Karim Akerma - Antinatalismus

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Das vorliegende Antinatalismus-Handbuch dokumentiert und erörtert die Einsicht in das Nichtseinmüssen von Menschen als einen Gewinn von Freiheit gegen biosozionome Vorgaben. Und es verfolgt die ethische Absicht, fortzeugungswillige Leser davon zu überzeugen, dass es besser ist, nicht so zu handeln, dass neue Menschen zu existieren beginnen. Fortzeugungskritische Leser will es in ihrer antinatalistischen Haltung bestärken. Zu diesem Zweck bietet das Handbuch eine Vielzahl von Argumenten, Neologismen und Stellungnahmen zur Natalität aus Jahrtausenden auf. Auch wenn diese Stellungnahmen häufig gleichsam nur im Vorhof des Antinatalismus stehen, belegen sie doch, dass das Kulturwesen Mensch immer schon eine kritische Haltung gegen das biosoziale Radikal der Fortpflanzung einzunehmen wusste. Der von uns vertretene Antinatalismus ist universal, indem er alle leidfähigen Wesen berücksichtigt: Es ist zumeist besser so zu handeln , dass kein weiteres leidfähiges Tier zu existieren beginnt. Hier berührt sich der humanistische Antinatalismus mit dem ethischen Vegetarismus.

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Während Eltern heute davon ausgehen dürfen, das Ende der eigenen Kinder nicht miterleben zu müssen, eröffnet dieses Gedankenexperiment eine Lage, in der kein Elternteil mehr sicher sein dürfte, den Tod eigner Kinder nicht doch mit ansehen zu müssen. Hätte dies Auswirkungen auf das generative Verhalten der Menschen? Ziehen wir eine Analogie herbei: Ein Argument für den Vegetarismus lautet, dass vielleicht die meisten Menschen ihren Fleischkonsum aufgeben würden, wenn sie die Tiere, deren Fleisch sie verspeisen möchten, eigenhändig töten müssten oder dem Tötungsvorgang der Tiere in der Großschlachterei auch nur beizuwohnen hätten. Griffe im Falle der Fortzeugung ein ähnlicher Mechanismus? Würden Menschen ihre progenerativen Entscheidungen revidieren, wenn sie mit erheblicher Wahrscheinlichkeit den Tod ihrer Kinder miterleben müssten?

In der Welt in der wir leben, greift offenbar ein Prinzip, welches wir die thanatalistische Ausblendung nennen können. Von ihrer natürlichen Sterblichkeit getragen, entziehen Eltern sich ohne Zutun dem, was ihnen vielleicht derart unerträglich wäre, dass sie es gar nicht erst bewirken würden, wenn wahrscheinlich wäre, dass sie es miterleben müssten: dem Hinfälligwerden und Sterben ihrer eigenen Kinder.

Auschwitzlosigkeit per Selbstlosigkeit

Häufig ist der Wunsch nach einem ganz anderen Geschichtsverlauf zu hören: nach anderen historischen Antezedenzbedingungen, einer grundlegend anderen geschichtlichen Weichenstellung, vor deren Hintergrund Auschwitz nicht möglich gewesen wäre. Wer allerdings aufruft: „Ach wäre es doch nie zu Auschwitz gekommen!“, ist sich nicht unbedingt darüber im Klaren, dass er mit diesem Ausruf seine eigene Existenz metaphysisch aufs Spiel setzt. Denn wäre der Lauf der Dinge vor Auschwitz dermaßen anders gewesen, dass es nicht zu den deutschen Vernichtungslagern gekommen wäre, so hätten vermutlich derart viele Dinge so grundsätzlich anders verlaufen müssen, dass wir selbst heute nicht existieren würden. Unter ganz anderen Voraussetzungen hätten unsere Eltern sich wahrscheinlich nicht kennengelernt; und wenn doch, so hätten sie nicht uns, sondern bei anderer Gelegenheit den Existenzbeginn anderer Kinder bewirkt.

Folglich stellt sich die Frage: Sind wir bei unserem Wunsch nach Auschwitzlosigkeit so aufrichtig, dass wir bereit sind, einem anderen Lauf der Geschichte – sagen wir infolge eines alliierten Präventivkriegs gegen Hitler im Jahr 1938 – auch dann zuzustimmen, nachdem uns klar geworden ist, dass wir diesenfalls vermutlich niemals existiert hätten?

Vermutlich nähme jeder das eigene Niegewesensein in Kauf, wenn es bei einem entsprechenden Geschichtsverlauf nicht zu Auschwitz oder einer anderen Großkatastrophe gekommen wäre. Im Anschluss hieran stellt sich allerdings die Frage: Wie groß muss eine Katastrophe, muss menschliches Leid sein, damit wir bereit sind, zu ihrer Verhinderung einen Geschichtsverlauf zu bevorzugen, der unser Niegewesensein beinhaltet? Wären wir schon dann bereit, unser Dasein symbolisch zurückzunehmen, wenn hierdurch ein Geschichtsverlauf möglich gewesen wäre, in dem der unbekannte Nachbar nicht unter die Räder eines Autos geraten wäre?

Nun fragt sich: Wenn wir selbst bereit sind, zugunsten anderer Geschichtsverläufe symbolisch auf die eigene Existenz zu verzichten, um auch kleinere Übel als Auschwitz zu verhindern: können und sollten wir dann nicht unterstellen – oder gar verlangen –, dass auch andere Personen zur Abwehr kleinerer Übel symbolisch auf die eigene Existenz verzichten? Und liegt somit nicht in letzter Instanz der Schluss nahe, dass zur Unterbindung jeglicher Übel am besten gar keine Menschen gewesen wären und folglich am besten keine neuen hervorzubringen sind, von denen zahlreiche entsetzlich leiden müssten?

картинка 183Grenzwert, neganthropischer, картинка 184Smilansky, картинка 185Symbolischer Suizid

Ausgebliebene

Bei etwas anderem Weltverlauf, anderen, früheren oder späteren Entscheidungen von Milliarden Personen, hätten Milliarden zusätzliche oder Milliarden andere Menschen zu existieren beginnen können. Dies sind die Ausgebliebenen, „deren“ Nichtexistenz seltsamerweise von niemandem bedauert wird. Seltsam ist dies, weil die meisten offenbar einen hypothetischen Weltlauf ablehnen, in dem sie selbst nicht vorgekommen wären.

Ausgestorbene fortgeschrittene außerirdische Intelligenz

Wenn wir uns Nachrichten aus dem All von außerirdischen Intelligenzen deshalb erhoffen, weil wir sie uns als wahrhaft fortgeschrittene Intelligenzen vorstellen, so ist diese Hoffnung zweifelhaft: Aus Furcht, in eine frühere, kriegerische, leiderfülltere Phase ihres Daseins zurückzufallen, werden wahrhaft fortgeschrittene Wesen auf fernen Planeten ihre Fortpflanzung längst eingestellt haben, sodass uns aufgrund der kosmischen Langsamkeit der Lichtgeschwindigkeit zwar ihre Botschaften erreichen mögen – die Intelligenzen selbst werden aber längst verebbt sein.

Ausklang

In ihren literarischen Versuchen zum Menschheitsende neigen Schriftsteller zur Wiederbevölkerung der Erde nach Großkatastrophen. Alexander Kuppermann gehört zu den Wenigen, die inständig hoffen, dies möge ausbleiben und richtet ein entsprechendes Stoßgebet an Gott, den größten Optimisten:

„Ausklang

Gnade vor Unrecht

Nach den bisherigen Erfahrungen ist zu befürchten, dass der unverbesserliche Weltverbesserer trotz und nach alledem sich wieder entschließen wird, die endlich von Kreaturen gesäuberte Erde von neuem mit Lebewesen aller Art zu bevölkern. Lasst uns für diesen Fall bitten, dass der unverwüstliche allerhöchste Optimist bei einer nochmaligen Neuschöpfung aller Spezies die Gattung Mensch womöglich gänzlich ausfallen lässt. Wenn er aber in seiner unerforschlichen Weisheit auch diesmal nicht verzichten will, dann lasst uns inbrünstig flehen, dass er uns gnädig vor dieser Sorte Heldenmenschen verschonen möge.

Gnade!

Alles, nur keine Helden!“ (Alexan, Mit uns die Sintflut, S. 71)

Aussterbenspflicht

Antinatalistisch noch etwas unbeholfen sagte der Dadaist Walter Serner (1889 bis circa 1942): „Jeder hat die moralische Verpflichtung auszusterben.“ (in: Bock, Weltbevölkerungsfibel, S. 8) – Womit Serner wohl sagen wollte: Jede Person ist moralisch verpflichtet, so zu handeln, dass die Menschheit ausstirbt, wenn alle so handeln wie diese Person.

Axiarchismus und Kakónarchismus

Axiarchismus ist die von dem kanadischen Philosophen John Leslie propagierte Vorstellung, das Universum existiere, weil dies gut sei und dass es von abstraktem Wert regiert werde. Demnach existiert das Universum aus ethischer Notwendigkeit. In dem Maße, in dem dies zutrifft, offenbart sich freilich auch das Schlechte, die картинка 186Unethik dieser sogenannten ethischen Notwendigkeit: Jahrmilliarden des Fressens und Gefressenwerdens, bloß damit mit dem Einsetzen der menschlichen Geschichte Vernunftwesen einander verfolgen, bekriegen und vernichten können?

Mit mindestens ebenso großem Recht wie vom Axiarchismus ließe sich eine Doktrin des Kakónarchismus aufstellen, wonach die Welt existiert, weil dies schlecht ist und dass sie von abstraktem Unwert regiert wird: Unglück, Unheil, Not, Schaden, Verlust, Verderben, Bosheit, Nachteil (dies sind einige Bedeutungen des altgriechischen Wortes to kakón). In seinem Aufsatz „The theory that the world exists because it should“ kommt Leslie diesem Vorbehalt soweit entgegen, dass er sagt, er könne auch die Ansicht derjenigen nachvollziehen, denen zufolge das Universum nicht existiert, weil dies ethisch erforderlich wäre, sondern „because it is an ethical disaster.“{21}

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