Karim Akerma - Antinatalismus

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Das vorliegende Antinatalismus-Handbuch dokumentiert und erörtert die Einsicht in das Nichtseinmüssen von Menschen als einen Gewinn von Freiheit gegen biosozionome Vorgaben. Und es verfolgt die ethische Absicht, fortzeugungswillige Leser davon zu überzeugen, dass es besser ist, nicht so zu handeln, dass neue Menschen zu existieren beginnen. Fortzeugungskritische Leser will es in ihrer antinatalistischen Haltung bestärken. Zu diesem Zweck bietet das Handbuch eine Vielzahl von Argumenten, Neologismen und Stellungnahmen zur Natalität aus Jahrtausenden auf. Auch wenn diese Stellungnahmen häufig gleichsam nur im Vorhof des Antinatalismus stehen, belegen sie doch, dass das Kulturwesen Mensch immer schon eine kritische Haltung gegen das biosoziale Radikal der Fortpflanzung einzunehmen wusste. Der von uns vertretene Antinatalismus ist universal, indem er alle leidfähigen Wesen berücksichtigt: Es ist zumeist besser so zu handeln , dass kein weiteres leidfähiges Tier zu existieren beginnt. Hier berührt sich der humanistische Antinatalismus mit dem ethischen Vegetarismus.

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Biblischer Antinatalismus

Die im biblischen Kontext anzutreffenden Lieberniegeborenseinswünsche scheinen stets auf eine Person und Situation gemünzt. Insofern wir aber картинка 212Jeremias, картинка 213Hiob oder картинка 214Judas, als überpersönlichen Typus auffassen dürfen, können die Sentenzen toposprägende Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen.

Jeremias

Die vermutlich in den Jahrzehnten um 550. v. Chr. entstandenen Jeremiaden zeugen von einer hohen Kultur der Nativitätsverfluchung. Wir zitieren aus dem 20. Buch des Jeremias:

„14 Verflucht sei der Tag, darin ich geboren bin; der Tag müsse ungesegnet sein, darin mich meine Mutter geboren hat!“ „15 Verflucht sei der, so meinem Vater gute Botschaft brachte und sprach: »Du hast einen jungen Sohn«, dass er ihn fröhlich machen wollte!“

Handelt es sich bei obigen Nativitätsverfluchungen um toposprägende Standardversionen, so repräsentieren die beiden folgenden Niegeborenseinswünsche den seltenen Sonderfall eines präferierten Todes und Verbleibs in utero:

„17 Dass du mich doch nicht getötet hast im Mutterleibe, dass meine Mutter mein Grab gewesen und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre!“ „18 Warum bin ich doch aus Mutterleibe hervorgekommen, dass ich solchen Jammer und Herzeleid sehen muß und meine Tage mit Schanden zubringen!“ (Luther-Bibel 1912, Der Prophet Jeremia, Jer 20, 14 ff.)

Zu Jeremias’ Niegeborenseinswunsch notiert Léon Bloy (1846-1917) in seiner „Exégèse des lieux communs“: „Ich gestehe, dass allein schon der Gedanke an ein Kind, dass wünschte, geboren zu werden, etwas Beunruhigendes hat, und jetzt verstehe ich auch den Propheten Jeremias besser, der bedauerte, dass seine Mutter nicht ewig mit ihm schwanger ging, ohne ihn jemals gebären zu können.“ {33}

Hiob

Das Buch Hiob ist eine weitere denkwürdige Stelle biblischer Weisheitsliteratur an der Gott und Elternschaft in den Einzugsbereich der Kritik geraten. Hiob erfährt, dass selbst ein gottgefälliges Leben nicht garantiert, dass uns schweres Leid fern bleibt, weshalb er zweistufig sowohl mit dem Schöpfer und mit den Eltern hadert. Ähnlich wie Jeremias wird der Tod in utero dem Geborensein vorgezogen – aber auch eine Fehlgeburt sei immer noch besser als reguläres Geborenwordensein:

Hiob 3

„3 Der Tag müsse verloren sein, darin ich geboren bin, und die Nacht, welche sprach: Es ist ein Männlein empfangen!

4 Derselbe Tag müsse finster sein, und Gott von obenherab müsse nicht nach ihm fragen; kein Glanz müsse über ihn scheinen!

5 Finsternis und Dunkel müssen ihn überwältigen, und dicke Wolken müssen über ihm bleiben, und der Dampf am Tage mache ihn gräßlich!

6 Die Nacht müsse Dunkel einnehmen; sie müsse sich nicht unter den Tagen des Jahres freuen noch in die Zahl der Monden kommen!

7 Siehe, die Nacht müsse einsam sein und kein Jauchzen darin sein!

8 Es müssen sie verfluchen die Verflucher des Tages und die da bereit sind, zu erregen den Leviathan!

9 Ihre Sterne müssen finster sein in ihrer Dämmerung; sie hoffe aufs Licht, und es komme nicht, und müsse nicht sehen die Wimpern der Morgenröte,

10 darum daß sie nicht verschlossen hat die Tür des Leibes meiner Mutter und nicht verborgen das Unglück vor meinen Augen!

11 Warum bin ich nicht gestorben von Mutterleib an? Warum bin ich nicht verschieden, da ich aus dem Leibe kam?

12 Warum hat man mich auf den Schoß gesetzt? Warum bin ich mit Brüsten gesäugt?

13 So läge ich doch nun und wäre still, schliefe und hätte Ruhe

14 mit den Königen und Ratsherren auf Erden, die das Wüste bauen,

15 oder mit den Fürsten, die Gold haben und deren Häuser voll Silber sind.

16 Oder wie eine unzeitige Geburt, die man verborgen hat, wäre ich gar nicht, wie Kinder, die das Licht nie gesehen haben. [...]

20 Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen.“

(Luther-Bibel 1912, Das Buch Hiob, Hi 3, 3 ff.)

Judas, der besser Niegeborene

Die Frage, warum der allvorauswissende Schöpfer die leidenden Menschen überhaupt hervorgehen ließ, stellt F. W. Krummacher mit Blick auf einen besonderen Menschen, Judas:

„‘Wohlan denn‘, ruft ihr, ‚da es dem Ewigen bewußt war, daß es jenem Menschen besser wäre, er würde nicht geboren, warum verhinderte er nicht seine Geburt?‘“ (Krummacher, Der leidende Christus. S. 150) Für das Bessernichtgeborensein des Judas finden sich im Neuen Testament zwei Belege, im Matthäus- und Markusevangelium:

Matthäus: „Des Menschen Sohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird! Es wäre ihm besser, daß er nie geboren wäre.“ (Luther-Bibel 1912, Das Matthäusevangelium, Mt 26, 24)

Markus: „Zwar des Menschen Sohn geht hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird. Es wäre demselben Menschen besser, daß er nie geboren wäre.“ (Luther-Bibel 1912: Das Markusevangelium, Mk 14, 21)

Hieran schließen sich religionsimmanent manche Nachfragen an, wie etwa die, ob der Jesusverrat durch Judas ebenso zum göttlichen Heilsplan gehörte wie der transhistorische Judenhass, der sich unter Christen nicht zuletzt aus der von Gott zugelassenen Judastat speiste. Ob zufällig oder nicht – in seinem Roman Jude the Obscure gestaltet Thomas Hardy einen modernen Namensvetter, der die biblischen Sentenzen in neuzeitlichem Umfeld lebendig werden lässt.

Bigotterie, parentale

Für Eltern, deren Kind im Sterben liegt, ist dies ein unfasslich schreckliches Ereignis. Nun sterben irgendwann alle Kinder aller Eltern. Zumeist sind diese sterbenden Kinder inzwischen so alt geworden, dass sie keine Eltern mehr haben, die von einem unfasslich schrecklichen Ereignis reden würden, wären sie noch am Leben. Mit Sicherheit würden Eltern, deren Kinder zu ihren (der Eltern) Lebzeiten sterben, nicht die Auffassung vertreten, das Sterben ihrer Kinder sei allein deshalb schrecklich, weil sie (die Eltern) dies miterleben. Einen derartigen Narzissmus würde kein Elternteil zugestehen. Vielmehr würden sie sagen, das Sterben ihres Kindes sei objektiv schrecklich. Nach einem solchen Zugeständnis fragt es sich allerdings, warum Menschen zuallererst Kinder haben.

Bioaxionome Urschicht

Bei aller Instinktreduzierung ist dem Menschen das wohl allen Lebewesen eignende Streben nach Selbsterhaltung gerade nicht verlorengegangen. Dem entsprechend gilt den Anhängern einer der beiden Hauptsekten der Religionsgemeinschaft der Jainas der Tod durch langsames Verhungern als der bedeutendste Sieg des Geistes über den blinden Weiterlebenswunsch. Im freiwilligen Verhungern wendet der Jaina den Höchstwert der Abkehr von allem Vergänglichen auf sich selbst an. Seine Wertlehre – wie auch diejenige der Stoa – ist Ausdruck der Emanzipation von den Vorgaben jener biologischen Urschicht, die allen Menschen die Selbsterhaltung als Grundeinstellung diktiert.

Sofern er nicht ausdrücklich für den Suizid plädiert ( картинка 215Suizidzynismus), argumentiert der Antinatalismus zwar nicht unmittelbar gegen das Prinzip individueller Selbsterhaltung, wohl aber gegen den auf der bionomen Urschicht siedelnden Wert des Gattungserhalts: Der allseits hochgehaltene Wert des Gattungserhalts speist sich aus einer Kombination zweier bionomer Vorgaben: Selbsterhalt und Fortpflanzung(strieb). In Gestalt der Fortpflanzung wird ein Ausweg vorgetäuscht, wie das Selbst nach dem eigenen Ableben in wie immer abgeschwächter Form an der Zukunft teilhaben kann.

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