Karim Akerma - Antinatalismus

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Das vorliegende Antinatalismus-Handbuch dokumentiert und erörtert die Einsicht in das Nichtseinmüssen von Menschen als einen Gewinn von Freiheit gegen biosozionome Vorgaben. Und es verfolgt die ethische Absicht, fortzeugungswillige Leser davon zu überzeugen, dass es besser ist, nicht so zu handeln, dass neue Menschen zu existieren beginnen. Fortzeugungskritische Leser will es in ihrer antinatalistischen Haltung bestärken. Zu diesem Zweck bietet das Handbuch eine Vielzahl von Argumenten, Neologismen und Stellungnahmen zur Natalität aus Jahrtausenden auf. Auch wenn diese Stellungnahmen häufig gleichsam nur im Vorhof des Antinatalismus stehen, belegen sie doch, dass das Kulturwesen Mensch immer schon eine kritische Haltung gegen das biosoziale Radikal der Fortpflanzung einzunehmen wusste. Der von uns vertretene Antinatalismus ist universal, indem er alle leidfähigen Wesen berücksichtigt: Es ist zumeist besser so zu handeln , dass kein weiteres leidfähiges Tier zu existieren beginnt. Hier berührt sich der humanistische Antinatalismus mit dem ethischen Vegetarismus.

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Blumenbergs weinender Paulus

Ein weiteres Beispiel für Blumenbergs antinatalismusnahe Arbeit im philosophischen Untergrund ist seine Darstellung des weinenden Paulus gemäß einer koptisch-apokryphen Paulusapokalypse. Von einem Engel angeführt muss Paulus tief in den Abyssos der Masse der Verdammten blicken, von woher –trotz des Heilstodes des Gekreuzigten – zahllose Erbamensrufe heraufwehen: „Paulus aber weint angesichts dessen, was er sieht, seufzt über das Menschengschlecht. Der Engel an seiner Seite verweist ihm das: Warum weinst du? Bist du barmherziger als Gott? Paulus sagt in seiner Apokalypse nichts von einer Antwort, die er gegeben hätte. Erst viel später, nach vielfältiger Umsicht unter den Qualen der Verdammten, stellt er die alles umfassende Frage: „Weshalb sind sie geboren worden? Wieder verweist es ihm der Engel: Warum weinst du? Bist du barmherziger als der Herr Gott? Und nochmals etwas später, diesmal sich selbst einbeziehend: Besser wäre es für uns, wenn wir nicht geboren wären, wir alle, die wir Sünder sind. Es ist schon viel, dass dieser Paulus weint. Wann ist jemals in der Geschichte dieser großen Liebesreligion von den Heilsgewissen geweint worden über die Verworfenen und Verdammten, deren Überzahl, die massa damnata?“ (S. 253)

In diesem Apokryphon regt sich früh Empörung darüber, dass das Paradox der jesusinduzierten Erlösung aller und der Möglichkeit ewiger Verdammnis (laut Augustinus später: der großen Mehrheit) unter ein Gottesbild gezwängt werden sollte. Auch wenn die Großkirche Augustinus’ Terrorpredigt von den wenigen Erwählten (Pauci electi) nicht in ihren Kanon aufnahm, durften gläubige Eltern im Grunde niemals Nachkommen zeugen, da ihren Kinder doch stets jene ewige Folter bevorstehen konnte, die Paulus zu Tränen rührte. Zwanglos lässt sich diese apokryphe Darstellung in eine postreligiöse Forma mentis transponieren: Wer von uns hätte noch nicht in jenen Abyssos geblickt, der Paulus zu Tränen rührte? Blumenbergs apokryphe Botschaft aus dem philosophischen Untergrund lautet daher: Weshalb sind all diese Menschen gezeugt worden?

Brahms, Johannes (1833–1897)

Mit seinen Wünschen zur Geburt eines Kindes schlägt Brahms eine unterschwellig antinatalistische Tonart an: „Das Beste kann man ja in dem Fall nicht mehr wünschen – nicht geboren werden, soll’s sein. Möge nun der neue Weltbürger solches nie denken, sondern lange Jahre sich des 7. Mai und seines Lebens freuen.“ (Johannes Brahms an Joseph Joachim zur Geburt eines Kindes, zit. nach: Andreas Steffens, Poetik der Welt, S. 89)

Brahms Worte gehen mit einer für das „O wär’ ich nie geboren!“ topos-typischen Schicksalsergebenheit einher. Wenn es das Beste ist, nicht geboren zu sein und wenn Menschen sich entscheiden können, ob Kinder geboren werden oder nicht, so folgt morallologisch, dass es besser ist, nicht zu zeugen und zu gebären. Brahms Worte markieren dennoch einen Punkt, an dem die bloße Schicksalsergebenheit in einen nur vermeintlich natürlichen Gattungszusammenhang ansatzweise verlassen wird und die Existenzverhütung als das eigentlich Wünschbare identifiziert wird.

картинка 234Geburtstag

Brave-New-World-Prinzip

Um Personen auf ihre Moral- oder Kulturfestigkeit abzuklopfen, wird ihnen gern die Frage vorgelegt, was sie aus einem brennenden Haus retten würden, wenn sie nur eines retten könnten: das Baby, den Picasso oder die Katze. Lem hat den Weg dafür geebnet, dass wir nicht nur das Baby, sondern auch die Katze der Hochkultur vorziehen:

„Persönlich stehe ich auf dem humanistisch-fortschrittlichen und aufgeklärten Standpunkt (das ist schon komisch) – dass ich, wenn ich die Wahl hätte, zwischen einer Situation, in der viele Menschen leiden, daraus jedoch eine herrliche Kulturausstrahlung erfolgt, und einer Situation, wie sie sich Witkacy vorgestellt hat, in der eine verdummende Glückseligkeit herrscht, aber die Kultur draufgeht, eindeutig sagen würde: Lasst lieber die Kultur draufgehen als die Menschen. (....) ich bin bereit, die Kultur zu opfern.“ (Lem, St. / Beres, Stanislaw, Lem über Lem, S. 353. Begriffsprägung „New-World-Prinzip“ von GK)

Antinatalistisch gewendet besagt das Brave-New-World-Prinzip: Die ästhetische Herrlichkeit menschheitlichen Kulturschaffens ist kein zureichender moralischer Grund, ihm mittels Fortsetzung der Menschheit auch künftig unzählige Personen zu opfern: Wir sollten nicht zögern, die Kultur zu „opfern“, wenn im gleichen allen Kriegen, Folterungen und Verbrechen die Bestehensgrundlage entzogen wird.

картинка 235Kultur, картинка 236Negativ kommunizierende Röhren der Kultur

Brüderschaft des Todes

Nietzsche scheint zu ahnen, dass ein allgemeines Innewerden der ungeheuren Sterbenszumutung, die alle Eltern ihren Kindern auferlegen, eine Brüderschaft des Todes konstituieren würde, die dazu fähig wäre, gegen weitere Auferlegungen des Sterbensdiktats (Existenzgründungen) zu rebellieren. So ist er als картинка 237Axiopath, der dem Höchstwert eines um Macht ringenden Lebens huldigt, dankbar dafür, dass Menschen wesentlich todesvergessen dahinleben und gleichsam naturwüchsig immerfort neue Menschen zum Quälen und Gequältwerden, Leben und Sterben, verurteilen:

„Der Gedanke an den Tod. – Es macht mir ein melancholisches Glück, mitten in diesem Gewirr der Gäßchen, der Bedürfnisse, der Stimmen zu leben: wieviel Genießen, Ungeduld, Begehren, wieviel durstiges Leben und Trunkenheit des Lebens kommt da jeden Augenblick an den Tag! Und doch wird es für alle diese Lärmenden, Lebenden, Lebensdurstigen bald so stille sein! Wie steht hinter jedem sein Schatten, sein dunkler Weggefährte! Es ist immer wie im letzten Augenblick vor der Abfahrt eines Auswandererschiffes: man hat einander mehr zu sagen als je, die Stunde drängt, der Ozean und sein ödes Schweigen wartet ungeduldig hinter alle dem Lärme – so begierig, so sicher seiner Beute! Und alle, alle meinen, das Bisher sei nichts oder wenig, die nahe Zukunft sei alles: und daher diese Hast, dies Geschrei, dieses Sich-Übertäuben und Sich-Übervorteilen! Jeder will der erste in dieser Zukunft sein – und doch ist Tod und Totenstille das einzig Sichere und das allen Gemeinsame dieser Zukunft! Wie seltsam, daß diese einzige Sicherheit und Gemeinsamkeit fast gar nichts über die Menschen vermag und daß sie am Weitesten davon entfernt sind, sich als die Brüderschaft des Todes zu fühlen! Es macht mich glücklich zu sehen, daß die Menschen den Gedanken an den Tod durchaus nicht denken wollen! Ich möchte gern etwas dazu tun, ihnen den Gedanken an das Leben noch hundertmal denkenswerther zu machen.“ (Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus 278, S. 523) картинка 238Thanatalität

Mit Nietzsche wäre dem anzufügen, dass Menschen sich nicht nur nicht als Brüderschaft des Todes wahrnehmen – sie sehen sich ebenso wenig als Brüderschaft unverschuldet auf elterliches Geheiß Leidender, deren Vorgeschichte und Verdammungsurteil Nietzsche paläoanthropologisch festmacht:

„Leiden-sehn tut wohl, Leiden-machen noch wohler – das ist ein harter Satz, aber ein alter mächtiger menschlich-allzumenschlicher Hauptsatz, den übrigens vielleicht auch schon die Affen unterschreiben würden: denn man erzählt, daß sie im Ausdenken von bizarren Grausamkeiten{34} den Menschen bereits reichlich ankündigen und gleichsam »vorspielen«. Ohne Grausamkeit kein Fest: so lehrt es die älteste, längste Geschichte des Menschen – und auch an der Strafe ist so viel Festliches!“ (Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, Werke in 2 Bd., Bd. 2, S. 808) Als Axiopath des Machtlebens macht sich Nietzsche hier zum Komplizen der sich für ihn bereits im Vormenschlichen abzeichnenden Grausamkeiten.

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