Casanova führt überzeugend als weiteren Naturmangel den als Genuss unerlebbaren
Schlaf an:
„Der Schlaf hätte für uns in denselben Stunden, in denen wir in ihn versunken sind, als Wohltat spürbar sein können, während wir seine Süßigkeit nur empfinden, wenn wir einschlafen, was in einem flüchtigen Moment geschieht; wenn wir aber aufwachen, so empfinden wir eine Wohltat, die sogleich entflieht und der Vergänglichkeit angehört. Kurz und gut, der Mensch hätte so beschaffen sein können, dass er niemals hätte Wünsche haben müssen, die er nicht auf der Stelle hätte befriedigen können, und dass er nach seinem Willen auch neue Wünsche hätte hervorbringen können.“ (A.a.O., S. 128)
Schließlich behauptet Dialogpartner A., dass sich die Menschen über ihre Lebenszufriedenheit betrögen (
Positivitätsdrall):
„Sie lieben es (das Leben, G.K.) aus einem Naturtrieb heraus; sie lieben es, weil sie sich verpflichtet fühlen, es zu lieben, weil sie sich selbst lieben oder weil sie für die Zeit nach ihrem Tod Schlimmeres befürchten oder weil sie soviel Aufhebens um jene Genüsse machen, die sie sich von Zeit zu Zeit verschaffen, um gegen jene Leiden des Körpers und des Geistes, die sie stets ertragen müssen, unempfindlich zu werden; sie bringen es so weit, sie vor sich selbst zu verbergen.“ (S. 132)
Wie ist nun Casanovas komplexer Kommentar zur Conditio in/humana zu bewerten? Bei aller scharfen Neganthropik und trotz
Mä-phynai-Klage sowie den von ihm aufgebotenen Formen wird er nicht zum Antinatalisten. Doch erhellt aus seinem radikalen utopischen Gattungs-Gegenentwurf unmissverständlich, dass er sich eine ganz andere (wenn auch völlig unrealisierbare) Menschheit - ohne Kindererzeugung! - erträumte, wenngleich er allein den schwachen Trost gewähren konnte, jedem mit dem gewohnt leidensträchtigen Leben Unzufriedenen den selbstgewählten „Ausstieg“ freizustellen.
Cazalis, Henri (1840–1909)
Sowohl ein an Cazalis geschulter Camus als auch ein mit Cazalis‘ „Livre du néant“ vertrauter Cioran wären im Hinblick auf die Notwendigkeit einer metaphysischen Revolte eines jeden Sisyphus‘ vielleicht zu radikaleren Formulierungen gelangt.
Sisyphus‘ Revolte als das Verebben der Menschheit nach Paradisentzug
In der Diagnose Cazalis’ bleibt nach dem Einsturz der paradiesischen Entschädigungsanstalten, nach dem Fall des religiösen Schleiers, nur das Verebben der Menschheit, sofern der moderne Mensch nicht als
Sisyphusist sein Dasein fristen und weitergeben will: „Zweifellos wird der Tag kommen, da der Mensch sich nicht länger fortpflanzen will. Wozu auch? Um die Dauer dieser höllischen Komödie zu verlängern, um diese Sisyphus-Arbeit auf ewig weiterzuführen, um immerfort in diesem Schmutz und im Nichts zu wühlen? Einst hatte man Gott und die Hoffnung auf ein lichterfülltes Dasein nach dem Tode. Die moderne Naturwissenschaft zeigt uns indes, dass wir nichts anderes als Tiere unter Tieren sind – mit ganz tierischen Leidenschaften, die wir mit brillanten Lügen zu schmücken pflegen; unsere Geistesblitze sind nichts weiter als Neurosen; unsere Propheten sind Wahnsinnige und unsere Religionen sind nichts als Phantasiegebilde, die unserem erbärmlichen Hirn entsprungen sind. Die alten Schleier sind gelüftet. Am Ende steht nur das schändliche Grab, der namenlose Tod… Und da soll es noch Leute geben, die in aller Seelenruhe essen, trinken, schlafen und sich fortpflanzen!“{39}
Paradiese als Entschädigungsanstalten,
Sisyphusmotiv
Wer mit Cazalis genau hinschaut, erkennt, dass die Folter allerorten fortdauert, obgleich sie offiziell abgeschafft sein mag. Im Zuge der Fortpflanzung wird Leid zwar nicht gezielt zugefügt (der Tatbestand eigentlicher Folter), aber Torturen werden billigend als Konsequenz aller Fortzeugung in Kauf genommen und gern mit der Bemerkung abgetan, da müsse jeder durch. Cazalis nennt beim Namen, wo jeder „durch“ muss:
„Die Folter, die wir doch abgeschafft haben, ist nach wie vor in kraft. Männer, Frauen, Kinder, ob schuldig oder unschuldig: Bevor sie dem Nichts überantwortet werden, liefert die Folter sie ihren Knechten aus. Je nach Lust und Laune sticht sie dem einen ein Loch ins Auge, anderen nagt sie am lebendigen Fleische, zehrt an den Knochen, frisst sich durch den Schädel, Tag und Nacht, über Wochen, Monate und Jahre hinweg; den Einen macht sie wahnsinnig, verheert sein Denkvermögen und überlässt ihm das Gelächter des Wahnsinnigen; einen Anderen wiederum liefert sie lebendig den Würmern zum Fraß aus.“{40}
Auch wenn Cazalis an dieser Stelle die Daseinsfolter ausbuchstabiert, wird die elterliche Instanz nicht beim Namen genannt, die alle Menschen dem nach mancherlei Spielarten vorgehenden Henker ausliefert.
Das zwischen dem 10. und 7. vorchristlichen Jahrhundert entstandene – und angeblich von Konfuzius zusammengestellte – Liederbuch der Chinesen „Schī-kīng“ belegt, dass das Vordringen zum
Mä phynai nicht auf die griechische Antike beschränkt blieb:
„Schlimme Zeiten
Trompetenblumen blüh'n, / O welch' ein glänzend Gelb sie schmückt! / Mein Herz ist voller Kümmerniss, / Und o, wie es der Schmerz bedrückt!
Trompetenblumen blüh'n, / Wie grün ist ihrer Blätter Schein! / Zu wissen, dass mir's also ging, / O besser, nicht geboren sein!“{41}
Dieses Zeugnis belegt, wie die Conditio in/humana durch Jahrtausende und über Kontinente hinweg mit ähnlichen Wahlsprüchen begegnet wird.
Chopin, Frédéric (1810–1849)
Chopin verdanken wir eine interessante Variation des Themas, am besten sei es, nie geboren zu werden, am
zweitbesten, früh zu sterben. Er wirft die Frage nach dem Besten und Schlechtesten auf und meint, „dass das Sterben das Beste ist, was geschehen kann. Was ist dann das Übelste? Das Geborenwerden (...). Warum hat man mir nicht vergönnt, nicht geboren zu werden?“ (Zitiert in: Jürgen Lotz, Frédéric Chopin. Rowohlt: Reinbek 2000, S. 49) Wir möchten Chopin humoristisch antworten, dass es leider nicht eine unter 100000 Personen erleben wird, nicht zu existieren. Der Fall Chopin belegt für die Musik, auf welchen existentiellen Opfern das Gros aller Hochkultur beruht.
Humoristischer Antinatalismus
Christliche Un-/Reinheit und Antinatalismus
Stanislav Lem entlarvt das Christentum der Evangelien als die eigentlich antinatalistische Religion: „Unsere Gattung könnte sich nicht konsequent für vollkommene Reinheit im christlichen Sinne entscheiden, weil sie dann innerhalb einer Generation aussterben würde. Auch das entgegengesetzte Extrem könnte sie nicht verwirklichen, denn würde sie / sich einer völlig von der Fortpflanzung gelösten Ausschweifung hingeben, so würde sie ebenfalls ohne Nachkommen untergehen.“ (S. Lem, Philosophie des Zufalls II, S. 186f) Nach der weltweit eingeleiteten Dissoziation von Fortpflanzung und Sexualität mittels Verhütungsmitteln ist der Gattungsfortsetzung ein entscheidender bionomer Antrieb zwar nicht weggebrochen, aber gleichsam im Keime erstickt. Ihre Fortsetzung speist sich zunehmend nurmehr aus religiösen oder traditionellen Beständen und den Vorgaben der Sozialmoral.
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