7. zumindest am Ende seines Lebens – über Tage, Wochen, Monate oder Jahre – ausführlich dokumentierte Qualen durchmachen muss.{29}
Während Benatars Buch „Better never to have been“ in der englischsprachigen Welt zahlreiche Debatten angestoßen und vielfältige Reaktionen hervorgerufen hat, wird es im deutschen Sprachraum weitgehend totgeschwiegen. Man kann nur mutmaßen, ob dies mit dem zusammenhängt, was Guido Kohlbecher das Nazionaltrauma – zumindest der Deutschen – nennt: Sachliche Debatten etwa zur Ethik der Euthanasie waren oder sind in der deutschen Öffentlichkeit schwer zu führen, weil das Missverständnis fortbesteht, Advokaten irgendeiner Art von Euthanasie hätten sich noch immer nicht vom Rassen- oder Auslesewahn der Nationalsozialisten losgelöst.
Zu Benatars wegweisendem Buch „Better never to have been“ siehe unseren Rezensions-Essai „Vom Schaden des Existenzbeginns“.{30}
Bernhard, Thomas (1931–1989)
Laut Eintrag in Killys Literaturlexikon nimmt Bernhards Werk einen „hervorragenden Platz in der Problemgeschichte der Misanthropie“ ein (Killy Literaturlexikon, Bd. 1., S. 464). Wie berechtigt diese Einschätzung immer sein mag, sie ist um den Hinweis zu ergänzen, dass Bernhard wie vielleicht kaum ein anderer Schriftsteller den
blinden generativen Flecken reflektieren vermag, aus dem alle Misanthropie, der Mensch als Leid erfahrendes und zufügendes Wesen zuallererst hervorgeht. Und zwar tut er dies in kantischer Manier, indem er hervorhebt, er sei gezeugt worden, ohne gefragt worden zu sein (
Elterntabu,
Elternverwünschung
Bernhard).
Folgende Auszüge demonstrieren für Bernhard die
Vorwurfs-Implikation der Mä phynai-Klage: „Der Mensch ist das Unglück, sagte er immer wieder, dachte ich, nur der Dummkopf behauptet das Gegenteil. Geborenwerden ist ein Unglück, sagte er, und solange wir leben, setzen wir dieses Unglück fort, nur der Tod bricht es ab. Das heißt aber nicht, dass wir nur unglücklich sind, unser Unglück ist Voraussetzung dafür, dass wir auch glücklich sein können, nur über den Umweg des Unglücks können wir glücklich sein, sagte er, dachte ich.“ (Thomas Bernhard, Der Untergeher, in: Die Romane, S. 999)
Statt antikisierender bloßer Beklagung des Geborenwordenseins haben wir es nachstehend mit einer Kritik progenerativer Entscheidungen zu tun:
„Er sagte: ‚Die Menschen, die einen neuen Menschen machen, nehmen doch eine ungeheuere
Verantwortung auf sich. Alles unerfüllbar. Hoffnungslos. Das ist ein großes Verbrechen, einen Menschen zu machen, von dem man weiß, dass er unglücklich sein wird, wenigstens irgendwann einmal unglücklich sein wird. Das Unglück, das einen Augenblick lang existiert, ist das ganze Unglück. Ein Alleinsein erzeugen, weil man nicht mehr allein sein will, das ist verbrecherisch.’ Er sagte: ‚Der Antrieb der Natur ist verbrecherisch, und sich darauf berufen ist eine Ausrede, wie alles nur eine Ausrede ist, was Menschen anrühren.’“ (Thomas Bernhard, Frost, in: Die Romane, S. 28)
Geburtstagsfeiern,
Natalschuldumkehr
Kantisches Nataltheorem
Bernhard,
Thanatalität
„Besser nie geboren!“ – das seit der Antike vorherrschende antinatalistische Leitmotiv –, kommt immer schon zu spät, es intendiert strenggenommen nur das Zweitbeste. Das Besser nie geboren nimmt bereits die Selbstperspektive ein, ist selbstbezüglich. Es besagt: Am besten wäre es gewesen, das Geborenwerden wäre mir nie passiert. Das eigentliche antinatalistische Leitmotiv müsste indes etwa lauten: Es wäre besser gewesen, ich wäre niemals „passiert“ – besser, ich und jeder andere hätte niemals zu existieren begonnen.
In Tolstois Anna Karenina wird eine fundamentale Frage personenbezogen angeschnitten und damit verfehlt: „Und auf einmal kam ihr der Gedanke: Könnte es wohl unter irgendwelchen Umständen für ihren Liebling Grigori besser sein, wenn er gar nicht geboren wäre? Aber diese Frage erschien ihr so seltsam und sinnlos, dass sie mit dem Kopf schüttelte, um diesen Wirrwarr umherwirbelnder, toller Gedanken zu verscheuchen.“ (Tolstoi, Anna Karenina, Bd. 3, S. 111)
In der Tat ist diese Frage „so seltsam und sinnlos“, dass wir gar nicht erst den Kopf zu schütteln brauchen, um aufkommenden Gedankenwirrwarr zu verscheuchen. Die Frage, ob es für jemanden besser sein könnte, wenn er nicht geboren wäre (im Sinne von: zu existieren begonnen hätte), ist wenig sinnvoll, da man existieren muss, soll etwas besser (oder schlechter) für einen sein. Die Frage müsste lauten: Wäre der Weltlauf ein besserer gewesen, wenn diese oder jene Person mit ihrer Leidensbilanz niemals zu existieren begonnen hätte.{31} Statt diese Kritik vorzubringen, sollten wir vielleicht besser das egofugale Moment des Zitats würdigen.
Aus der Zeit des chinesischem Boxeraufstands, um die Wende zum 20. Jahrhundert, berichtet Elisabeth von Heyking über die Armen von Peking: „Kaum menschliche Wesen waren sie zu nennen in ihrem Schmutz und ihrer namenlosen Verkommenheit. Und viele waren noch sehr jung, noch Kinder, und mussten doch auch mal eine Mutter gehabt haben [
Elternschuld]! Und der Jammer dieser vielen, besser nie gelebten Leben erschien deshalb so entsetzlich, weil seine völlige Hoffnungslosigkeit so klar vor Augen lag.“ (Elisabeth von Heyking, Briefe, die ihn nie erreichten, S. 226)
Vergleichbaren Einschätzungen wie derjenigen Heykings steht die verbreitete Überzeugung im Wege, es sei immer noch besser erbärmlich gelebt zu haben als gar nicht. Dahinter wiederum steht der Mythos vom Totgebliebensein: Hätte ich niemals zu leben begonnen, wäre ich ewig tot geblieben – und da ich den Tod fürchte und lieber erbärmlich weiterlebe als zu sterben, muss es besser sein, von Anfang an schlecht als gar nicht gelebt zu haben.
Bessergehensmotiv, Gleichgehensmotiv und Schlechtergehenseingeständnis
Hunderte Millionen, vermutlich Milliarden Personen wurden Eltern und dachten dabei, den Kindern möge es einmal besser gehen. Womit diese unzähligen Personen ihr eigenes Dasein dahingehend beurteilten, dass es nicht zufriedenstellend sei.
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