuum hindurch erhält – eine entschuldigendes Indienstgenommensein des Einzelnen (Anthropodizee) durch biologische Radikale versuchen. Bei biologischen Radikalen handelt es sich um erblich-angeborene Bereitschaften zum Agieren, Reagieren und Empfinden. Biologische Radikale können mittels Erziehung gefördert oder zurückgedrängt, nicht aber völlig getilgt werden. Es ist einigermaßen verblüffend und das Konzept der Menschenwürde unterminierend, wenn Jonas, der Philosoph der Verantwortung, das Prinzip Verantwortung unterminiert, um an diesem Prinzip festhalten zu können: Er weiß, dass es verantwortungslos ist, Kinder in eine Welt mit Leidübergewicht und eine ungewisse Zukunft hineinzustellen. Um die Fortzeugung gleichwohl nicht verantwortungslos nennen zu müssen, redet er von „unpersönlicher Schuld“ (des von biologischen Radikalen erfassten) des sich fortpflanzenden Individuums. Wo aber bleibt hier der freie Wille zum Neinsagenkönnen, ohne den alle Ethik doch bodenlos wird?
Ganz andere Ziele als der die Verantwortungslosigkeit absolutierende Jonas setzt hier Rudolf Bilz, der den Begriff des biologischen Radikals prägte: „Es sollte für den Menschen wichtig sein, diese teilweise recht undurchsichtigen Zusammenhänge klar zu erfassen, da sie unserer Selbsterkenntnis zu dienen geeignet sind und nicht zuletzt der – Menschenwürde. Die höchste Aufgabe, die uns gestellt ist, glaube ich darin sehen zu dürfen, dass wir mehr und mehr, von Generation zu Generation, vom hominiden zum humanen Wesen werden.“ (Bilz, Wie frei ist der Mensch?, S. 176). Dies aber beinhaltet, den bioaxionomen Imperativ des Gattungserhalts mit eben der Radikalität zu hinterfragen, wie er biologisch radikal ist.
Schulddissipation,
Terror der Biologie,
Urschuld
Bionomische Sätze sind Formulierungen, die unser vorbewusstes, willens- und freiheitsfernes Weiterleben thematisieren. Sie beleuchten schlagend, warum wir auf Fragen wie „Sind Sie froh, dass Sie geboren wurden?“ mit pronatalistisch verzerrten Antworten zu rechnen haben. Aus ihnen erhellt auch, warum es zynisch ist, einem Daseinsverweigerer die Empfehlung zu geben: „Entleiben sie sich doch!“ (
Suizidzynismus):
„Our body itself is so made that it makes us work for it, even if we are unwilling.“ (GW Bd. 37, S. 329)
„Der Mensch ist ans Kreuz seines Körpers geschlagen. Sein schmerzgebeugtes Haupt ist von tiefen Dornen seiner Gedanken durchbohrt.“ (Schlimme Gedanken und andere, S. 173. Fund: GK)
Frisch,
Gandhis Grundsatz
„Keiner lebt, weil er das will. Aber nachdem er lebt, muss er es wollen.“ (Naturrecht und menschliche Würde, S. 15) Um denkbaren Missverständnissen vorzubeugen, präzisieren wir: Niemand wollte zu leben beginnen; lebt man einmal, drängen einen Bios und Psyche zum Weiterleben – ob man will oder nicht.
Blochs bionomischer Satz beleuchtet schlagend, warum wir auf Fragen wie „Sind Sie froh, dass Sie geboren wurden?“ mit verzerrten Antworten zu rechnen haben.
Angefochten wird der bionomische Satz etwa durch Überlegungen Hans Saners, für den in einem angeblichen geburtsgegebenen Anfangen-Können die Möglichkeit der Freiheit liegt (vgl. Saner, Geburt und Phantasie, S. 31). Saner verkennt die von Bloch bezeichneten freiheitsnegierenden Ansprüche des Organismus.
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